Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1872)
- Date
- 1872-12-03
- Page
- Seite 965 (sequence 3)
- Language
- German
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Aber das All als solches, als Gesammtheit der Atome und ihrer Eigenschaften, ist nicht vernünftig und gut. Sonst müßte es wieder als etwas Besonderes existiren, um Bewußtsein und Sittlichkeit zu besitzen, und Strauß wäre wieder — zu Gott angelangt. Diesem einfachen Schluffe sucht er durch Sprünge zu entgehen. Er sagt : Die Welt ist nicht das Werk einer Vernünftigkeit und Güte „sondern die Werkstätte des Vernünftigen und Guten." Dies ist leeres Wortspiel. In der Werkstätte werden Werke vollbracht, die Werke sind die Einzelwesen, welche die Welt ausmachen, also Werke des Vernünftigen und Guten, das in der Werkstätte arbeitet. Die Frage bleibt also immer: wer hat die Vernunft und das Gute, d. h. das Bewußtsein und die Sittlichkeit, die in dem All operirt? Auch der, freilich nicht mehr ungewöhnliche Sprung, daß das All Ursache und Wirkung sei, hilft Strauß nicht über die Frage hinweg, wie er sie selbst zu stellen genöthigt hat, und wir wollen daher auf diese letztere Begriffsverwirrung nicht weiter eingehen; die Naturforscher, die von „Materie und Kraft" sprechen, wissen Nichts von dieser Begriffsverwirrung. Aber nun kommt für Strauß noch ein ganz anderes Dilemma. Er behauptet, das All sei vernünftig und gut. Andere Philosophen, Denker, mit denen sich Strauß nicht meffen kann, sagen das Gegentheil. Schopenhauer und Hartmann sagen: die Welt ist schlecht und unvernünftig; es wäre sogar bester gewesen, wenn z. B. die Erde kristallinisch geblieben wäre. Strauß erklärt dies für falsch. Widerlegt er sie aber? Doch wohl nicht durch den sophistischen Schluß: „Der pessimistische Philosoph bemerkt nicht, wie er vor Allem auch sein eigenes, die Welt für schlecht erklärendes Denken für schlecht erklärt; ist aber ein Denken, das die Welt für schlecht erklärt, ein schlechtes Denken, so ist ja vielmehr die Welt gut." Es ist dies pure Sophisterei, und erinnert an die Geschichte jenes Kreters, der behauptete, alle Kreter seien Lügner, und dem man erwiederte: Dann bist auch Du ein Lügner, folglich logst Du, und die Kreter sind keine Lügner; dann bist Du auch keiner, und dann sind die Kreter doch Lügner. Wenn Schopenhauer sagt: die Welt ist schlecht, und Strauß ihm antwortet: dann ist auch Dein Denken schlecht, folglich die Welt gut; so würde man folgern: dann ist auch Schopenhauers Denken gut, und folglich die Welt doch schlecht. Aber in der That verwechselt Strauß die Begriffe schlecht und unrichtig, gut und richtig. Schopenhauer sagt: die Welt ist ein Uebel; hieraus folgt, daß das Denken auch ein Nebel ist, und Dies sagt ja Schopenhauer ausdrücklich; darum kann aber daS Denken Schopenhauers doch richtig sein , und also ein Beweis daraus, daß die Welt kein Uebel ist, nicht gefolgert werden. Je weniger Strauß also widerlegt hat, desto empörter zeigt er sich gegen die Pessimisten, und er, der es für keine Blasphemie hält, alles Religiöse zu läugnen, ja für eine Pflicht, diese Läugnung in grellster Weise auszusprechen, er erklärt es für eine Blasphemie, daß jene Philosophen, die doch schon ihre Vorbilder im Alterthume und in, freilich aus dem Zusammenhänge gerissenen, Stellen des Koheleth haben, ihre Meinung aussprechen. Noch mehr, Strauß versteigt sich zu der Sentenz (S. 143): „Es erscheint uns vermessen und ruchlos von Seiten eines einzelnen Menschenwesens, sich so keck dem All, aus dem es stammt, von dem es. auch das Bißchen Vernunft hat, das es mißbraucht, gegenüber zu stellen." Nun, mit demselben Rechte werden wir ihm Vermessenheit, Ruchlosigkeit, Keckheit vorwerfen können, da er, das einzelne Menschenwesen, die Gotteslehre und den Unsterblichkeitsglauben der gesammten Menschheit, aus der er doch stammt und sein Bißchen Verstandesbildung gezogen hat, so keck abläugnet. Und ein „All, von dem der Mensch die Vernunft hat"! Jndeß Strauß hat mit dieser Entrüstung gegen die Pessimisten einen Zweck — man merkt die Absicht und wird verstimmt. Er sagt: Sehet, ich ertappe mich hier glücklicher Weise auf einem religiösen Gefühle; ich ehre, ich liebe das All — folglich habe ich noch Religion! Noch einmal. Also „das All, aus dem der Mensch stammt, das ihm Vernunft giebt, das der Mensch ehrt und liebt, dem er sich mit liebendem Vertrauen ergiebt (S. 140), für das er ein Gefühl besitzt, welches empört wird, wenn ein Philosoph Etwas gegen dieses All aussagt" — wie? merkt Herr Strauß nicht, daß er sich hier ein „persönliches All" zurechtgemacht hat? Vertrauen, Liebe, Ehrfurcht, Empfindlichkeit, setzen diese nicht einen „persönlichen" Gegenstand voraus? sind sie nicht Das, was er den Menschen absprechen will, für Gott zu hegen, weil dieser dann „persönlich" gedacht sei? Strauß ist also affirmativ dahin zurückgekehrt, wovon er negativ ausgegangen ist. Und was für eine Persönlichkeit! Dieses All, d. h. diese unermeßliche Sammlung von Atomen und ihren Eigenschaften, diese Gesammtheit unermeßlicher wechselnder Erscheinungen von Zusammensetzung und Zersetzung der Atome, das unsre persönlichen Gefühle, unsre Liebe, unser Vertrauen erwecken soll,-selbst Vernunft 49*