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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-11-05 · Heft 45 (5.11.1872) · p. Seite 901

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 45 (5.11.1872)
Date
1872-11-05
Page
Seite 901 (sequence 19)
Language
German
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Was Sie da sagen, ist gewißlich richtig, lastet aber meinen oben. ausgesprochenen Grundsatz kaum an. Ich könnte mich begnügen zu sagen, daß wir, lieber Freund, es nur mit aufrichtigen, und nicht mit heuchlerischen Menschen zu thun hätten. Diese mögen ihre Wege gehen; uns kommt es nur darauf an, Männern von Aufrichtigkeit und Charakter durch unsere Winke und Rathschläge den Weg zu erleichtern, welchen sie zu einem schönen Ziele zu wandeln haben. Aber ich muß Ihnen hier doch noch eine andere Meinung offenbaren, die sich mir aus langer Erfahrung aufgedrängt hat. Ich meine nämlich, daß es bei Weitem nicht so viele Heuchler und Betrüger giebt, wie gewöhnlich, und besonders vom Parteistandpuncte aus angenommen wird. In des Menschen Brust giebt es einen Advocaten, der auch die verzweifeltste Meinung mit Gründen zu befürworten und zu belegen versteht, und mit einem unwiderstehlichen Zauber eine Ueberzeugung herzustellen vermag, die anderen vernünftigen Menschen als offenbarer Unstnn erscheint, und die sie sich nicht anders denn als eine erheuchelte vorstellen können. Dieser in jedem Menschen lebende und arbeitende Advocat ist — der Eigennutz. Er, der die meisten Menschen über ihre eigenen Schwächen und Sünden zu täuschen oder hinwegzuhelfen, und sie zum Glauben an ihre eigenen Vorzüge und Tugenden zu bringen im Stande ist, vermag auch wohl in uns Meinungen zu befestigen, welche uns bei einer unparteiischen Prüfung bald als Illusionen erscheinen würden. Hierzu kommt, daß, wenn wir erst eine Ansicht wiederholt und mit allen uns erfindbaren Gründen vorgetragen haben, diese uns als unwiderlegbar vorkommt, wie es dem Lügner ergeht, daß er, wenn er Etwas Erlogenes mehrere Male erzählt hat, es selbst für wahr hält und von der Wahrheit nicht mehr unterscheiden kann. Aus diesen Gründen behaupte ich, daß zur Ehre der Menschheit eine große Zahl derer, welche dem einfachen und denkenden Menschen durch ihre extremen Aeußerungen und Uebertreibungen als Heuchler und Betrüger erscheinen, genau genommen dies nicht sind, und daß sie von dem , was sie mit so vieler Heftigkeit und Leidenschaft vortragen, wenigstens im Momente selbst überzeugt sind. Ich kann daher den Satz, mit dem ich meinen heutigen Brief angefangen habe, nur aufrecht erhalten, und dem jungen Redner zurufen: Hüte Dich vorzutragen, was Du selbst noch bezweifelst, worin Du noch schwankst, sondern sprich nur dann, wenn Du eine Ueberzeugung erlangt hast, und nur das, wovon Du selbst überzeugt bist. Wie dem aber auch sei, sicher ist, daß der Vortrag des Redners stets nach Wahrheit streben muß, d. h. stets dem Gegenstände, noch mehr: der Auffassung des Gegenstandes entspreche. Ist diese ruhig, gemäßigt, besonnen, so sei die Vortragsweise eine gleiche; ist sie lebhaft, hingeriffen, leidenschaftlich, so muß Dies durch den Vortrag zum Austrag kommen. Vor zwei Dingen hüte sich der Redner, vor Monotonie und vor Manier. Trägt er Alles in einem und demselben Tone, in einem und demselben Affecte vor, bewegt er sich, immer in demselben Flusse, in demselben Tempo , so wird seine Rede, und wenn sie die bestausgearbeitete ist, eindruckslos bleiben. Spricht er hierbei langsam, so ermüdet er die Zuhörer; spricht er schnell, jagen seine Worte einander, so spannt er die Hörer ab, und die schönsten Gedanken und Bilder haben keine Zeit, sich in der Seele desselben festzusetzen und daselbst zu wirken. Schon aus äußern Gründen daher ist die Abwechselung un Vortrage höchst rathfam; noch mehr aber, weil erst hierdurch die Wahrhaftigkeit zum Gefühle kommt, und der Vortrag als Träger der Ideen und Gefühle erscheint, nicht als ein von diesen getrenntes und noch besonders hervorgebrachtes Product. Nicht minder aber ist jede bestimmte und immer wiederkehrende Manier schädlich. Nichts mißfällt dem Hörer mehr als der sogenannte Schulmeisterton, dem der Predigerton gleichkommt, der höchstens auf der Kanzel leidlich ist, wenn er selbst auch hier schwinden sollte, weil er allmälig dem Publicum, eben weil er Manier ist, unangenehm geworden ist. Die Einfachheit, oder besser gesagt, die Natürlichkeit, ist die schönste Eigenschaft des Redners, wobei ich selbstverständlich voraussetze, daß sie keine gemeine, geschmacklose, sondern eine edle, gebildete Natürlichkeit ist. Es giebt Redner, welche dadurch zu imponiren glauben, daß sie irgend eine ungewöhnliche Eigenthümlichkeit in ihrem Vortrage, in der Betonung, im Klange der Stimme oder dergleichen anbringen und erscheinen lassen. Es ist dies ein Jrrthum, der bei dem Einen die Nachsicht des Pudlicums unnöthiger Weise beansprucht, bei dem Anderen Mißfallen oder gar Spott bewirkt. Um noch etwas Specieües hinzuzufügen, mache ich darauf aufmerksam, daß man sich angewöhnen müsse, alle Worte deutlich und vernehmlich auszusprechen, und? dies zwar bis zu den letzten Worten der Sätze. Es ist eine üble Gewohnheit Mancher, den Ton gegen Ende des Satzes sinken zu lassen , so daß die letzten Worte verhallen. Es widerspricht dies der Ratur gerade der deutschen Sprache, welche oft die wichtigsten, abschließenden Worte an das Ende setzt.- Mit einer weisen Oekonomie des Tones und der Accentuirung muß die Klarheit der Stimme auf alle Glieder des Satzes vertheilt werden, wobei zugleich ohne Manierirung Haupt-, Neben- und Zwischensätze durch den Ausdruck als solche bemerkbar gemacht werden. Unangenehm fällt eS auf, wenn sonst begabte Sprecher sich an gewöhnen, bei den letzten Worten ihrer Sätze den Ton wieder hinaufzuschrauben. Ebenso vermeide man in feiner Ausspracheirgendwelchen Singsang, gewissermaßen eine Melodie, wie dies bei den Kanzelrednern so oft der Fall ist, obwalten zu lassen. Es ist dies ein Beiwerk, das unangenehm in das Ohrfällt. Das Organ wird gewöhnlich als eine Naturgabe angesehen, und der glücklich gepriesen, welchem ein sonores, wohlklingendes, metallreiches Organ verliehen worden ist, doppelt glücklich , wenn sich damit Kraft und Ausdauer der Stimme verbindet. Ich mag dies gelten

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