Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1872)
- Date
- 1872-11-19
- Page
- Seite 925 (sequence 3)
- Language
- German
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Gott nicht mehr beten könne^ höre dieser auf, persönlich zu sein. Dies ist nun rein, sophistisch. Er beruft sich auf Kant, der „innerhalb der Gränzen der bloßen Vernunft^ die Meinung, durch'das Gebet auf Gott wirken zu können, für thöricht erklärt, der aber, wie Strauß doch selbst anführen muß, das Gebet aus der seelischen Wirkung heraus für „jedenfalls unter Umständen empfehlenswert^ erklärt. Also „innerhalb" der Gränzen der bloßen Vernunft"! Glücklicher Weise füllt die bloße Vernunft das menschliche Leben doch nicht aus. Es klopft in ihm ein Herz, das seine Beziehungen, seine Bedürfnisse, seine Wirkungen, ja seine unmittelbaren Erkenntniffe hat. Wer wollte z. B. das Verhältniß zwischen Mann und Frau, zwischen Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Bruder und Schwester innerhalb der Gränzen der von der bloßen Vernunft dictirten Paragraphen des bürgerlichen Gesetzes beurtheilen, regeln und erschöpfen, wer die Pflichten des Bürgers, des Menschen zum Menschen, überhaupt Alles, was das wirkliche Leben betrifft, mit den vernunftgemäßen Artikeln des Gesetzes beschränkt, abgegränzt wissen? Das Beten, das vorzugsweise aus dem Gemüthe des Menschen entspringt, lediglich innerhalb der Gränzen der bloßen Vernunft aufzusasseu, ist an sich ein volles Mißverständnis Aber abgesehen hiervon legt die subjective Rückwirkung auf das Gemüth des Menschen dem Gebete eine so großartige Bedeutung, so hohen Werth, unter Umständen eine solche Unentbehrlichkeit und Nothwendigkeit bei, daß wir Den bedauern müssen, der das Beten darum für überflüssig hält, weil es ihm die Erfüllung seiner Wünsche nicht mehr verbürgt. Welch eine Erniedrigung des Geistes, nur aus Utilitätsrücksichten, um einen bestimmten greifbaren Nutzen zu erlangen, beten zu sollen! Das Gebet ist eine Erhebung deS Geistes in den Vorstellungen von Gott, in dem Gedanken an Gott und seine Vollkommenheiten, eine Läuterung der Seele in dem Bewußtwerden des Rechts und des Unrechts, der Tugend und. der Sünde, eine Aufrichtung und Stärkung, durch die wir uns mit Muth und Kraft für den Kampf des Lebens erfüllen, eine Klärung unsrer innern Welt, eine Beschwichtigung unsrer Unruhe und Leidenschaft. Und wem dies wahrhaft durch die Seele gegangen, in Dem wirkt es auch auf seinen Willen und seine Entschlüsse, auf sein Thun und Lassen, und so wirkt es auch auf das äußere Leben und hat eine volle Realität. Wer so betet, der ist in eine unmittelbare Anschauung und Verbindung mit Gott versetzt, und es ist daher ein völlig willkürlicher Schluß, daß er nicht mehr zum „persönlichen Gotte" bete, und dieser daher nicht mehr für ihn bestehe. Richtig ist, daß, wer da betet, Gott im höhern Sinne des Wortes als „persönlich" anschaut; denn zum Universum, d. i. zu der Gesammtheit der individuellen Wesen, zu den Naturgesetzen und Naturkräften, zu Wärme, Licht, Anziehungskraft, Electricität, läßt sich nicht beten. Falsch ist nur, vaß das allein Beten heißen soll, wenn man dadurch einen Vortheil, einen nutzbringenden Erfolg, die Erreichung eines realen Wunsches erzielen will. Dieses groben Jrrthums macht sich Strauß schuldig, weil eben ohne diesen Jrrthum sein Schluß in Nichts zerfällt Aber durch solche oberflächliche Behauptungen wird Nichts widerlegt und Nichts erwiesen; durch willkürliche Voraussetzungen und Schlüsse'läßt die Menschheit sich nicht absprechen, was ihr vdn der Urzeit an bis heute Bedürfniß war und Befriedigung schuf, ihrer innersten Natur unmittelbar entsprang und zusagte. Hat sich durch Alles Dieses Strauß durchaus nicht als einen nur einigermaßen sicheren Führer erwiesen, so werden wir ihm auch kein Vertrauen schenken, wenn er weiterhin durch kurze Sätze die Ueberzeugungen der Menschen umzustoßen sucht. Er verwirft die Beweise für das Dasein Gottes, den kosmologischen, teleologischen und moralischen. Hier aber ist es, wo er eine merkwürdige Erscheinung hinstellen muß, ohne freilich sie zu berücksichtigen und zu würdigen. Kant, der zuerst diese Beweise der älteren philosophischen Schulen als unzulänglich nachzuweisen suchte, ebenso wie Fichte, Schelling und Hegel, kamen dennoch immer wieder auf Beweise für das Dasein Gottes zurück, und stellten solche in ihrer Weise auf. Wir müssen doch nach, dem Grunde, dieser Erscheinung fragen, und Der kann in nichts Anderem liegen, als daß sie, wie die Unzulänglichkeit der Beweise, auch die Unzulänglichkeit ihrer Gegenbeweise erkannten und empfanden, und deshalb nach neuen Beweisen suchten. Wenn Hegel sagt, Alles komme darauf an, daß die Substanz als Subject oder als Geist begriffen werde, und dieser Satz seine Anhänger in zwei entgegengesetzte Parteien theilte, von denen die eine ein Bekenntniß des persönlichen Gottes, die andere das Denken, das Gottesbewußtsein im Menschen, als die ideale Existenz Gottes darin fand: so löst sich das Räthsel viel einfacher, daß Hegel sagen wollte, das Dasein.Gottes lasse sich ebenso philosophisch denken und erweisen, als auch das Gegenteil. Von diesem Standpuncte unsrer Geistesheroen aus werden die Herren Epigonen es nicht verübeln,