Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-11-05 · Heft 45 (5.11.1872) · p. Seite 900

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 45 (5.11.1872)
Date
1872-11-05
Page
Seite 900 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226852-3226898--31146-3254055
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Man plaeire die Sitze für die Frauenebenfalls auf gleicher Erde, wie Dies bereits in einigen neueren Synagogen geschehen'ist. Die Trennung von den Männern ist ja auch hier zu bewerkstelligen, und in jenen Synagogen bewerkstelligt worden. Die Emporen verunzieren den Charakter des gottesdienstlichen Baues, beschränken das Licht für den unteren Raum, und sind kostspielig. *) Sie haben ferner im Gefolge, daß das unruhige Betragen, das Schwatzen u. dgl. auf diesen Emporen nicht aufhört, so.daß dauernd die Ruhe und Andacht in der Synagoge auf den mit Frauen besetzten Emporen nicht aufrecht erhalten werden kann. Zu diesen Uebelständen kommt nun noch die große Gefahr, mit welcher diese Emporen, wie in dem obigen Falle, bedrohen. Wir geben zu, daß in den meisten gegenwärtigen Synagogen der Raum, so viele neue Sitze herzustellen, fehlen wird. Es ist Dies sehr zu bedauern, aber um so mehr darauf zu dringen, daß sie in neuen Synagogen vermieden werden. .Es ist dabei zu bemerken: je kleiner eine Synagoge ist, desto beengender an Raum und Licht ist eine solche Empore, und nicht minder um so gefährlicher. 2) Sind einmal Emporen da, so müssen, wie der in der Anmerkung angeführte Baumeister S. 21 sagt: „alle zu den Emporen führenden Treppen massiv fein und in besonderen Treppenräumen, -niemals frei in der Kirche selbst liegen." Die Treppen müssen also aus Steinen bestehen, breit und gerade laufen, keine Wendeltreppen, keine Umbiegungen, und die Eingänge am Fuße wie auf der Höhe müssen eben so breit und geräumig sein. Ebenso dürfen diese Emporen nicht so dicht besetzt und durch die Bankreihen beengt sein, daß, wer einmal sitzt, kaum' wieder heraus und' fortgehen kann, so'daß eben bei dem geringsten Tumulte die mehr in der Mitte sitzenden Frauen' sich' für verloren' halten. Wir wollen es hier offen aussprechen, wie es zu verwundern ist, daß unsre Männer, denen man doch große Zärtlichkeit für ihre Frauen und Familienglieder nachrühmen kann, hinsichtlich der Placirung ihrer Frauen in den Synagogen überaus sorglos und vernachlässigend sind. Ich habe Synagogen gesehen, in welchen für die Männer und ihre Bequemlichkeit recht gut gesorgt war, während die Frauen auf ihren schmalen Emporen wie zusammengepfercht saßen, und sich mit ihren Kleidern kaum zu bergen wußten. Eine solche Lage befördert auch die Andacht nicht, zu der eine gewisse Ruhe und Sammlung gehört, noch dazu während langer Gottesdienstzeit. 3) Auch die Männersynagoge muß mit einer genügenden Anzahl Ausgänge und zwar von bedeutender Breite versehen sein. Ein. Haupteingang in der Mitte der Fronte, und womöglich an jeder Seitenwand noch ein besonderer ist nothwendig, namentlich damit der Strom der Hinausgehenden sich nach mehreren Richtungen theilen kann. Bestände in den meisten Synagogen nicht *) Wir können uns hierbei auf Autoritäten berufen, z. B. P.^THomann, über Kirchenbau. Mn 1866. S. 17. noch der Unfug, daß Jeder kommt und gehl nach Belieben und sich um Anfang und Ende des Gottesdienstes wenig kümmert , so würde sich die Enge des Eingangs immmerwährend. noch fühlbarer machen. Wo - diesem Uebelstande abgeholfen, wo Anfang und Ende bestimmt eingehalten werden, da werden sich schon viel öfter mehrfache und breite Enigänge nothwendig machen. 4) Möge man niemals versäumen, an solchem Abende einen Polizisten an jeden Eingang zu stellen, um den Andrang von Außen zu mäßigen, und vorkommenden Falles durch die obrigkeitliche Autorität jede Unordnung leichter zu behindern. Wir wünschen, daß diese Warnung nicht ganz ungehört bleibe, vor Allem aber, daß solche traurige Vorgänge sich niemals wiederholen mögen! Vertrauliche Briefe. XVI. Ueber die Redekunst.*) Um zu überzeugen, mußt Du vor Allem selbst überzeugt sein. Die Hörer müssen überzeugt werden, daß der Redner aus eigenster, innerster Ueberzeugung spricht. Und Dies wird weniger durch das Wort, als durch Alles Das bewirkt, was man den Vortrag nennt. Ich weiß sehr wohl, theurer Freund, daß Sie zwar meinen Schlußsatz werden gelten lassen; aber die Vordersätze werden Sie in einigen Zweifel ziehen, so gern Sie dieselben auch unterschreiben möchten. Wie oft, werden Sie sagen, die alte und die neuere Geschichte lehrt es durch tausend Beispiele, läßt sich die Menge von Solchen .Hinreißen, welche ihren Leidenschaften schmeicheln, welche sie durch Vorspiegelungen verlocken und täuschen. Bald durch die Übertriebensten Verheißungen, bald durch die schamlosesten Anschuldigungen und Berläumdungen / bald durch die Schilderung furchtbarster Strafen und nahender Schrecken suchen solche Volksredner das Herz des Volkes zu erschüttern, zu gewinnen, zu ihren Zwecken zu mißbrauchen, was ihnen allzu oft Und lange Zeit hindurch gelingt. Wir können nicht annehmen, daß diese Menschen aus Ueberzeugung sprechen, daß sie selbst an Das glauben, was sie verkündigen und aussprechen; und daß wir hierzu berechtigt sind, lehren uns die vielen Beispiele, in welchen diese Männer ihren Bestrebungen untreu geioorven sind- und sich nicht selten Denen zu Gebote stellten, welche sie bis dahin als Gegner behandelt haben, und von denen sie nunmehr einen größeren Lohn erwarteten. Die Menschen nehmen zu' oft den Schein für. die Wahrheit, und sind, wenn sie Etwas wünschen, zu sehr geneigt dessen Erfüllung zu ersehen, als daß es nicht der Täuschung leicht werden sollte, sich in das Gewand der Wahrheit zu kleiden.' *) S» Nr. 22. 2). 26. 27. 30. 36.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.