Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1872)
- Date
- 1872-11-19
- Page
- Seite 926 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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wenn wir auch ihren Einwürfen eine wirkliche Beweiskraft nicht zusprechen, und Strauß wird uns mit seinem „altmodisch" nicht abschrecken; denn seine vermeintlichen Gegenbeweise sind bereits auch altmodisch geworden. Oder meint er, daß der Begriff von Ursache und Wirkung wirklich abgethan sei, wenn er sagt, daß, wenn von den Dingen in der Welt jedes seinen Grund in einem anderen hat, wir so nur die Vorstellung „eines auf sich selbst beruhenden, im ewigen Wecksel der Erscheinungen sich gleichbleibenden Universums" erhalten? Mit Nichten, die Frage nach der Ursache dieses Universums, dieser ewig wechselnden Erscheinungen, bleibt ebenso bestehen, und bewegt fort und fort den Menschengeist, wie zuvor. Die Frage wird mit dem „auf sich beruhenden Universum" erdrückt, aber nicht aus der Welt geschafft. Strauß antwortet nur, ich kenne diese Ursache nicht, ich kann bis zu ihr keine Schlußfolgerung ziehen; aber er kann doch Andere nicht verhindern, diese dennoch zu vollbringen. Strauß giebt ferner zu, daß sämmtliche Erscheinungen der Welt und die Verbindung derselben zur Welt zweckmäßig sind, d. h. so eingerichtet, daß die Mittel einem bestimmten Zwecke entsprechen. Aber er läugnet, daß zur Herstellung eines Zweckes und der diesem entsprechenden Mittel eine bewußte Intelligenz nothwendig sei. Er beruft sich dabei, was ihm Schopenhauer an die Hand giebt, auf den Jnstinct mancher Thiere, die Zweckmäßiges thun, ohne daß sie Intelligenz besitzen; es sehe aus, als geschähe es nach einem bewußten Zwecke, und geschieht doch ohne einen solchen. Dies ist weder philosophisch, noch naturwissenschaftlich. Es ist ein Spielen mit „bewußtem Zweck" und „Zweck". Der Zweck, das zweckmäßige Handeln, ist da, entweder dem Geschöpfe ist der Zweck und die dazu nöthigen Mittel bewußt, oder ihm von einem Anderen gegeben; im ersteren Falle ist ihm das Bewußtsein von einem Anderen gegeben. Somit bleibt, wo ein Zweck und die diesem entsprechenden Mittel vorhanden sind, eine bewußte Intelligenz nothwendig, von der jene herrühren. Der Naturforscher aber sagt: „Mit ehrfurchtsvollem Staunen betrachtet der Naturforscher das mikroskopische Klümpchen Nervensubstanz, welches der Sitz der arbeitsamen, baulustigen, ordnungsliebenden, pflichttreuen, tapfern Ameisenseele ist." So Du Bois- Reymond, über die Gränzen des Naturerkennens, Leipzig 1872, S. 30, eine Abhandlung, auf welche wir noch zurückkommen. Dies klingt doch anders als das Läugnen der Intelligenz, das sich Strauß erlaubt, während sie doch im Begriffe des Zweckes ausgesprochen liegt. Dieses Wenige genüge, da in die Details weiter einzugehen hier nicht der Ort ist. Jedermann muß zugeben, daß die religiöse Ueberzeugung durch diese Auslassungen von Strauß nicht erschüttert und nicht beseitigt worden ist, außer bei denen, in welchen sie schon so gut wie nicht vorhanden war. Entkleiden wir die Religionen ihrer kirchlichen Dogmen und ihres kirchlichen Gewandes, so sehen wir in der gesammten Menschheit und durch alle Jahrtausende hindurch den Gottglauben bestehen und hochgehalten. Er ist also den philosophischen Systemen nicht entsprungen, sondern sie hinkten ihm anerkennend oder läugnend nach, und ebenso wenig haben es die wechselnden philosophischen Schulen vermocht, ihn zu verdrängen, wie man ja genugsam seit Zeno und Pyrrho, und seit den Zeiten des Sextus Empirikus erfahren hat. Beweis genug, daß wir 7 den Boden der Religion nicht allein in der Philosophie und Dialektik zu suchen haben, sondern in der ganzen und vollen Menschennatur, in welcher der unmittelbaren Erkenntniß aus dem innersten Wesen heraus so viel enthalten ist, die mit der Vernunft nicht im Widerspruch stehen, aber auch die philosophirende . Kritik von sich allein aus nicht aufheben wollen darf. So wenig, wie wir der Gattung das Recht einräumen, dem Individuum die ihm zukommende Freiheit zu entziehen, so wenig dürfen wir dem Individuum einräumen, die volle Kraft zu haben, die freie Bewegung und das Wesen der Gattung zu verneinen. Er mag dies immerhin für sich selbst thun, aber sich nicht anmaßen, dies auch für die Gattung und in der Gattung vollbracht zu haben. Der Gottglaube gehört der gesammten Menschheit an; der. Einzelne kann ihn sich zurechtlegen, ihn verkümmern und abläugnen — nur bilde er sich nicht ein, ihn der Menschheit geraubt, durch seine individuellen Schlüffe als nichtig erwiesen zu haben. «Fortsetzung folgt.) Die Confrre»; in Krüssel. In einem früheren Artikel bemerkten wir, daß wir bald Veranlassung nehmen würden, uns darüber auszusprechen, was eigentlich in Angelegenheit der rumänischen Juden zu thun sei. Kurze Zeit darauf kam uns die Nachricht zu, daß sich die Delegirten der rumänischen Hülsscomitss in Brüssel versammeln würden, um in