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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-11-26 · Heft 48 (26.11.1872) · p. Seite 945

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 48 (26.11.1872)
Date
1872-11-26
Page
Seite 945 (sequence 3)
Language
German
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zu erwarten und. erwarten zu dürfen/ und selbst der Schriftsteller, der um der .Wirkung 'willen sein Buch schreibt, verlangtein angemessenes Honorar, und um so mehr; je größere Sensation zu erregen er mit seinem Buche beabsichtigt. Allein hierum handelt es sich hier gar nicht. Wer da läugnet, daß es im Menschenleben großes, dauerndes Weh, Leiden und Schmerzen der ergreifendsten und durchwühlendsten Art, Verluste und Trauer, Täuschungen und Bitterkeiten giebt, welche einen dunklen Schalten über alle Tage werfen- und die alles Bewußtsein der Rechtschaffenheit und Tugend nicht zu überwältigen, kaum zu mindern vermag: der läugnet eine Thatsache, eine überall und zu aller Zeit sich aufdrängende Thalsache, der hat das Verschmachten der Armuth, das Leid dauernden Siechthums, den Verlust seiner Theuersten, die Bitterkeit verfehlter oder abgeschnittener Laufbahn, das Schwinden wohlerworbenen Besitzes an Gut und Ehre, die Täuschung durch die, welche man am Meisten liebte und ehrte, und so vieles Andere niemals empfunden oder mitgefühlt, der hat den Wechsel des Geschickes, auch den unverdienten, unverschuldeten, niemals erfahren, oder Augen und Herz niemals dafür offen gehabt. Diese Lehre der Stoa war immer, wo sie wieder aufgewärmt ward, entweder Heuchelei oder Selbsttäuschung. Mit diesem erkünstelten Heroismus, mit diesem Darreichen des Steines statt des Brodes, ist für die Menschheit Nichts gethan. Es kann Einer sagen: ich glaube an keine Vergeltung, es ist Niemand da, der vergelten kann: dann hat er wenigstens Etwas gesagt. Aber zu behaupten, daß Nichts da sei, was zu vergelten wäre, sich in den fadenscheinigen Mantel hüllen, daß die Tugend selbst genug lohne, und das Unrecht selbst genug strafe, und damit sei es für den. leidenden und den genießenden Menschen genug, das ist mit den Augen nicht sehen, mit den Ohren nicht hören wollen. Es giebt Stacheln in der Seite, die nicht das Laster hineingestoßen hat, und nicht die Tugend herauszureißen vermag; Wunden des Herzens, die immer bluten, niemals heilen, und die durchaus nicht das Verbrechen geschlagen hat. Eine Ausgleichung hierfür fordert in ihrem natürlichsten Drange die dürstende Seele, und das Weh hat eine einfache Logik, welche durch die Sophistik des Atheisten nicht beseitigt wird. Es ist die Forderung der sittlichen Weltordnung, eine Forderung, die der erste Mensch stellte und der letzte stellen wird; und ohne diese sittliche Weltordnung ist alle dem Individuum gestellte Forderung.der Sittlichkeit ohne feste Grundlage. Nicht anders verhält es sich mit der Läügnung, daß. die Entwickelung des ' Menschengeistes so bruchstückartig, , so ungenügend verbleibt; daß eine weitere Entfaltung, eine Vollendung zur logischen Forderung wird. Strauß meint, die Natur gebe uns hierfür gar keinen Beweis; sie lasse Millionen Blüthen und Fischeier verderben, ohne zu Früchten und Fischen zu werden. Wie? Vollendet die Natur nicht dennoch zahllose Blüthen zu Früchten? Strauß hat eben die Natur in ihrer Sparsamkeit und Vorsicht nicht begriffen. Wenn alle Blüthen an einem Baume sich zu Früchten entfalten sollten, so würde der Baum bei Weitem nicht die Kraft besitzen, 'sie zu ordentlichen Früchten 'zu reifen; sie würden sämmtlich verkümmern. Das kann ihm jeder Gärtner sagen. Da es aber viele Wirkungen giebt, Sturm, Frost, Regen, Ungeziefer, welche zahllose Blüthen verderben, so hat die Natur eine viel größere Triebkraft, Blüthen hervorzubringen, in den Baum gelegt, um wenigstens einen Theil dieser Blüthen zur Frucht zu bringen. So verhält es sich auch mit den Fischeiern. Wie aber? Sind ihm die Menschengeister Nichts als Baumblüthen und Fischeier? Stehen sie ihm auf gleicher Stufe? Erkennt er keine Stufenleiter der Wesen an, keine immer höher entwickelten Organismen, die auch numerisch sich von den tieferftehenden abzeichnen, so daß die Zahl der Individuen kleiner wird, je höher die Entwickelung steigt? Wohin dieses verfehlte Gleichniß aus der Natur zielt, sieht man leicht ein. Nach Strauß hat der Mensch gar keine Anlage, die er nicht während seines Lebens vollständig entwickelt und auslebt. „Wer sich nicht selbst aufbläht, sagt er, kennt auch das bescheidene Maß seiner Anlagen." Die Antwort ist leicht: der bläht sich erst recht auf, der seine Anlagen genau zu kennen vermeint; der bläht sich erst vollendsauf, der vermeint, alle ihm gewordenen Anlagen genugsam entwickelt und zu dem verwendet zu haben, wozu sie ausreichen. Dies werden ihm nur Pfuscher und eingebildete Narren nachsagen; jeder ernste Mann wird sich bewußt sein, wie viel er verfehlt und vernachlässigt hat, wie viel an Intelligenz und Sittlichkeit, an Erkennen und Vermögen ihm ermangelt, wie weit er an Erreichen und Vollbringen zurückgeblieben, wie viel ihm an den höchsten und besondersten Fragen ungelöst ist. Fürwahr, Strauß, der sich so bescheiden vermeint, ist sehr unbescheiden, wenn er über die Anlagen des Menschengeistes so aburtheilt, wie etwa ein Maschinenbauer über eine Maschine. Ist nicht schon die unendliche Verschiedenheit in den Graden der Geistesentwickelung bei 48*

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