Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1872)
- Date
- 1872-11-26
- Page
- Seite 947 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Augen dieser kritischen Helden, um sich solche Fräubasereien auftischen zu sehen — 'nein , nein l sie steht wirklich noch sehr tief, da sie derselben Beifall klatscht J iFortsetzung folgt.) / Das Zrlbstgefihl der Juden, i. Die „Neue freie Presse" enthielt jüngst eine Correfpondenz aus Berlin, in welcher es am Schlüsse heißt: „Und nun lassen Sie mich zum Schlüsse noch einen Blick auf den Zuschauer der Kreuzzeitung werfen, der heute, wie neulich die erste Spalte des Blattes, dem — „Neuen Socialdemokralen" zum Asyl für Obdachlose wird. Das edle Blatt eifert seit einigen Tagen redlich dafür, eine kleine oder große Judenverfolgung in Scene zu setzen, „der jüdische Stamm" muß vom Erdboden vertilgt werden, dann florirt das Reich Hasenclevers und Tölcke's. Natürlich druckt die Kreuzzeitung das Zeug ab, mit Bedauern zwar, und mit Schaudern und mit Grauen lesen es die Ritter und die Edelfrauen, aber sie lesen es doch. Gutmüchig sind übrigens die Juden, das muß ihnen der Neid lassen. Richard Wagner schreibt ein Pamphlet wider sie und verunglimpft, dem Zuge seiner edlen Natur folgend, seine Wohlthäter Meyerbeer und Mendelssohn mit schnödem Undank — aber Herr Musikdirektor Julius Stern spannt sich vor seinen Triumphwagen und läßt sich in Demuth öffentlich von ihm belehren, wie man wagnersche Musik dirigirt, Herr Davidsohn bricht eine Lanze nach der anderen für ihn im „Börsencourier", und Moses-, Abraham-, Isaak- und Jakobssohn thun, was sie können, um die „Patronatsscheine" an den Mann zu bringen. Hasenclever ruft zur Judenverfolgung auf, und Aaron Hepner und Karl Hirsch verbrennen sich für die „heilige Sache" der Socialdemokratie die Finger und siechen dahin durch das ewige Sitzen im Gesängniß. Habeant sibi! r." Wir waren Anfangs Willens, diese Notiz einfach wiederzugeben, wii sie hier steht: Denn sö betrübend, wie die Sache an sich auch erscheint; so ist doch die Rüge eine wohlverdiente: und angemessen, daß sie ertheilt wird: Alsbald aber erinnerten wir uns, daß die angeführten Vorkommnisse doch länge nicht die einzigen' und die bedeutendsten ihrer Art sind, daß wir vielmehr auf mancherlei Erscheinungen treffen, welche denselben Charakterzug enthalten. Wie Biele unter den Publicisten. der Tagespreise sind Juden, welche Nichts eifriger thun, als Verachtung des Judenthums zur Schau zu tragen und die Juden lächerlich zu machen; giebt es doch Blätter, namentlich Börsenblätter, welche vorzugsweise von Juden redigirt, und deren Abonnenten in der Mehrzahl Juden sind, die in frechster Weise Juden und Judenthum heruntersetzen. Begegnet man doch immer noch vielen Juden, welche sich eifrig bemühen, ihre Stammes- und Religionsgenoffenschaft zu verläugnen; immer noch Solche, welche in geselliger Beziehung Alles aufwenden, um keine Juden, sondern womöglich christliche Freunde bei sich zu sehen.- Allerdings ist es in den letzten Jahrzehnten in dieser Hinsicht um Vieles wieder besser geworden, und wir werden weiter unten Gelegenheit haben, bedeutsame Momente hervorzuheben, in denen sich das Gegentheil abspiegelt. Hingegen ist nichtzu verkennen, daß es mit den jüdischen Literaten -schlimmer geworden ist. Dies gab uns zu denken. Ferner fiel es uns auf, daß der oben angeführte Correspondent seine Thatsacke für einen Charakterzug erklärt, und zwar als „Gutmüthigkeit der Juden." Ist dies die rechte Bezeichnung? Nicht daß wir es dem Correspondenten verargen, durch diesen Ausdruck die Sache in milderem Lichte ansehen zu lassen; uns aber liegt es doch wohl ob, sie schärfer in's Auge zu fassen. Gutmüthigkeit ist die Eigenschaft, welche, Anderen Etwas zu Gute zu thun oder zu halten, geneigt macht, einerseits Anderen leicht einen Gefallen zu thun, andererseits eine Beleidigung, Verletzung oder Schädigung nachzusehen. Gutmüthigkeit ist eine schöne und löbliche Eigenschaft, führt aber schon im Privatleben leicht zur Charakterschwäche; sie ist schon da öfter keine Tugend, sondern eine pure Schwäche, weil sie aus Energielosigkeit entspringt, aus dem Mangel eines kräftigen Entschlusses, und Muthes. In öffentlichen Angelegenheiten aber, da wo es sich um das Wohl und Wehe Vieler, um die Durchführung eines Grundsatzes oder auch nur einer Ansicht, um Angriff und Abwehr, um Widerstand und Thatkraft handelt, wo die Folgen des persönlichen Thuns und Lassens auf eine größere oder kleinere Anzahl von Menschen fallen, da ist Gutmüthigkeit ein Fehler, der zu den größten Nachtheilen führen und mehr Schaden anrichten kann, als sein Gegentheil. Ändeß überall kann von Gutmüthigkeit' doch nur die Rede sein, wo' es sich