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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-11-19 · Heft 47 (19.11.1872) · p. Seite 941

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 47 (19.11.1872)
Date
1872-11-19
Page
Seite 941 (sequence 19)
Language
German
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und wollen nicht umkehren." Wirfst Du einen Blick auf die Erfüllung unserer Gebote, so wirst Du bemerken^ daß dieselbe niemals eine wahre, aufrichtige ist, sv daß sich mit ihr nicht Schein, Heuchelei, Trägheit verbände; wahrlich, das ist verächtlich und findet kein Wohlgefallen. Richte Dein Augenmerk doch einmal auf die, in deren Land wir wohnen: sie bringen den Zehnten und Gaben ihren Lehrern aus vollem Herzen von den Erstlingen ihres Ertrags, und zwar geben sie diese Geschenke von der besten Art, sammt und sonders von ihrem vorzüglichsten Besitze; dadurch gewinnt ihre Religion immer j festere Grundlagen, ihre Großen und Obern sind stolz darauf, ihre Kinder in die Gemeinschaft ihres Glaubens einzuführen und ihnen Ehre zu erwerben in ihren Bethäusern. Die reichen Juden hingegen und ihre Oberen unterstützen ihre Weisen mit dem Brode des Elends und dem Master der Drangsal, zu ihrer Schande und Beschämung. Sie selbst speisen wie Könige und kleiden sich wie Fürsten, die Gelehrten aber essen das Brod der Noch mit sorgenvollem Herzen, das Wenige, was ihnen zum Unterhalt gereicht wird,' und betteln in Schmach und .Schande,bei den Vorstehern, daß sie ihnen ihr Auskommen gewähren. Das ist der Grund, weshalb die Hochachtung vor. , der Gotteslehre gesunken ist, weshalb sie aus unserni Gedächtniß schwindet. Die Oberen und Großen hoffen und streben nicht, ihre Kinder einzuführen in die Werkstatt der Gotteslehre, damit sie dort ihren Unterhalt verdienen; denn da das Gotteswort zur Schande geworden ist, haben sie in ihrem Hochmuth kein Verlangen danach. Die Maste des Volkes hinwiederum, da sie die Schmach der Gelehrten sieht, ihre Erniedrigung und Entwürdigung, zieht es vor, ihre Kinder der geringsten Erwerbsthätigkeit zu widmen, als sie für dm Bund der Gotteslehre zu erziehen und sie darben zu sehen. ' Achte ferner darauf, wenn von den jüdischen Gemeinden sich eine versammelt, um den Vortrag eines Gelehrten anzuhören: die Augen der Vornehmen schließen sich in Schlummer, Andere unterhalten sich in leerem Gerede, und der Vortragende tadelt das Gespräch der Männer und das Geräusch der Frauen, die hinter dem Gotteshause stehen; je mehr er sie aber tadelt wegen ihres Verhaltens, desto böswilliger und tadelnswerther benehmen sie sich. Wie ganz anders die Christen! Wenn sich unter ihnen Männer und Frauen versammeln, um den Vortrag ihres Predigers zu hören, stehen sie neben einander wie Stumme und zittern ehrfurchtsvoll bei seiner Rede; Niemand schlummert oder schläft; das Wort der Predigt ergreift Jeden, wie Regen wird es erwartet, still lauschen sie aus seine Belehrung. Wir nehmen nicht ein Vorbild an Dem, was wir umi uns her wahrnehmen; wir strecken uns auf unserer Schande und decken uns' mit unserer Schmach. So sind wir allesammt unrein, und wie das Kleid der Befleckung ist alle unsere Gerechtigkeit. Thut sich einmal aus freien Stücken ein besserer Theil im Volke ein wenig hervor durch seine Frömmigkeit: gleich kannst Du die Brffern unter-eisander darüber klagen 'hören , daß sie gar keine Ruhe hätten, um von ihren Mühen und Ausgaben große Worte zu machem Allein sie reden viel und thun wenig, und bevor sie ihre freiwillige Steuer geben, müssen sie gedrängt werden. Sie geben Summen her mit großer Freigebigkeit, wenn ihr Sinn damit aus Zank und Streit gerichtet ist; w Sachen der Frömmigkeit jedoch handeln sie unter Thranen und Bitten. Die Einsammler klopfen täglich zehnmal bei ihnen an, und ihre Antwort ist: - Jetzt nichts komme morgen wieder, dann werde ich es geben. Häufig üben sie ihre Wohlthätigkeit, öffentlich und gerathen. da^ mit un Personen, die unwürdig sind; der wirklich -Bedürftige jedoch in meinem Volke, der auf diese Darreichung wartet, empfindet doppelten Schmerz, wenn er die Verderbniß sieht; -er hoffte auf Recht und sieht Erbärmlichkeit, auf Heil und hört Geheul. Darauf - bezieht sich der Gewaltige unter den Propheten, wenn er ausruft: „Ihre Furcht vor mir ist angelerntes Menschengeboi." Weiter! Fastest Du das Gebet m's Mgeso wirst Du eiusehen, daß .es treulos und heuchlerisch ist. Ein Theil der Gemeindevorbeter entsendet es mit dem Geschoß der Zunge, er trägt schmuzige Kleider und, unwürdig wie sie. sind, entweihen sie das Gebet; das Volk aber und seine Vorsteher wenden der Wahl ihrer Vorbeter keine Sorgfalt zu und achten nicht auf die hohen und zahlreichen Bedingungen, welche damit verbunden sind, sondern nur auf die Anmuth der Summe zum Ohrenschmaus. Den Ton der Worte hören sie, aber die Gestalt derselben sehen sie nicht. Nichts, als der Ton der Aussprache; sie achten nicht aus ihr geringes Berstandniß und auf die Niedrigkeit ihres Charakters. Dazu kommt ferner noch, daß ich unter ihren Hochgestellten des Ehebruchs Verdächtige gefunden habe. Ja selbst einen seilen Buben fand ich, Schreiber dieser Zeilen, an die Spitze ihrer Bereinigungen gestellt. Gott stand mir bei, daß ich den säubern Gesellen aus dem Hause jagte; allein zwei oder drei ihrer Vornehmen wollten mir in ihrer Frechheit und Lügensucht Böses anstatt des Guten vergelten; denn sie hatten Verlangen danach, ihn in ihrer Mitte zu behalten, damit er ihre Kinder in den Bund aufnehme. So waren Volk und Priester ganz dieselben; denn das VoÜ folgt seinem Führer nach. Mit Wort und Lippe eh^tt es Ihn, im Herzen aber ist es weit ab von Ihm entfernt. Allein in unserer heutigen Zeit ehrt man Ihn nicht einmal mit dem Munde, sondern man preist Jh« mit leichtfertiger RÄe. Uns aber liegt es ob, anzuerkennen das Gericht unsers Schöpfers und Horts in Mem, was Er über uns verhängt, — die Gerechtigkeit der Geschicke Gottes,?da .wir Ihn nicht nach Recht ge-, sucht haben. Siehe , - wir, stehen gegenwärtig in der Sünde Jakobs und seiner Schuld wie Jemand, der uyt jedwedem Makel behaftet ist. Unter, uns sind Hosfährtige, Hartherzige, Gefühllose, Verläumder, nicht rein an Hand und Fuß. Auf sie trifft das Prophetenwort zu: ,>Denn Eure Hände sind mit Blut besteckt u. (. w.; ihre

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