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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-11-05 · Heft 45 (5.11.1872) · p. Seite 902

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 45 (5.11.1872)
Date
1872-11-05
Page
Seite 902 (sequence 20)
Language
German
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lMrr, auch zWehey, daß durch , irgend, eine Affectiv» oder Kränkheit des. Kehlkopfes, die zarten Sprachwerkzeuge leiden, odM MerN werden könne»., worüber der Mensch nicht Herr ist. Im Ganzen aber halte ich mich, überzezrgt, daß wir durch Aufmerksamkeit und Uebung sehr vieh dazu beitragen köqnen, in der Äugend uns ein wohlklingendes Organ heranzubilden, inspäterer Zeit unangenehme Eigenschaften unsrer Stimme wieder zu beseitigen. Die Anekdote, wie Demosthenes die Fehler seines Organs-' durch ausdauernde Uebung verbessert habe,, enthält viel Wahres, und ich selbst habe bei Jünglingen durch fortgesetzte Aufmerksamkeit und Fleiß ihr Organ allmäligsich sehr zmn Bessern entwickeln sehen. Es' ist also Unrecht, die Stimmmittel, wie die Natur sie verliehen hat» sich selbst zu. überlassen, während sie sich durch ausdauernde. Uehuug sehr ausbilden, und Stärke und Metall. erlangM können. Solche Uebung läßt sich überall veranstalten : man, braucht eben nur oft laut zu lesen, sei es vor Zuhörern oder allein. Eines lassen Sie mich hinzufügen: auch die Stimme muß für den Verlauf einer Rehe geschont werden. Wer seine Rede mit allzu starker Stimme beginnt, dem wird, sie im Verlaufe derselben fehlen, noch dazu da naturgemäß man in der Stärke und Höhe deH Tones» mit der man an gefangen hat, auch fortfährt, oder sich gar im Fortgang noch erhebt, bis die. Stimme überschlügt, oder in!s Kreischen fällt. Fängt man aber in angemessenen Mitteltönen an, so bleibt man Wl leichter in, der Beherrschung der Stimme, und kann dann,, je nach dem, Inhalts der Rede, die Stimme wieder sinken lassen oder steigern. Auch nach dieser Seite hin ist es ersprießlich, die Rede in Abtheilungen zu bringen, UM so zur Zeit. Ruhepuncte zu habenwelche dem Hörer sich wieder zn sammeln , dem Redner neue Kraft zu gewinnen gestatten. Die äußere,Erscheinung des Redners, ist nur für den Anfang voy einiger Bedeutung. Tritt eine imposante Gestalt, noch dazu wenn sie das Gepräge eines edlen und sinnigen Charakters trägt, auf die Rednerbühne, so blßibt, dies nichtohne- Eindruck. - Hat aber erst die Rede begonnen, ist sie m he» rechten Fluß gekommenso steht es her. unscheinbarsten Gestalt ebenso zu, die Hörer einzunehlyxn und, zu überwältigen. Dennoch ist bei dem ReduW. die Haltung und. Bewegung des Körpers, besonders der Armeuicht gleichgültig, denn naturgemäß richte^ sich unser Augedahin, von wo das Ohr den Schall empfängt, der Zuhörer sieht auch den Redner gern. Daher ist daß, was man Gesticulation nennt , von Bedeutung» theils, positiv» indem es dem Worte Nachdruck, und/ Zwar, -in, Momenten; einen großen, verleiht, theils > negativ^ daß es die-Rede: nicht in-ungeschickter, mißfälliger Weise begleite. Allerdings besteht hier ein wesentlicher Unterschied zwischen, dem Schauspieler- unddem RchM; den» jener tritt yitt feiner. Person in der vollen Action auf, während dieser, nur im Ausdruck-seiner- Ge- , danken begriffen, sich auch äußerlich davon erfüllt und bewegt zeigt. Deshalb fällt die Gesticulation Lei Lehrvorträgen ganz weg , und erhält erst Werth - wenn der Redner in irgend einen- Affect eintrilt. Hier ist nun der Redner ebenso vor allzu großer Beweglichkeit, als auch vor irgend einer einförmigen, angewöhnten Bewegung zu warnen. Ein beständiges Bewegen und Drehenvon einer Seite zur anderen» ein'Schaukeln des'Oberkörpers, ein gleichförmiges Nicken mit dem Kopfe sind unangenehm, und stören die Ruhe und den Eindruck. Noch unangenehmer ist ein allzu heftiges Hantiren mit den Händen. Gerade mit der Gesticulation muß der Redner etwas sparsam umgehen , damit sie im paffenden Augenblicke den Eindruck erhöht; sie muß gewissermaßen dem Zuge des Herzens folgen, und nur Das ausdrücken, was dieses in der Tiefe bewegt. Es ist einegute Mitgabe der Natur, wenn das Berhältniß der Arme zur ganze» Gestalt des Körpers ein edl'eS ist, weil dies ihren Bewegungen Würde und Anmuth verleiht. Für .manche» Redner ist es schon eine Schwierigkeit, zu wissen, wohin er während der Redefeine Hände thue. Wir rathen dem Redner nicht, wie es der Schauspieler muß, seine Gesticulationen- bis in's Einzelnste zu studiren und zu berechnen; wohl aber im Ganzen sich die Herrschaft über dieselbe zu eigen zu machen-, sie gewissermaßen zu regeln, dann aber der natürliche» Strömung von Innen heraus zu überlassen. Trotz. Alledem, theurer Freund, gebe ich Ihnen zu, daß der Erfolg eines' Redners , namentlich ineinzelnen Fällen, noch vonanderen Momentenbedingtwird. Wie es bei einem Bildwerke viel darauf ankommt, ob-es auf ein angemessenes und verhältnißmäßiges Piedestab gestellt ist, und wie sein Hintergrund gewählt worden ist, so; macht die Meinung, die man dem Redner entgegenträgt» l die Sympathie oder Antipathie , dieman für ihn hegt,, sehr viel aus, um ihm seinen Wegzu erleichtern öder j zu erschweren, sein Ziel sicherer erreichen oder verfehlen »zu lassen. So wird bisweilenein mittelmäßiger- Redner! durch die Zuneigung und diehohe Meinung, die ihr»'! entgegenkommt, zu nicht ganz verdienter Höhe erhoben, i und es giebt für den Werth eines Redners keinen Maßstab ab, wenn eine aufgeregte Menge, der er die ihr 'unliebsamen Ansichten vorträgt, ihn unterbricht und gar zum Schweigen bringt. Destogrößer freilich ist der Triumph, der Rede-, wem» sie' die Leidenschaften einerempörten Masse zu beherrschen und niederzufchlagen ver- : mag, und dem- Rechte undder Bernuft den Sieg, verschafft. Wohl verdenke ich eseinem Redner in solchem Momente - nicht; ausi die Gewalt und Kraft, die er in sich trägt-, stolz zu fein Verlag von Baumgartner's Buchhandlung m Leipzig. — Druck von I. B-. Hirschfeld. Verantwortlicher Räwctem- Dr. H. Lotze.

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