Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1872)
- Date
- 1872-11-05
- Page
- Seite 885 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226898--31131-3254040- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
hausbackensten AuSspruche, den er thun will, muß sie Mitwirken; will man sich ihrer nun ganz und gar erwehren, um so ein Stück reiner Kritik, strenger Vernunftkritik zu erlangen, so rächt sie sich, indem sie dem Kritiker unter der Hand eine Täuschung bereitet. So ist das Gebiet des Berfasiers nur die Negation, und da diese nur den Tod, nicht das Leben befaßt, nur das Zerstören, nicht das Aufbauen, so können eben seine Resultate nur Vorhalten, so lange man sich mit dem Verneinen begnügt. Strauß ist sich Dessen auch vollständig bewußt; er spricht es selbst in seiner Einleitung aus, er habe es sich gar nicht vorgesetzt aufzubauen, da er die Zeit dazu noch nicht gekommen glaube (S. 10). Auch in einer anderen Weise drückt er es aus. Er setzt absichtlich „wir" statt „ich", mit oem er begonnen, weil er, wie er meint, die Ansichten Tausender ausspreche. Er fährt nun fort, wir sollten den kirchlichen Vereinen gegenüber ebenfalls einen Verein bilden; solche Versuche machten sich aber bis jetzt immer lächerlich (Strauß meint wahrscheinlich die ehemaligen marburger und halleschen „Lichtfreunde", die freireligiösen Gemeinden u. s. w.), und bemerkt: „Wir erkennen vielmehr einen Widerspruch darin, einen Verein zu gründen zur Abschaffung eines Vereins" (S. 7). Dies ist ein arges Geständniß. Zuvörderst läge darin gar kein Widerspruch. Die Engländer haben Vereine zur Abschaffung der Kornsteuer, des Probihitivsystems, der Sklaverei u. A. gegenüber den Vereinen zur Erhaltung Dieser mit siegreichem Erfolge gegründet. Und dann liegt das offenbare Zugeständniß darin, daß der Verein Nichts weiter als die Zerstörung der Kirchen zum Zwecke haben könnte, keineswegs aber den Menschen dafür Etwas Anderes zu geben. Dahinter aber ist das noch wichtigere Bekenntniß verborgen, daß, sobald es auf die Ansichten und Meinungen ankäme, welche die Mitglieder des Vereines wirklich hegten, sie Alle auSeinandergehen würden, weil sie eben eine Uebereinstimmung unter sich nicht fanden. Nun ist es aber doch schlimm, den allgemeinen Resultaten so vieler Geistesarbeit von Jahrtausenden entgegentreten zu wollen, und ihnen zu sagen : Ihr seid-gründlich falsch, ganz und gar Irrthum, und es ist Zeit, daß Ihr verschwindet, wenn auch noch nicht die Zeit gekommen, um statt Eurer die Wahrheit geben zu können. Denn nicht bloß gegen die Kirchen, sondern gegen die ganze bisherige Weltanschauung aller Religionen und aller Völker richtet Strauß seine Verneinung. ' Wir haben von der Menschheit und der Geistesbewegung in ihr eine zu hohe Meinung um nicht in einem solchen Verfahren eines Individuums, und wenn er auch „wir" im Namen von Tausenden, wie er meint, spricht, ein Selbstbekenntniß des Jrrthums seinerseits zu erblicken. Auch die Socialisten traten in gleicher Weise auf, aber sie machten es doch bester. Auch sie sagen : die ganze menschliche Gesellschaft ist im Jrrthum, die ganze Culturentwickelung der Gesellschaft beruht auf falschen Grundlagen und muß völlig umgewandelt werden; aber sie gaben doch sofort ein festes gegliedertes System, das an die Stelle zu setzen sei, freilich ein Jeder ein Anderes. Eine Arbeit des blos kritischen Verstandes kann also zwar zur Reinigung, Läuterung und Aufklärung das Ihrige beitragen, aber sie kann weder Etwas gründlich zerstören, da sie auch hierin nur einseitig verfährt und nur einen Theil des Vorhandenen trifft, noch irgend Etwas aufbauen und an die Stelle setzen; sie kann am Wenigsten die Religion zerstören und Etwas Anderes dafür aufbauen. Der kritische Verstand negirt nur, aber schon in dieser Negation ist er einseitig und beschränkt, und daher, sobald er das Ganze treffen will, in vollem Irrthum. Anders das Iudenthurm Don Beginne an hat eS den ganzen Menschen beansprucht, den Verstand, daS Herz und die Einbildungskraft in ihrem Zusammenwirken, in ihrer einheitlichen Thätigkeit. „So erkenne heute und nimm dir wohl zu Herzen, daß der Ewige der Gott ist im Himmel droben und auf Erden drunten, Keiner mehr!" ruft Moses am Ende seines Lebens und seiner Wirksamkeit dem Volke zu (5 Mos. 4, 39) , und wiederholt Dies oft genug. „Liebe den Ewigen, Deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzem Verstände uüd mit ganzem Vermögen!" (5 Mos. 6, 5). Jede Prüfung des wahren Inhalts des Judenthums wird dem Vorurtheilslosen zeigen, daß es ebenso den Verstand zu befriedigen , wie dem Herzen zu genügen, seine Forderungen an die Erkenntniß der Vernunft, wie an die Erfüllung des Gemüthes zu stellen bezweckt. Die Einbildungskraft setzt es aber mit seinen großen Bildern vom Sinai und der Wüste mehr in Bewegung als irgendwelche andere Religion mit dem mythischen Spiele der Göttersiguren, Idyllen aus Galiläa oder arabischen Schlachtfeldern. Darum erzog es auch den ganzen Menschen und wurzelte in diesemdaß es festen FüßeS die Jahrtausende durchschritt. . 45*