Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-12-03 · Heft 49 (3.12.1872) · p. Seite 966

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 49 (3.12.1872)
Date
1872-12-03
Page
Seite 966 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226852-3226902--31216-3254129
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und Hüte besitzt— welche Monstrosität! Sollte es da nicht wirklich vernunftgemäßer sein, eine höchste Bernunft und höchste Güte anzuerkennen, welche in diese Sammlung von Atomen die Vernunft und die Güte gebracht, und sie, dadurch zu einer „Werkftätte der Bernunft und Güte" erhoben hat, in welcher das Werden und Vergehen der Wesen nach vernünftigem und allgütigem Plane vor sich geht? Ist es nicht, also das Dasein Gottes, welches die Vernunft und das Herz des Menschen in. unmittelbarer und bewußter Erkenntniß fordern? Nein! alle diese Sophismen und Syllogismen und Philofopheme, Kriticismen und Skepticismen können die Gotteslehre der Menschen nicht erschüttern und nicht ersetzen, und unwillkürlich führen sie selbst wieder zu diesem ewigen Fundamente des Menschengeistes und seiner Entwickelung zurück. (Schluß folgt.) Das Selbstgefühl der Jude«. ii. Unter den Büchern Mofis ist es das fünfte-,- unter den prophetischen der zweite Jesajas, welche die israelitische Volksseele in ihrem höchsten und edelsten Bewußtsein zum Ausdrucke bringen, besonders in dem Bewußtsein über sich selbst, über das, was'dieser Stamm eigenthümlich besitzt , und worin seine individuelle und weltgeschichtliche Bedeutung liege. Man wird fragen: und nicht auch die Psalmen? Allerdings auch diese, jedoch nur, was vielmehr das Leben des Individuums ausmacht, nicht das allgemeine des Volkes. In der einleitenden Ermahnung, welche das Deuteronomium vom 4. Eapitel an enthält, werden die Gotteslehre und das Gesetze welche den. Israeliten zu eigen geworden sind, allen Völkern gegenüber als die höchsten und vorzüglichsten nachdrücklich bezeichnet, die ihm durch göttliche Offenbarung verliehen seien. Im zweiten Jesajas wird dies dahin erweitert, daß das israelitische Volk hierfür ein Martyrium zu tragen, aber auch diesem Lehre und dieses Gesetz allen Völkern der Erde zu lehren und für sie zu erhalten habe. Diese beiden Momente, daß Israel die reine Gvtteslehre und ein Gesetz des lautersten Rechtes und der Volksfreiheit besitze und für diese von Gott erwählt sei/ bilden von jener Zeit an den- Inhalt deS Selbstgefühls des jüdischen Stammes. Siewaren es, welche den alexandrinischen Philosophen sein Theorem als einen, fortlaufenden Commentar zur heiligen Schrift abfaffen ließen; sie dictirten dem Flavius Josephus im Palaste des Casars selbst, der auf Jerusalem Salz und Asche gestreut hatte, seine Alterthümer und seine Streitschriften. Sie sprachen sich in der Formel aus,, welche jeder Jude, wenn ihm aus der Thorah vorgelesen wird, noch heute zu sagen hat. Und in der That, ein Blick auf alle die Völker, mit denen der Israelit in Berührung kam, und die selbst da, wo sich einige erhabene religiöse Ideen als Grundgedanken erkennen lasten, in die gröbste Vielgötterei, selbst in Thier- und Sternendienst versunken waren, konnte ihm eine andere Vorstellung nicht beibringen. In.Babel wie in Rom wich er vor dem schnödesten Götzendienste und vor dem schmählichsten Despotismus zurück, und bewahrte sich darum selbst als Besiegter und Zurückgestoßener ein starkes Selbstgefühl., das ihn vor dem Untergänge, vor dem Versinken in den großen Sklavensumps rettete. Auch das Christenthum hatte sich, sobald es einige Bedeutung gewonnen Haltes mit Dogmen umgeben, und iw denselben aufgebaut, die dem Juden, der seines Glaubens erfüllt war, dem Heidenthmne nicht fern erscheinen mußten, und weit unter dem einfachen Monotheismus seiner Religion standen. Die sittlichen und gesetzlichen Zustände des Mittelalters, der Katholicismus mit seinen Heiligem und seiner Hierarchie, der Protestantismus, mit seiner starren Dogmatik, vermochten ihn eines Anderen-nicht zu belehren. Die Entfernung.und Ausschließung vom geistigen Lebender Völker, und das exclusive: Studium des Talmuds und der heiligen Schrift nach des Letzteren Interpretation, mußten ihn in den obengezeichneten Vorstellungen,, und in vem durch: sie bewirkten Selbstgefühle, stärken und festhalten. Man. hat dem Judenthume hieraus ein Vergehen gemacht; man hat, von modernen Gesichtspuncten ausgehend, dem jüdischen Volke aus der Vorstellung, für diese Lehre und dieses Gesetz auserwählt zu sein, einen schweren Vorwurf gebildet. Aber hat man Dasselbe den Griechen gethan? Die hellenischen Stämme hatten kein geringeres Selbstgefühl und belegten Alles, was nicht hellenisch war, mit dem Ausdruck „Barbaren". Sie hegten eine unendliche Verachtung vor allen übrigen Völkern und gingenhierin viel weiter als die Juden, denn Jene hielten alle Völker für unfähig, sich auf die hellenische Geisteshöhe zu erheben, während Diese den Glauben hegten, daß sich einst alle Nationen zu ihrer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.