Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1872)
- Date
- 1872-11-26
- Page
- Seite 944 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 2× ep/1025156
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Indiens liegt er als Seelenwanderung zu Gründe, und wurde als solche auch dem Buddhismus so zum Fundamente seines. , ganzen dogmatischen Gebäudes, wie dem Christenthume die Erbsünde. Die! religiösen Sagen der Germanen von der Walhalla, diejenigen der Indianer von der Beschäftigung ihrer tobten Väter in den ewigen . Jagdgründen, widersprechen dem traumartigen Schattenwesen ganz und gar. Was die Schilderung im 11. Gesänge der Odyssee betrifft, so liegt das poetische Motiv zu Tage. Was Odysseus an seiner Grube zur Vorbereitung vornimmt, wie er mit dem Schwerte die Geister abwehrt, daß sie nicht von dem Opferblute trinken, und sie zum Sprechen bringt, wenn er sie trinken läßt, gleicht der Geistererscheinung von Hamlets Vater und dem Besuche der Hexen in Macbeth als dichterische Motive. Sobald diese erschöpft sind, kommt auch Homer (V. 567 ff.) auf den eigentlichen Volksglauben, auf die Vergeltung durch das Gericht, vor welches alle Gestorbenen geführt und für ihre Uebelthaten gestraft werden,* *) und es folgt die Schilderung der .Qualen Hervorragender Bösewichter, die so körperlicher Art sind, daß sie an bloßen Schatten nicht vvrgenoMmen werden könnten; es handelt sich dabei um Esten und Trinken, um Aushacken der Leber durch Geier, um mühsame, erfolglose Arbeiten und dgl.**) Auf die Unsterblichkeitslehre im alten Haar gleichen, und in den letzteren kein Fortschritt gegen die ersteren enthalten ist. *) Wie Strauß den Glauben der Griechen an die Vergeltung läugnen konnte, ist nicht zu begreifen, wenn er die Verse 568—571 in derselben Schilderung gelesen hätte: ' „Jetzo wandt' ich auf Minos den Blick, Zeus' edlen > Erzeugten, Der mit goldenem Stab, Urtheil den Gestorbenen sprechend, Dasaß; Andere rings erforschten das Recht vor dem Herrscher, Sitzend hier, dort stehend, in Awes' mächtigen Thoren." **) Wenn Homer den Achilles sagen läßt (V. 489): „Lieber ja wollt' ich das Feld als Tagelöhner bestellen Einem dürftigen Mann, ohn' Erb' und eigenen Wohlstand, Als die sämmtliche Schaar der geschwundenen Todten beherrschen" so liegt doch wohl darin der Gedanke ausgesprochen, daß im Jenseits von all diesem Heldenthume und Herrscherthume so die Larve abfällt, daß der niedrigste Stand und die. gewöhnlichste Veschäftigüng auf Erden jener schmerzlichen Enttäuschung vorzuziehen sei. ' i ‘V ~? Testamente wollen wir hier nicht abermals eingehen, *) bemerken aber, baß in den fünf Büchern Mosis, Josua und Sämuel nur als ein Urvolk in Kanaan, ein Volk „furchtbarer" Riesen, das an mehreren Orten Palästina's seßhaft gewesen, vorkommt, und erst in Jesaias, im Psalm 88, ll, in den Sprüchen und Hiob eine andere Bedeutung annimmt, die aber, da das Wort theils neben theils diesen entgegen (Jes. 26, 19) steht, nicht die Todten selbst bezeichnen kann, sondern richtiger als böse Geister aufzufafsen ist. In ganz gleicher Weise heißt bara in den fünf Büchern Mosis nur Grab, Gruft (5 Mos. 32, 22 die Erde in ihrem inneren hohlen Theile), und erhält erst später die Bedeutung einer Art „Unterwelt"; die ganze Vorstellung gehört also erst der mittleren Zeit des israelitischen Volkes an. — Hieraus folgt, daß es Strauß völlig mißlungen ist, das hohe Alterthum und die Allgemeinheit des Unsterblichkeitsglaubens in allen Theilen des Menschengeschlechtes und hiermit die in dem Wesen des Menschen selbst begründete Natur dieses Glaubens hinwegzuescamotiren. Vermochte er also den oonssnsus omniunr nicht zu beseitigen, wie gelingt es ihm etwa mit den anderen Beweisen für die Unsterblichkeit? Für wen, fragen wir, hat er eigentlich seine Widerlegung geschrieben? Doch wohl nur für Solche, welche ebenso wenig über die-Beweise für die Unsterblichkeit als über seine Widerlegung derselben nachzudenken, sondern sich mit einem sie frappirenden Schlagworte zu begnügen pflegen.. Denn die Vergeltung läugnet Strauß rasch damit hinweg, daß es gar Nichts zu vergelten gebe, und die Folgerung aus der Entwickelung und Vollendung der Menschenseele damit, daß es gar Nichts zu entwickeln und zu vollenden gebe. Allerdings hat er Recht, wenn er Das für' eine schwache Sittlichkeit hält, welche der Aussicht auf Lohn und Strafe bedarf; dies ist aber eine sehr alte Weisheit, und schon Antigonus von Socho hatte den Wahrspruch: „Seid nicht wie die Diener, die dem Herrn dienen , um Lohn zu empfangen" (Pirke Aboth I. 3). Jndeß erhält sich die Mehrzahl der Menschen nur in einzelnen Momenten auf der Höhe reinster sittlicher Anschauung , und sie sind es durch das Leben nur allzu gewohnt, für jede Arbeit, jede Anstrengung einen Lohn *) Siehe unsre Abhandlung über „die Unsterblichkeitslehre im Judenthume" im II. Th. unsrer „Israelitischen Religionslehre" S. 231 ff.