Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1872)
- Date
- 1872-11-12
- Page
- Seite 905 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226899--31152-3254062- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Vorschriften gegen die Thiere aufstellte — freilich nicht in buddhistischer Weise, die dem Menschen jede Tödtung' eines Thieres verbot, daß -der Mensch sich eher von Ungeziefer und Raubthieren verzehren lasten müsse, als sie - Hü Stödten, und zwar aus, den abergläubischen Grillen! der Seelenwanderung, heraus? Indeß auf eine gerechte Beurtheilung dürfen wir im Kriege nicht rechnen, und im. Kriege gegen alle Religion ist Strauß einmal, be-, griffen. — ‘ Treten wir aus diesen christlich - kritischen Wäldern - auf die Flur der Religion im Allgemeinen, so sehen wir: sofort Strauß aller Originalität. ermangeln, und sich? Raths ber Hume,. Epiktet und, den . er nicht nennt, bei Ludwig Feuerbach holen. Die Religion ist ihm nur das Kind der Furcht, des Hungers und Durstes, des Abhängigkeitsgefühls. Der Sturm, Donner und Blitz,; Erdbeben und die den Kahn verschlingende See müssen abermals herhalten, um den Ursprung der Religion zu erklären. Strauß versteigt sich sogar zu dem Satze (S. i93): „Ginge es dem Menschen stets nach Wunsche, hätte er immer, was er bedarf, scheiterte ihm kein Plan, und müßte er nicht, durch schmerzliche Erfahrungen be- - lehrt, der Zukunft bange■ entgegensehen: so wäre schwerlich je der Gedanke an höhere Wesen in ihm aufgestiegen." Ist das nicht für einen Denker sehr naiv? Heißt dies; nicht so viel, als, wäre der Mensch nicht Mensch, foi beschaffen und auf diese Erde gesetzt, so würde er nicht als Mensch denken und fühlen? Wie oft ist bereits diese ganze Ansicht widerlegt worden; aber die Gegner dem Religion sind gerade so blind und beharrlich, wie es die - blinden - Anhänger . kirchlicher Dogmen sind. Haben denn diese Männer keine Vorstellung von dem einfachen Denk-; proeeß über Wirkung und Ursache? Sie sehen doch, daß jede Religion, jede Mythologie mit der Frage beginnt , wie und wodurch die Dinge, wie und wodurch; die Welt entstanden ist? also nicht aus der Furcht, dem Schrecken und der Abhängigkeit entspringt, sondern aus dem inneren Gesetze des menschlichen Geistes, nach den - Ursachen dessen zu forschen, was er um sich Mährt, um diese zu begreifen,. und eine Vorstellung davon zu haben. Sie sehen, daß derselbe Proceß sich, in jedem Menschenkinde wiederholt und. mit dem, ersten Erwachen des Bewußtseins seine Rolle spielt — wie können sie also läugnen, daß das natürliche Verlangen des Men-! schengeistes nach Erkenntniß sicher eine ebenso starke: Wurzel der- Religion .ist,wie Pas Abhängigkeitsgefühl? Nicht minder weist Jedermann,. daß die . ganze Naturanlage des Menschen aus leibliche wie geistige Entwickelung bemessen ist, ja daß diese Entwickelung 'dine gewaltige sein muß, da es } kein schwächeres und hülsloseres Geschöpf giebt als das -neugeborene Menschenkind. Diesem Entwickelungsbedürfniß liegt nothwendig ein Verlangen nach -immer Höherem zu Grunde, das ihn von Stufe zu Stufe, lange Zeit unbewußt, - später mit vollem Bewußtsein, hinantreibt. Er muß seine-Kräfte entfalten, er ist durch seine ganze Natur auf immer Höheres angewiesen, so wird er über sich selbst hinausgehoben-und fühlt sich - im Zusammenhänge mit einem höheren Wesen, mit welchem er in sich- Ähnlichkeiten verspürt. Dieses natürliche, nicht erkünstelte Verlangen nach dem Höheren, dieses Selbstgefühl 'einer höheren Natur in sich, ist ebenso eine starke Wurzel der Religion. Mit nichten demnach ist der Ursprung der Religion in dem Abhängigkeitsgefühle des Menschen zu suchen;-es ist dies die einseitigste Vorstellung der Sache — sondern es vereinigen sich der Trieb nach Erkenntniß, das Verlangen, Gefühl und Bewußtseim des Höheren mit dem-Abhängigkeitsgefühle, um in dem Menschen nothwendig den Begriff einer Gottheit hervorzubringen und von seinem ganzen -geistigen Wesen untrennbar zu machen. In der That sind Furcht und Schrecken nicht die ersten und vorherrschenden Gefühle des Menschen; Sorglosigkeit, Zuversicht, Selbstvertrauen und Muth sind in ihm früher und wohl vorherrschend vorhanden. So falsch und irrig ist die Grundlage, welche Strauß seiner Betrachtung der Religion gegeben hat, und da können denn die weiteren Jrrthümer nicht ausbleiben. Es kann daher nicht verwundern, daß Strauß über den Ursprung und die Entwickelung des Monotheismus, wir möchten sagen, faselt. Da er eine Offenbarung nicht zugiebt, den Ursprung der religiösen Idee aber so tief-wie möglich herunterdrücken will, demnach auch-eine Erkenntniß der Einheit der Natur und der Einordnung der Wesen als Grundlage des Monotheismus nicht zugeben mag: so kommt er auf den sonderbaren Einfall, daß der Monotheismus „die Religion einer Horde" sei. Eine solche Horde soll em Selbstgefühl Befehlt haben, „das sie im. Kampfe mit Anderen stärkte, ihr Siegeshoffnung und selbst im Unterliegen die Zuversicht > künftiger Obmacht gab," und dieses „vergötterte Selbstgefühls war ihr-Gott, e i n Gott. Das Merkwürdige hierbei wäre nun,, daß es so viele Horden gab, und noch -jetzt zahllose Horden umherschweifen, während unter allen nur eine, die 'israelitische, einen monotheistischen Glauben