Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1872)
- Date
- 1872-11-19
- Page
- Seite 931 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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bereits von der uttramontanen wie der socialistischen Garde so häufig verwendet worden, daß sie als abgenutzt angesehen werden kann. Ich hätte, wohl auch an dieser Stelle vom „Socialdemokraten" gar keine Notiz genommen, wenn es nicht doch auch zur vollen Charakteristik unsrer Zeit gehörte. Die früheren Jahrzehnte haben uns so viel und so ausführlich von den Emancipationskämpfen zu erzählen gehabt, daß wir es uns jetzt auch gestatten können, dem nachfolgenden Geschlechte von den eigenthümlichen Kämpfen der Gegenwart zu berichten. Der Kampf freilich scheint nie auszusterben. Der Czeche Palacky hatte im letzten Bande seiner gesammelten Schriften — nicht zu ver-' wechseln mit seinem jüngsten Abschiedsworte — eine Diatribe gegen die Juden losgelassen. Ein jüdischer Journalist in Wien antwortete in sehr heftiger Weise, und man muß es sagen, in sehr salopper Sprache. Neben einigen, mehrmals glänzend ausgesprochenen Wahrheiten sagt er so viel Uebertreibungen über die Verdienste unsres Stammes, und giebt sich durch unreife und unklare Aussprüche so viel Blößen, daß es dem „Socialdemokraten" nicht schwer ward, sich an diese zu halten und nun seinen Geifer über die Juden auszuschütten. Die Journalisten und die Financiers sind es, die den Ingrimm dieser Leute gegen die Juden erwecken. Daß die Inden unter den Ersteren nur einen kleinen, unter den Letzteren einen etwas bedeutenderen Bruchtheil bilden, die jüdischen Journalisten und Financiers unter den Juden überhaupt nur einen verschwindend kleinen Bruchtheil, stört diese Scribenten nicht — alle Juden müssen verbrannt werden. Daß gerade unter den socialistischen Schriftstellern und Socialisten eine verhältnißmäßige Zahl von Juden figurirt, hält ihren keulenschwingenden Arm nicht auf. Sagt doch sogar Palacky, die Juden hätten den Deutschen das Schimpfen gelehrt. Man fragt sich, woher hat es denn Palacky, der darin ein Meister ist? Woher haben es die Ultrawontanen? woher die Socialisten? Und beide sind doch an der Spree wie an der Donau, an der Isar wie am Rheine, an der Seine wie am Tiber solche Giganten im Schimpfen, daß sie diese ihre Kraft, die fast ihre einzige Kraft ist, unmöglich von den Zwergen, den Juden, erhalten haben können. Der Geschichtsforscher Palacky müßte wissen , daß die Juden es erst in den letzten Jahrzehnten haben lernen können, lange nachdem die christlichen Völker, z. B. zur Reformationszeit, es meisterhaft geübt haben; den Juden war ja bis zur jüngsten Zeit der Mund verbunden. Die Socialisten kommen natürlich wieder mit ihrem Geschrei über „die unproductive Arbeit", worunter sie Handel, Wissenschaft und Staatsverwaltung verstehen, und wie die Männer der unproductiven Arbeit den Besitz der Productionserzeugnisse an sich gerissen haben, die eigentlich den Arbeitern gehören. Das begreifen diese Leute nicht, oder wollen es nicht begreifen, daß erst der Handel den Producten den vollen Werth erwirkt und für die Arbeit die Rohproducte herbeischafft, daß erst die Wissenschaft der Arbeit die Entwickelung und die passenden Mittel, damit sie aus ihrem rohen Zustande herausgelangte, hervorgebracht hat, und daß der Staat die Sicherheit und die Circulationswege Hervorrust und schützt, wodurch die Arbeit erst zur Thätigkeit kommt. Ob man dies Alles der mechanischen Arbeit gegenüber als unproductiv bezeichnen könne, möchte bei den Vernünftigen keine Frage mehr sein, am wenigsten aber den Arbeitern das bevorzugte Besitzrecht einräumen, welches sie jetzt in Anspruch nehmen. Doch lassen wir diese Streitfragen, deren Erörterung den socialistischen Schreiern gegenüber doch nur eine ganz vergebliche Arbeit ist. Ihnen ist Alles, was nicht die Schaufel und den Hammer führt, unproductiv und rechtslos. Jndeß geht die Welt ihren Weg fort. Ist es doch selbst ein trügerisches Vorgehen, wenn man die Speculation, die freilich in ihren Auswüchsen verwerflich ist, immerfort verurtheilt und schmäht, während sie es doch ist, die unter den gegebenen Umständen allein vermag, großen Calamitäten abzuhelfen. Wie bei Mißwachs und Hungersnoth die Speculation es ist, welche die Lebensmittel aus entlegenen Erdstrichen herbeischafft, so ist sie auch jetzt daran, der Wohmmgsnoth in Berlin durch Ankauf unbebauter Grundstücke und die Bebauung derselben in großartigem Umfange nachhaltig abzrchelfen. Weder die Behörden, noch die puren und die Kathedersocialisten vermögen dies, wohl aber die richtig geleitete Speculation. Berlin, 10. Nov. (Privatmitth.) Wenn in der A. Z. d. I. Jahre lang der Kampf um die Erfüllung der Verfassungsparagraphen, welche die Gleichberechtigung aller Confessionen aussprechen , Schritt vor Schritt verfolgt wurde, so muß es jetzt die weit angenehmere Pflicht dieses Blattes sein, die schnellen Fortschritte zu verzeichnen, welche wir gegenwärtig aus dieser