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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-11-19 · Heft 47 (19.11.1872) · p. Seite 940

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 47 (19.11.1872)
Date
1872-11-19
Page
Seite 940 (sequence 18)
Language
German
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Herzens, dasfehlende Verständniß für unsere Sünden, die Folge, erlogener, Vorschriften, und die M wahren Ge» bete. Wer, iMmrv mit offenem Auge Gort sucht, und nicht mit der Blindheit des Schmeichlers, des Hochmuths und der Unfähigkeit .behaftet ist, muß es sehen und begreifen, daß alle Drangsale, die über uns hereingebrochen sind, selbstverschuldete waren. Allein Niemand sieht, Niemand wacht, denn unsere SÜüodn habt:« uns in tief«« Schlaf versenkt. Also: Fort mit der Schmeichlerlarve von Deinem Antlitz, und siehe, wenn Du Augen hast zu sehen, daß die Wahrheit fehlt in der Masse unseres, Volkes. Siehst Du dann näher zu, so nimmst Dü auch' wahr, daß der Glaube geschwunden und völlig abhanden gekommen ist. Mein das beachten die Spitzen des' Volkes' und feine Führer nichts und bemühen sich nicht, den Riß 'zu heilen. Auch gegen - die Entweihung ves Sabbvths drücken sie das Auge za. . Du weißt z.B. von Hörensagen, daß zur Zeit, da die Juden Rang und Stellung bei Hofe hatten , sie an den Sabbatheu des Ewigen Hähne braten zu lasten Pflegten , aus Verweichlichung und Verzärtelung, um ihren schwachen Körper zu Mftigen; die Oberen und Vornehmsten nahmen Dheil an diesem Unrecht. Derartige verpönte Dinge kamen mehrere vor. Trat Jemand öffentlich auf, das Unrecht zu geißeln, so erfaßten sie ihn mit der Geißel ihrer Zunge, machten Anschläge gegen ihn und setzte« ihm zu. Sie haßten den freien Warner, und wer ihnen Wahres sprach) den schmähten sie. Zu den Sehenden sprachen sitz: „Sehet nicht"; zu den Schauenden: „Offenbaret nicht die Wahrheit, Angenehmes verkündet uns, Täu- - schNNgen offenbaret!" 3n solcher Weise wandelten die Wanderer krumme Wege, die Führer des Volkes waren Irreführende, und die Gefährten waren Verblendete. Ferner auch sind die Meisten im Volke thörichter Weise LaUgner der göttlichen Vorsehung, und nur sehr Wenige glaube an Belohnung und Bestrafung der Seelen. Spricht Einer mit dem Andern, so ihut er des Jenseits -keine Erwähnung, und er läßt es sich auch nicht in den Sinn -kommen. Der Eine heuchelt gegen den Andern, Wahrheit wird nicht geredet, Bruder gegen Bruder, Freund gegen Freund suchen einander ohne Grund in's Verderben zu stürzen und dem Feinde zu überliefern; die Tücke widert selbst den Feind an, er hat Erbarmen und vergißt das Unrecht. O in ihrer Frechheit und Unbarmherzigkeit posaunen sie-ihre eigene Schande aus. Sind da zwei Juden zusammen, so zanken, sie miteinander, und ist auch die Stadt groß bis zu Gott, so ist sie dennoch nicht im Stands jene beisammen-zu tragen; sie zanken de» ganzen Tag, zanken um leere Dinge bei -ihren Zusammenkünften, so daß die Erde berstet unter ihrem Lärm. Untersuche sorgfältig und frage genau nach bei Schriftstellern und.Schriftwerken: Duwirst finden,' daß die Sache sich genau so verhält, nämlich, daß die meisten Uuglücksfälle und Drangsale, die immer wieder unS heimsuchten, ihren Grund in Pen Ruchlosen unseres eigenen Volkes haben, die unsere geheimen Frevel verriethen. Wir waren gewiffenlosin unserm Verkehre mit den Nichtjuden, in deren Botmäßigkeit wir standen; wir Mweihten den HMgen Namen unseres Gottes in ihrer Mitte, indem wir gegen sie. ohne Wahrheit und Treue verfuhren; wir gründeten listig unfern Umgang mit ihnen auf ehrlose Bedingungen, und brachten es dahin, daß sie uns verachteten, für Diebe, Räuber, Ehebrecher und. eleudöH Gesindel ansahen, und jede nichtswürdige, gemeine Dhät als eine That von Juden bezeichnten. Wahrlich, hierauf paßt die Warnung des Propheten:. „And als die Wahrheit fehlte" u. f. w. Oeffne Dein Aüge und stehe, daß Niemand unter uns fein Unrecht erkennt und an Umkehr denkt, daß er spreche : „Was habe ich gethan?" und feinen Frevel bereue. Wer von uns entsagt-freiwillig ^drr Weltlust und bedenkt das Ende? Wer von uns kehrt zu seinem Gott zurück mit ganzem Herzen und empfindet Trauer über^as begangene Unrecht? Wer von uns hätte sich geweiht dem Dienste feines Lottes in feiner Kindheit und «u« gär im reifrrn Alter? Jeder weidet Wind, jagt Sturm, ist ei« von Gott Abgeschiedener vom Mutterschoße bis zum Todestage, so daß darauf das Wort des Propheten anwendbar ist: „Es verzehren Fremde sein Mark, und er merkt Nichts; selbst das Alter besprengt sein Haupt" u. s. w. Ich horche auf und vernehme ungerechte Rede, und Niemand bereut feine Schuld und spricht: „Was habe ich doch begangen?" Alle wiederholen ihr Treiben. Achtest Du darauf, so wirst Du Niemanden unter uns sehen, der demüthigen Sinnes wäre über den. Untergang unseres Reichs, über den Verlust der Weisheit, über das Aufhören des Prophetengeistes, über die Zerstörung unseres Heiligthums und unserer Herrlichkeit, über das Schwinden der Ehre aus unserer Mitte, über die Entweihung des Gottesnamens. Niemand denkt daran, auf Schmuck und Zierrach zu verzichten ob der Beschämung der GotteSlehre und der Ermordung ihrer Lehrer, die sein Auge gesehen und sein Ohr vernommen. Niemand ob der Vernichtung unserer Gemeinden und der Ausrottung unserer Geburtsstätten. Ein verderbenbringendes Feuer wüchet um sie herum, und sie .jubeln in Trunkenheit; sie sehen ihr Leben an einem Haare hangen, und das Unglücksschwert hinterdrein die Starken bedrohen, aber sie empfinden keinen-Schrecken, keine« Schmerz m ihrem Mißgeschick. Auf der einen Seite unglückliche Juden, einer fremden Naiiou verfallen, gemordet, verjagt, geplündert, und hart daneben, auf der andern Seite, Blinde und Taube, welche in freudiger Lust ihr Brod verzehren, auf Flöten blasen - und rasen, m unjüdischer Weise. gekleidet, mit geziertem Haupte- und geschornem Barte. Der Schlag des Feindes, die Züchtigung des Erbarmungslosen hat . uns' heimgesucht , aber wir allesammt empfanden , es nicht, nahmen keine Zucht an und wurden nicht demÜthig. So ruft der Prophet: „Ewiger, sind Deine Augen nicht-auf Wahrheit gerichtet? Du schlägst sie^ sie fühlen, es nicht, sie wolle« keine Zucht annehmen; sie machen ihr Angesicht.härter - als den Fels

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