Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1872)
- Date
- 1872-11-05
- Page
- Seite 892 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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anhängem Ja, es vergiftet viele Menschenherzen, solche Worte vergiften den Frieden der Völker, und lassen sie zu keiner Ruhe und Eintracht gelangen. Solche Saat wird nicht ganz vom Winde davon getragen, sondern fällt zum Theil auf fruchtbaren Boden, und schießt zum Unheil auf, wenn man des Säemanns längst vergessen hat. — Ihr berliner Correspondent, wie auch schon öfter in diesem Blatte geschehen, wendet sich mit Recht gegen die Radikalen, welche die Juden zum Gegenstände ihrer Borwürfe und Angriffe wachen, weil sie eben Juden sind und ihrer religiösen Überzeugung treu bleiben. Gerade wie die Katholiken und Protestanten den Juden feindlich gesinnt waren, weil sie keine Katholiken und Protestanten werden, sondern Juden bleiben wollten, so machen es jetzt die Radikalen. Freilich könnte man auch diese fragen : wenn wir es selbst wollten, was sotten wir denn werden? Schopenhauerianer oder Darwinianer, Straußianer oder Vogtianer? Welchem Systeme sollen wir uns ergeben? welcher neugebackenen Schule sollen wir anhängen? Wir sahen derer seit den Enchclopädisten so Biele entstehen und vergehen, wir sehen deren um uns so Viele, die sich bestreiten, daß wir zu ihnen sagen möchten: werdet Ihr doch Etwas und lasset uns Juden bleiben. Befeindet nicht das Gut Anderer, während Ihr selbst noch keines besitzet, sondernschaffet Euch erst ein solches, das nicht vor der nächsten Mittagssonne wie Wachs zerschmilzt. Jndeß dürfen wir nicht vergessen, daß wir auch in unsrer eignen Mitte, ich spreche namentlich von unsrem östreichischen Judenthume, einen und den anderen Radicalen haben, der Woche für Woche auf Alle im JudenthuMe losschlägt, die nicht eben sein wollen wie er, d. h. so gut wie nichts; der, wo er hintritt, nur Spuren der Zerstörung hinter sich läßt, und seinen Spott — freilich sie merken nicht viel davon — auf Die ergießt, welche aufzubauen suchen; der, selbst unfähig zu schaffen, Alle begeifert, die Etwas schaffen. Es ist merkwürdig, daß viele tüchtige Männer, denen es Ernst ist um den Bestand und den Ausbau des Judenthums, sich mit einem solchen Manne einlassen, sei es aus Furcht, sei es, weil sie sein Spiel nicht durchschauen. Prag, im Oktober. Die „Wahrheit" bringt von hier folgende Schulnachrichten: Den sämmtlichen bisherigen Lehrern an der josephstädter Haupt- und Unterrealschule sind die Dekrete bezüglich ihrer Pen-? stonrrung aus dem Landeslehrerpensionsfonds bereits zugekommen. Der Stadtrath hat entsprechend dem Gesetze vom 20. Juni 1872 sich bereit erklärt, die Kosten des jüdischen Religionsunterrichtes an der vierten Classe der .prager öffentlichen Volksschulen zu tragen, während die Cultusgemeinderepräsentanz für den Religionsunterricht an den drei ersten Classen Sorge tragen wird. Aus Galizien, im Oktober (Privatmitth.) Sie haben über den zu Stanislau sich abspielenden Monsterproceß in Ihrem Blatte nichts mitgetheilt, so reichlich auch die Quellen dazu flössen. Und mit'Recht. Es ist dies weniger ein Stück jüdischer als östreichifcher Culturgeschichte. Aus keinem der westlichen Staaten Europa's, wo die allgemeine Wehrpflicht Gesetz ist, hat sich jemals erwiesen, daß die Juden vorzugsweise und in größerer Anzahl dem Militärdienste sich zu entziehen versucht und dazu alle möglichen Mittel benutzt hätten. Ich erinnere mich im Gegentheil, über die vor einigen/ Jahren in Cöln und Umgegend geführte Untersuchung wegen einer sehr zahlreichen, durch allerhand künstliche Mittel und Bestechung bewirkten Entziehung Militär- Pflichtiger von der Erfüllung ihrer Dienstpflicht gelesen zu haben, daß kein einziger Jude unter den Bestechern und den Bestochenen gewesen ist. Allein die Bestechlichkeit östreichischer Beamten ist, namentlich in Galizien, eine so alte, tiefeingewurzelte Unsitte — die z. B. früher an allen Gränzen Oestreichs Seitens der Zollbeamten aller Welt notorisch war — daß es nicht Wunder nehmen kann,- daß die Juden in Galizien sich dadurch verleitet fühlten, sich der Militärlast durch eine Anzahl Gulden zu entledigen. Diesmal aber war es noch ein ganz Anderes. Die höchsten Militärbehörden suchten, statt das Uebel an der Wurzel anzugreifen und rechtlich gesinnte, unbestechliche Beamte zur Assenttrung hinzusenden, ein recht eklatantes Beispiel der Verführung dadurch zu erwirken, daß sie ihren Untergebenen befahlen, sich bestechen zu lassen und den ausgefeimtesten, berüchtigtsten Juden, einen gewissen Karmelin, dafür belohnten, die Juden zur Bestechung der Beamten zu verleiten, indem er ihnen die unfehlbare Vermittelung anbot, was dieser Mensch denn auch benutzte, um die Regierung und seine Glaubensgenossen zugleich zu betrügen. In diese Falle gingen Hunderte von Personen, denen nunmehr der Proceß gemacht und schwere Strafen zugesprochen werden. Der eigentliche Schuldige^ Karmelin,