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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-11-12 · Heft 46 (12.11.1872) · p. Seite 904

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 46 (12.11.1872)
Date
1872-11-12
Page
Seite 904 (sequence 2)
Language
German
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- Scheiterhaufen hinausgekommen, es sei die Religion des Bettelwesens u. s. w., so sind dies Uebertreibungen, die.. man nicht einmal dem Kritiker zu Gute halten kann. Er schreibt der neueren Zeit eine neue Weltanschauung zu, aus welcher erst die großen Erfindungen und die Entwickelung der Industrie hervorgegangen seien. Als wenn es nicht ein Jahrhundert gegeben, in welchem, schon lange nach Erfindung des Compaffes und des Schießpulvers, die Buchdruckerei und das Lumpenpapier erfunden und Amerika entdeckt worden, und zwar das Jahrhundert vor der Reformationszeit, als wenn, wie er doch selbst zugeben muß, Copernicus, Kepler und Newton nicht sehr strenggläubige, theologisch geschulte Männer gewesen wären. Doch ist es nicht unsers Amtes, dies näher zu beleuchten. Im Ganzen ignorirt Strauß in diesem Abschnitte das Judenthum, und wir heben nur einige wenige Einzelnheiten hervor. Wir sagten, Strauß sei nur negativ. Ein Beispiel hierfür liegt uns in seiner Besprechung der Schöpfungsgeschichte vor. Er erkennt sie als ein sinniges Gemälde an, beschränkt sich aber nun, die allbekannten gewöhnlichen Einwände von der Schöpfung der Sonne am vierten Tage, von der Trennung der Erde und des Masters an einem Tage u. s. w. gegen die buchstäbliche Auffassung der Schöpfungsgeschichte zu'erheben. Dies ist ebenso nur ein rationalistischer Kram zur Verwerfung der biblischen Erzählung, wie derselbe ihn mit so scharfem Spotte behandelt, wenn er die Wunder der Bibel mit „Hausmittelchen" erklären will. Für den erhabenen, positiven Gedankeninhalt der mosaischen Schöpfungsgeschichte, wie diese mit der Lehre von der Weltschöpfung Gottes nach den großen Bedingungen des Daseins (Raum, Licht, Form), nach Gesetzen, Ordnung und stufenmäßiger Entwickelung allen Schöpfungsmhthologien der antiken Welt zu ewiger Belehrung entgegentrittt, hat der Verfasser entweder kein Verständniß, oder will dasselbe nicht aussprechen. Ebenso ergeht ihm mit der Geschichte des Paradieses ,' die er lediglich' als Sündenfall und Erbsünde in Betracht zieht. Da es ihm ' nur darauf ankommt, das Christenthum und die christliche Anschauung zu bekämpfen und zu vernichten, um von'da aus aller religiösen Ueberzeugung den Krieg zu'erklären', hütet er sich wohl, da das Judenthum zu berücksichtigen, wo es vom Christenthume differirt und im Gegensätze zu ihm steht, wie z. B. gerade in den bedeutungsvollen Momenten, in welchen das Christenthum mit' dem Buddhismus übereinstimmt." Denn das Judenthüm weiß Nichts von der Weltverachtung, von der _ v .Jlpi .,.s„„ Schlechtigkeit und gar der Erbsünde der Menschenrace, und wollte das-Volk' zu einem menschenwürdigen, arbeitsamen;vmtb beh irdischen Segen in Gerechtigkeit.und Gottesfurcht genießenden Dasein führen. Wo Strauß des Judenthums erwähnt, thut er eS vollständig als christlicher Theolog. Nachdem er eben gezeigt, daß man von den eigentlichen Ansichten und den wirklichen Reden Jesu gar Nichts wüßte, wohl aber daß er den Grund zu jener Verachtung des irdischen Daseins und der gewerblichen Thätigkeit gelegt habe, behauptet er, daß Jesus dem - Judenthume eine diesem „bis dahin unbekannte Freiheit und Heiterkeit" gegeben habe. Bekanntlich fehlte es dem Judenthume weder an Freiheit, noch an Heiterkeit; für letztere zeugen schon die großen Volks- und Verbrüderungsfeste mit Freudenmahlen, Gesang und Reigen, welche dreimal im Jahre gefeiert wurden. Auf der mosaischen Grundlage verband sich in Gott der Begriff der Gerechtigkeit und der Liebe, des Richters und des Vaters, und im Cultus selbst der Ernst mit der Heiterkeit, die Strenge mit der Freude; die Worte „liebet" und „freuet Euch" wechseln mit „ehrfürchtet" und „erfüllet die Gebote." Wie diese Empfindungen neben und mit einander im menschlichen Gemüthe vorhanden sind, diese Vorstellungen neben und mit einander im menschlichen Geiste bestehen, so sind sie auch in' der heiligen Schrift Israels nach , den Stimmungen wechselnd -zum Ausdruck gekommen. Es galt eben die einseitige, übertreibende,' und darum unwahre und schädliche'Richtung zu'vermeiden. Wenn dem späteren Judenthume die Freiheit und die Heiterkeit verkümmert, worden ist, so lag dies in den unglücklichen Verhältnissen des Volkes, in den Verfolgungen und Bedrückungen, die es erfuhr, und in der allgemeinen Weltstimmung, in die es hineingeworfen worden war. — Wo Strauß dem Christenthume die' Originalität "der Menschenliebe abspricht, sagt er>-daß schon fünf Jahrhunderte früher der Buddhismus Milde und Erbarmen nicht bloß gegen alle Menschen, sondern auch gegen alle lebende Wesen gelehrt habe, und daß, ein Menschenalter vor Jesus, Hillel ausgesprochen, die Vorschrift: der Nächstenliebe sei der Inbegriff des Gesetzes. 'Woher hatte aber Hillel dies? Nicht aus dem Gesetze selbst, das doch, selbst nach den Kritikern, damals schon ein Jahrtausend, nach der Urkunde selbst anderthalb Jahrtausende alt war, und das die'Bruderschaft aller Menschen auf den' ersten Seiten der Schrift lehrte, die Nächstenliebe nicht blos als' Grundsatz formulirte; sondern auch in vielen Einzelgesetzen' ausprägte', und'- die humansten

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