Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1872)
- Date
- 1872-12-03
- Page
- Seite 964 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Von dieser unermeßlichen Menge einzelner Wesen stehen wir nur mit einer sehr geringen Zahl in wirklichem Zu« sammenhange. Was über unser Sonnensystem hinausgeht, ist zwar noch zum Theil durch Lichtstrahlen für uns erkenntlich, aber eben nur so für uns vorhanden; ja selbst innerhalb unsres Sonnensystems wiffen wir uns nur mit der Sonne, dem Monde und unsrem Erdkörper selbst im Zusammenhänge, die übrigen Weltkörper sind nur Gegenstände unsrer Wißbegierde; andere Beziehungen zu ihnen haben wir nicht. Ein Abhängigkeitsgefühl existirt für uns daher nur von den drei genannten Weltkörpern, deren uns nützliche und schädliche Wirkungen wir empfinden. Sehen wir aber weiter nach, so fühlen wir Menschen uns noch von sehr vielen anderen Dingen abhängig, von allen Wesen dieser Erde, von den Menschen, mit denen wir in irgend eine Berührung kommen, von Staat und Stadt, von denen, welche unser Leben, unser Eigenthum, unsre Ehre fördern oder schädigen können, von den Mitgliedern unsrer Familie, ja von denen, die von uns abhängig sind. Denn, um es kurz zu sagen: abhängig fühlen wir uns von Dem, was angenehm oder unangenehm, nützlich oder schädlich auf uns wirken kann, aber nur von Diesem. Was hierüber hinausgeht, davon nehmen wir Notiz, das kann uns groß oder klein, schön oder häßlich sein, aber abhängig fühlen wir uns nicht davon. Was folgt hieraus? Einentheils, daß es mit dem Abhängigkeitsgefühle gegen dieses für uns unbegreifliche All Nichts ist, daß es in uns gar nicht vorhanden ist, und anderntheils, daß wir uns von so vielen auf gleicher Stufe mit uns oder auch auf niedrigerer stehenden Dingen abhängig fühlen und wiffen, daß dieses Abhängigkeitsgefühl an sich durchaus keine Religion sein kann. Es muß selbst in diesem Abhängigkeitsgefühle noch etwas Anderes liegen, was erst zur Religion führt, nämlich daß das, wovon wir uns abhängig fühlen, zugleich höher, bester, erhabener sein muß als wir. Nun wiffen wir, daß in der Gesammtheit aller einzelnen Wesen, die wir das Universum oder das All nennen, Keines ist, was höher, besser, erhabener ist als wir selbst, und somit ist nicht allein die Religion etwas ganz Anderes als das Abhängigkeitsgefühl, nämlich das Bewußtsein eines Höheren, Besseren, Erhabeneren als wir, als auch eine Religion für die existirenden Einzelwesen im Universum, und für Dieses, als die Gesammtheit Jener, nicht möglich, weil eben das All für sich gar nicht besteht, sondern nur in allen Einzelwesen. Strauß muß dies gefühlt haben, wenn er auch das klare Bewußtsein dieses Dilemma's in sich zurückgedrängt hat. Er sucht sich zu helfen. Er sieht iy der Welt Gegensätzeßund Kämpfe, aber durch diese den Bestand der Dinge bewirkt. Gleiches sehen wir in der Menschenwelt, und nennen es vernünftig und gut. So müssen wir auch das All vernünftig und gut nennen. Jedermann wird, wenn er dieser Schlußfolgerung etwas näher tritt, leicht das Oberflächliche und Willkürliche in ihr erkennen. Gegensätze und Kämpfe in der Natur — das sind keine naturwissenschaftlichen Begriffe, das sind nur Vorstellungen der menschlichen Einbildungskraft, vom Menschen auf die Natur übertragen. In der Natur findet nur ein beständiger Stoffwechsel, ein steter Wechsel der Verbindung von Atomen oder Moleculen statt, hervorgebracht durch die Wirkungen, welche die Atome oder Moleculen aufeinander üben; die Atome oder Moleculen gehen zusammen oder auseinander. Dies ist kein Kampf um das Dasein, denn die Atome bleiben vorhanden und bilden nur immer verschiedene Zusammensetzungen, die aber in steter Veränderung sich befinden. Der Bestand der Natur wird nicht durch Gegensätze und Kämpfe vermittelt, sondern beruht in dem Dasein von Materie und Kraft, d. h. der Atome oder Moleeulen, und der ihnen einwohnenden Eigenschaften, die von den Naturforschern als ewig und unveränderlich angesehen werden. Gerade für das All, wie es Strauß sich vorstellt, giebt es keine Gegensätze und keine Kämpfe, und es ist ihm ganz gleichgültig, welche Einzelwesen gerade durch die Zusammensetzung und Veränderung dieser Zusammensetzung der Atome und Moleculen werden und vergehen. Erkennen wir also in der Menschenwelt eine den Bestand derselben bewirkende Ordnung als vernünftig und gut an, .so können wir diese Bezeichnungen gerade aus der Grundlage, auf welcher Strauß operirt, durchaus nicht auf ein „Universum oder All" übertragen. Strauß hat sich hier von seiner Einbildungskraft einen Streich spielen lassen, die er doch sonst so sehr perhorrescirt. Doch konnte ein Anderes Strauß nicht verborgen bleiben. Du erklärst die Welt für vernünftig und gut. Wer hat denn Vernunft und Güte in die Welt gebracht? Sind die Atome oder Moleculen vernünftig und gut? Sind die ihnen einwohnenden Eigenschaften vernünftig und gut? An sich nicht, denn sonst müßten sie Bewußtsein und Sittlichkeit besitzen, ohne welche keine Vernunft und keine Güte denkbar sind. Nein, Das behauptet auch Strauß nicht, sondern das All ist vernünftig und gut.