Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1872)
- Date
- 1872-11-26
- Page
- Seite 948 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226901--31197-3254109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
. ' / ' ' mehr um oberflächliche und beschränkte Gegenstände handelt: da'jedoch/ wo ein Richard Wagner den sämmtlichen /Juden die abscheulichsten Eigenschaften' zuschreibt, jede Befähigung abspricht, sie als eine verkümmerte und verkrüppele Race brandmarkt, oder da, wo die socialdemokratischen Lumpe den Juden eine Ausrottung bis.auf den letzten Mann ansagen/ da kann bei Juden, die sich vor ihren Wagen spannen, keine Rede von „Gutmüthigkeit" sein — es ist vielmehr ein völliger Mangel an Selbstgefühl, bei den Satelliten der Socialdemokraten eigentlich noch mehr.' Wir haben es also hier mit d.em Mangel an Selbstgefühl zu thun, und da wird uns sofort in den Sinn kommen, daß inan ja seit langen Zeiten und gegenwärtig noch immer den Juden ein Uebermaß von Selbstgefühl, und zwar in der Gesammtheit wie in den Individuen zuschreibt, und dieses als einen ihrer Fehler bezeichnet; ja einige ihrer Gegner haben ihre Uebertreibungen so weit gebracht, daß sie sagten, die Juden hätten durch ihren Hochmuth die ganze Weltgeschichte mit falschen Begriffen, mit Unterschieden zwischen Volk und Volk, Mensch und Mensch vergiftet. Wir sehen also, es entsteht hier eine Frage, die nicht an der Oberfläche zu lösen ist, sondern in die wir Klarheit zu bringen suchen müssen: wir haben uns nach beiden Seiten hin auseinanderzusetzen. ~ T>as Selbstgefühl ist für jede Nation, für jede Religion oder Confession, kurz für jede Gemeinschaft die unerläßliche Bedingung ihrer Existenz, ja, je kleiner Jene, desto unerläßlicher diese Bedingung. Das Bewußtsein, im Besitze einer Idee, einer besonderen Eigenschaft oder Fähigkeit, eines besonderen Zweckes zu sein, ist das Band, welches die Glieder dieser Genossenschaft zusammenhält, welches ihnen die Kraft verleiht, gemeinschaftlich zu kämpfen-und zu leiden, gemeinsam Opfer zu bringen und ihre Anstrengungen zu vereinigen. Verliert diese Idee an Kraft, dieser Zweck an Liebe, diese Eigenschaft an Achtung, dieses besondere Wesen der Gemeinschaft an Innerlichkeit, so fällt die Nation, der Stamm, die Religion oder was es sei, auseinander. Alle Großthaten der Nationen, welche die Geschichte uns vermeldet, die Siege kleiner Völker über die mächtigsten und geübtesten Heere, die Vollendung großartiger Werke, die Erfüllung schwieriger Aufgaben, sie verdanken ihre Durchführung allein dem intensiven Selbstgefühl ihrer Urheber. Selbstgefühl ist noch keine Selbstüberschätzung, die übertriebene Vorstellung von dem Werthe dessen , was der Gemeinsamkeit eigen ist; es ist noch nicht, die Selbstsucht, welche nichts Anderes neben ’ftdj dulden und anerkennen will —es kann Beide werden; kann sich wirklich zu Zeiten dahin versteigert, aber an sich ist das Selbstgefühl diese beiden Extreme nicht, und die'edelsten Geister werden immer dahin streben, dieses Selbstgefühl zwar zu nährenaber auch vor .jenen Extremen durch Läuterung und Aufklärung zu bewahren oder davon zurückzuführen. Die Nivellisten oder Nihilisten'' unsrer Zeit lehnen sich gegen jedes derartige Selbstgefühl auf, verurteilen es, und suchen es, indem sie es absichtlich oder unbewußt mit jenen Extremen unter der Hand vertauschen, als gemeinschädlich und verwerflich zu bezeichnen. Es ist dies eine Verirrung. Denn es wird ihnen nicht gelingen, die Nationen, die Parteien, die Genossenschaften und die Individualitäten aus der Welt zu schaffen, weil diese eben in der Natur des Menschen, ja aller Geschöpfe liegen. Giebt doch eben unsre. Gegenwart den schlagendsten Beweis hierfür. Es gab noch keine Zeit, wo der Kosmopolitismus so stark war , so mächtig und gebietend, wie er es jetzt ist, und zwar nicht blos in einer schwärmerischen Theorie, in einem phantastischen Gefühle, sondern auch in der Wirklichkeit, wo die Solidarität aller Menschenvölker, die Einheit der Interessen aller Staaten, die Gemeinsamkeit alles Besitzes, aller Production und Consumtion, die Gemeinsamkeit der großen gesellschaftlichen Principien sich so herausgestellt und ausgebildet haben. Und dennoch macht sich dieser großen Erscheinung gegenüber, oder vielmehr innerhalb derselben, die Nationalität und die Individualität im höchsten Grade geltend, jene verlangt die Selbstständigkeit , diese die Freiheit. Beide beruhen auf dem Selbstgefühle. Es wird daher nöthig sein, das Selbstgefühl der Juden geschichtlich zu erkennen und in seiner Entwickelung zu verfolgen. Zeitungsuachrichte«. Deutschland. Berlin, 13. Nov. (Privatmitth.) Sie wissen, wie sehr man hier auf die Lösung der. Herrenhausfrage gespannt ist. Die Feinde des Staates haben sich schnell geschaart. Gegen das Reich und Preußen sind die Ultramontanen erstanden, und gegen Preußen und das Reich die junkerlichen Feudalen. Daß die Letzteren auch . \ . >