Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1872)
- Date
- 1872-11-26
- Page
- Seite 946 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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den. Menschen ein Beweis für die unendliche Entwickelungsfahigkeit? Giebt nicht die Natur selbstein Beispiel, wenn wir auf den Zustand des Embryo blicken, der ein volles, einer überraschend schnellen- Entwickelung befähigtes organisches Leben führt, und außerordentliche Anlagen in sich birgt, die während dieses Embryolebens noch gar nicht zur Verwendung kommen, und von denen er keine Ahnung hätte, selbst wenn er seiner bewußt wäre; — diese Lunge, die nicht athmet, dieser Magen, der nicht verdaut, dieses Auge, das nicht sieht, dieses Ohr, das nicht hört? Und nun erst, wenn wir in das Wesen der Seele selbst eingehen. Strauß macht es sich sehr leicht; die moderne Physiologie lehrt uns, daß die Thätigkeit der Seele so sehr an die Beschaffenheit des Leibes und des /Gehirns gebunden sei, daß sie nach dem Untergange des Körpers nicht fortexistiren könne. Dieser Schluß gleicht einem Sprunge in einen Abgrund. Wenden wir die Sache um: welche Einwirkungen erfährt der Körper von der Seele! Alle Bewegungen, mit Ausnahme einiger allgemeiner Functionen, werden dem Körper durch die Seele vorgeschrieben, und er gehorcht dem Willen mit außerordentlicher Schnelligkeit und Ausdauer. Sobald das Bewußtsein schwindet, liegt der Körper unbeweglich, sieht das Auge, hört das Ohr nicht mehr. Schreck, Aerger, Gram, Sorge, wie beeinflussen sie den Körper und dessen Functionen, stören und zerstören sie, oft plötzlich, oft langsam. Die Existenz der Seele ist hiermit ebenso erwiesen, wie die des Körpers , und der Schluß wäre, daß der Körper ohne Seele nicht existiren kann. Aber existiren nicht zahllose Körper ohne -Seele? Nur anders. So. kann auch die Seele-ohne Körper existiren, nur anders. Daß eine innigste Verbindung und Wechselwirkung im Menschen zwischen Körper und Seele besteht, das brauchte nicht erst die moderne Physiologie zu lehren, das wußte man von jeher/ Diese Verbindung ist im. normalen Zustande eine Harmonie; aber sie kann auch sehr, disharmonisch, werden, wo der Geist will und der Körper nicht gehorcht, wo dieser fungirt, und die Seele, in's Stocken gerathen ist; es giebt einen contracten Zustand für den Körper bei Gesundheit der Seele, und einen contracten Zustand der Seele bei Gesundheit des Körpers. Mit diesem Gegenbeweise wäre es also abermals Nichts, und die ganze Kraft des -Beweises, die in dem Bewußtsein des Zchs; das sein Nichtsein nicht begreift, das also, etwas, ganz Anderes als ein bloßer „Wunsch" ist, bleibt bestehen, nur vaß wir an dieser Stelle nicht weiter darauf/ eingehen -können.' . Nur das wollen - wir noch hinzusügen, daß Strauß und seine. Gesinnungsgenossen sich doch nicht gar zu sehr auf die Hypothesen gewisser Naturforscher stützen mögen, und dadurch gerade in denselben Fehler verfallen, den sie dem andern Extreme machen, nämlich gläubig auf die Worte eines Meisters zu schwören, nur daß diese sich auf das Wort der Kirche , sie selbst sich auf das Wort Karl Vogts, Büchners u. A. verlassen. Gerade auf dem Standpuncte, auf welchem Strauß steht, müßte er sagen : ich kenne das Wesen der Seele nicht; ich weiß, daß sie existirt und fungirt, aber nicht, was sie ist, und wie sie fungirt. Daun würde er auf dem Boden — nicht der Philosophie — aber doch der wahren Naturwissenschaft stehem Zu diesem Zwecke ist der schon von uns angeführte Vortrag von Du Bois-Reymond zu empfehlen, einem der größten Naturforscher unsrer Zeit, der gerade den Nerven seine ausgezeichneten Untersuchungen gewidmet hat, und er sowie. Helmholtz. sind, nach Zöllners Urtheil, die. einzigen jetzt lebenden Naturforscher, welche eine gründliche philosophische Bildung-besitzen. Wir lernen aus diesem Vortrage, daß schon Materie und Kraft, auch bei Voraussetzung der vollendetsten Naturkenntniß, niemals zu begreifen, das Wesen der Materie und der Kraft niemals erklärbar sind, daß ebenso das Bewußtsein unerklärbar und bei der genauesten Kenntniß seiner materiellen Organe unverständlich ist und sein wird. Der vorsichtige Naturforscher sagt „Bewußtsein", um nicht erst zu Seele und Geist zu greifen. Mit zwingender Gewalt erweist Du Boisj-Reymond, daß das Bewußtsein auch aus der vollkommensten Kenntniß seiner materiellen. Bedingungen nicht erklärbar ist, und daß im Verstehen der Geistesthätigkeit aus materiellen Bedingungen die Menschheit seit 2000 3ahren, trotz aller Entdeckungen der Naturwissenschaft; keinen wesentlichen Fortschritt gemacht hat. Alle Beobachtungen der Bewegung der Hirnmoleculen geben noch nicht den geringsten Anhalt, um uns den kleinsten. Gedanken, die geringste Willensthätigkeit zu erklären, auch nicht einen Balken, um die Kluft zu überbrückeu zwischen Materie und Geist. Und solchen Erweisen eines wahrhaften, denkenden Naturforschers zur Seite kommt Herr Strauß mit der kindischen Frage: an welchem Orte die unsterblichen Seelen untergebracht werden sollen, da doch die Sterne als Weltkörper ihre eigenem Bewohner haben-müssen?... In der That, die gebildete Weltsteht sehr'tieft iw den