Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1872)
- Date
- 1872-11-05
- Page
- Seite 893 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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und die nicht minder schuldigen Beamten gehen frei aus. OL später eine Begnadigung der gränzenlos unglücklich gemachten, die in nicht geringer Zahl Familienväter sind, Seitens des Kaisers eintreten werde, worauf jetzt die östreichifche Presse zu einem großen Theile dringt, ist selbstverständlich jetzt noch fraglich. Ich glaube nach dieser kurzen, aber notorischen Charakterisirung mit vollem Rechte gesagt zu haben, daß dies ein Stück östreichischer Culturgeschichte ist. Ich brauche es nicht erst zu sagen, wie sehr ich und alle aufgeklärteren Glaubensgenossen das Thun dieser galizischen Juden verurtheilen. Aber der Schwerpunkt des ganzen Vorgangs liegt ja nicht darin, daß eine Anzahl Juden, indem man ihnen die Gelegenheit anbot, ja aufdrängte, Geld für Befreiung vom Militärdienste herzugeben, sich dazu bereitwillig fand. Ich sagte'„aufdrängte", denn wenn eine Gemeinde das Geld nicht liefern wollte, so assentirte man bei ihr alle, die das gesetzliche Alter hatten, ohne Rücksicht auf Schwache, Kranke und Krüppel; ja man wählte die Letztem vorzugsweise, um so den Juden gar keinen Ausweg zu lassen. Das wirklich Bedeutsame liegt also hier darin, daß die Regierung, wenigstens die höchste Militärbehörde sich zu solchen unsittlichen, nur durch den Mangel an strafrechtlichen Bestimmungen straflos bleibenden Maßregeln herabließ. Es bezeugt Dies vor Allem , daß die Regierung die Corruption ihrer Beamten für so unüberwindlich hält, daß sie es vorzog, das Volk von der Bestechung der Beamten abzuschrecken und hierzu die unsittlichsten Mittel zu gebrauchen, als die Bestechlichkeit ihrer Beamten zu bestrafen. Denn da die letzteren diesmal-die Befehle ihrer Vorgesetzten — und im Militär darf Niemand ungehorsam sein — vorzeigen können^ so müssen sie unbestraft bleiben. Cs ist nicht meines Amtes, hier auch das Verkehrte in solchem Verfahren nachznweisen, da es doch wohl sehr gefährlich ist, die. Beamten selbst zur Corruption anzuleiten, die nach einiger Zeit, wenn und wo der Proceß vergessen ist, nur um so ausgedehnter Hervorbrechen wird. Ich wollte nur auch in diesem Blatte die rechte Bedeutung dieser abscheulichen Geschichte feststellen, lmnMcht'- -rrrffrvtt Gegnern;' eine 'Waffe lassen,^ die sie gegen uns gebrauchen möchten, während deren Spitze ganz wo anders hin gerichtet sein muß. ' Preßbnrg, 23. Oktober. (Privatm.) Die hiesige isrüÄillscheMeligionsgemeinde hielt am 20. d. M. eine Generalversammlung, , in welcher der Bau einer Synagoge und die Adapttrung eines eigenen. Friedhofes einstimmig beschlossen wurde. Frankreich. Paris, 23. Oktober. Am letzten Sonntag wurde das Centralcomits der universelle äes lsra&ites“ erneuert. Auf die Wahlliste hatte man fünf Franzosen, zehn Deutsche (für Deutschland) und zehn den übrigen Nationalitäten ungehörige Juden gesetzt. Unter den Franzosen, besonders unter denen aus dem Elsaß, erregten die deutschen Namen den höchsten Unmuth, und es hieß allgemein, daß man sie streichen müsse. Als es aber zur'Abstimmung kam, hatten nur fünf die deutschen Namen auf den Wahlzetteln gestrichen und die übrigen 155 dieselben angenommen. . Rußland. Kowuo, im Septbr. (Privatm.) Unsere jüdischen jungen Damen haben jüngst einen Verein zur Unterstützung armer jüdischer Mädchen gegründet, aus dessen Fonds es bereits möglich geworden ist, 13 das Gymnasium besuchen und 15 verschiedene Handwerke erlernen zu lassen. Die jungen Männer wollen, nunmehr dem guten Beispiele folgen und einen ähnlichen Verein für arme jüdische Knaben gründen. — Aus Telchi, Gouvernement Kowno, wird uns von einem in der dortigen Synagoge stattgehabten großartigen Krawall berichtet, zu welchem der dortige. -Chasan die nächste Veranlassung war. Die feindlichen. Parteien geriethen so heftig aneinander, daß erst — traurig genug! — die Knutenhiebe der inzwischen requirirten Kosaken die aufgeregten Gemüther wieder besänftigen konnten. Leider stehen solche Beispiele zur Schande des Judenthums und unserer Maubeu-sgenossen nicht vereinzelt da: auch in vielen anderen Gemeinden biilden sich stets, als ob es so sein müßte und nicht anders sein könnte, um die Person des (Hasan oder des Rab-' biners erbittert sich gegenüberstchende Parteien;: die ihre gegenseitige Feindseligkeit auf die schmachvollste Weise in aller Oeffentlichkeit zum Ausdruck bringen. . Wilna, Anfang Oetober. -(Privatm.) Ueber die hiesige Rabbinerschule berichtet der „Wilnaer. Bote".