Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1872)
- Date
- 1872-11-05
- Page
- Seite 884 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dieser Berte ebenso unklug wie feig, daS ruhige Gehenlassen ein Act der Trägheit. Die eben erschienene Schrift: „Der, alte, und der.neue Glaube. Ein Bekenntniß von David Friedrich Strauß" (Leipzig-1872), ist kein Erzeugnis einer philosophischen Schule, sie ist sogar durch und durch unphilosophisch; aber sie ist populär, faßlich, schneidend, und bringt die Abfälle der modernen Naturwissenschaft.und Philosophie als schmackhafte Speise auf den Tisch der gebildeten Welt. Darum ist sie von großer Wirksamkeit; und wenn sie auch eine nachhaltige Prüfung nicht auszuhalten vermag, und darum am Wenigsten lange vor der Nachwelt bestehen wird, so darf doch die Abwehr nicht unterlassen werden. Denn was jedenfalls die an sich bedeutenden Talente des Verfassers sehr unterstützt, wir wollen es jetzt schon sagen, das ist seine Wahrhaftigkeit , seine Ehrlichkeit, sein Freimuth, sein männlicher Charakter. Dies sind Eigenschaften, welche sdie Aussagen eines solchen Mannes bei Denen, xdie nicht tiefer -schauen,-die den Gegenstand nicht schärfer zuprüfen vermögen ,' sehr unterstützen, und leicht verwechseln Diese das Gepräge der Wahrhaftigkeit mit dem Gepräge der Wahrheit. Allerdings zieht Strauß zunächst -gegen-das Christenthum zu Felde; nur hier und da erwähnt er deS Judenthums, und was er von diesem sagt, gehört mit .zu - den schwächsten Theilen dieser Schrift. Aber hierbei bleibt er nicht stehen; er richtet seine Geschosse gegen allen Gottglauben, gegen alle Gotteserckenntniß, denn was ihm hiervon übrig bleibt, ist inhaltloses Wort. Gerade darum dürfen die Wortführer .des Iudenthums.nicht schweigendste treten für ihre reine Gotteslehre erst dannin die Schlachtlinie, wenn der Verfasser die Bekenner des Christenthums zurückgeschlagen zu haben vermeint. Wir stehen daher nicht an, in diese Hehde einzugehen. , r Vor Allem suchen wir einen festen Boden, auf welchem wir die Begegnung des Herrn Strauß zuversichtlich erwarten können. Die Religion ist die Sache.des ganzen Menschengeistes. Wie sie ersteht aus dem ganzen Menschen, so nimmt sie ihn auch in Anspruch, und betheiligt ihn mit a U e n seinen; Seelen kräften. Die Vernunft, das Gemüth .und die Einbildungskraft, sie allein in^hrer .Uebereinstimmung, in ihrer Thätigkeit, in ihrem innersten Zusammenhangs in ihrer gegenseitigen Ergänzung sind die Factoren der wahren Religion. Jede religiöse -Lehre, die sich lediglich auf eine dieser drei Geistesvermögen stützt, . aus einer vorzugsweise entsprungen ist und sie allein beansprucht ist ein Jrrthum. Der Beweis liegt schon darin, daß eine solche Lehre -die anderen Geistesvermögen verwirft, perhorrescirt, sie gar nicht als Kriterium'zuläßt, ihnen Werth und Befähigung abspricht. ■ Wir kennen Alle jene Lehre, welche die Vernunft verdammt und - jede vernunftgemäße Erkenntniß als ein Werk des Teufels verschreit; sie beruht auf der Einbildungskraft, ganz ebenso wie die Mythologie der alten Völker, wenn sie sich auch bemüht hat, das Herz mit hereinzuziehett, die Gefühlswelt mitspielen zu lassen. Aber ebensowenig vermag die bloße Vernunft die Religion zu er- und zu umfassen, und; noch dazu die bloS kritische Vernunft. Wenn nämlich die Vernunft theils in eine construirende, theils in eine kritische Richtung und Thätigkeit eintritt, so vermag sie in der ersteren immer noch ein Gebäude zusammenzusetzen , bei dem eS auf die Elemente ankommt, aus denen sie es zusammenfügt, und so mangelhaft es eben in seiner Einseitigkeit sein wird, so bringt sie doch Etwas Positives zu Stande, das auf die Geister , eine, Zeit lang zu wirken , und sie aufrecht zu erhalten im Stande ist. Der kritische Verstand aber setzt nur das Secirmesser an das Gegebene, zertrennt es, prüft. es in seinem Einzelwerthe, vergleicht es miteinander und erweist es in seinen Widersprüchen. Sein Resultat ist daher stets nur die Verneinung, der Nachweis, daß die vorhandenen Ansichten und Urtheile sich widersprechen., und darum Nichts taugen. Er-verlangt, daß diese verworfen werden, weil sie vor seiner Prüfung nicht bestanden. Aber was dafür an die Stelle treten, was, wenn die bisherige Meinung falschist, nunmehr als wahr gelten soll, Das vermag er nicht anzugeben. Das Götzenbild ist zerschlagen, aber einen Gott hat er nicht an die Stelle zu setzen. Den Wahn hat er, wie er meint, aufgedeckt, aber die Wahrheit ist ihm verschleiert. Sucht er hiernach, dieser kritische Verstand, so findet er Nichts, und muß sich einige Kupferpfennige von Dem oder Jenem borgen, etwa von Darwin oder Karl Vogt. Dies ist es um David Friedrich Strauß. Er ist ein kritischer Verstand in eminenter Weise. Dies ist seine Stärke, sein großes Talent, auch sein Verdienst. Aber von construirender Vernunft keine Spur; vom Herzen, dessen wahrem Inhalte und unermeßlicher Bedeutung für den Menschen keine Ahnung. Nur die Einbildungskraft, die von ihm am Meisten bekämpfte Geistes» thätigkeit, spielt ihm dann und wann, nämlich da; wo er positiv werden will, einen argen Streich. Diese Einbildungskraft hat. eben Etwas Dämonisches an sich. Der Mensch kann ihrer nicht entbehren, selbst zu dem. kleinsten