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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-10-29 · Heft 44 (29.10.1872) · p. Seite 881

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 44 (29.10.1872)
Date
1872-10-29
Page
Seite 881 (sequence 19)
Language
German
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theil gesponnen, und den die Privilegien der vollständigen Selbstverwaltung, die er noch heute genießt, noch undurdringlicher machen. ' Diese Privilegien haben wie ein Hemmschuh auf die geistige Entwicklung desselben Stammes gewirkt, der sich in Spanien und Holland zu so reicher Blüthe entfaltete, und heute in Deutschland und Frankreich eine so bedeutende Stellung einnimmt. Man wende nicht den vortheilhaften Ruf ein, den der polnische Jude in Bezug auf Scharfsinn und Geschäftstalent genießt. Es ist mehr Schlauheit als Scharfsinn, mehr Kunst der Uebervortheilung als wirkliches Handelßgenie, das ihn auszeichnet. Sein Blick ist nur auf's Nächste und Kleine gerichtet, ausdauernde weitsichtige Speculation ist ihm fremd, Anlegung von Fabriken, großartige Ausbeutung eines Handelszweiges, Begründung einer Industrie, das sind Dinge, vor denen er furchtsam und unschlüssig steht, oder sie auch als thörichte Wagnisse verspottet. Die Hauptstraße und ihre nächste Umgebung sind so ziemlich der Theil, den die wohlhabende Bevölkerung bewohnt. Dort kann man vor den Thüren wohlbeleibte Männer in kostbaren Pelzen oder Atlaskutten, dicke watschelnde Frauen mit Perlenhauben und riesigen Ohrgehängen sehen; dort blickt zuweilen aus einem Fenster ein blühender Mädchenkopf voll unvergleichlicher Schönheit; dort findet man auch verhältnißmäßig anständige Wohnungen, welche „reinlich schier" hie und da sogar den Anspruch, erheben luxuriös zu sein. Doch wenn wir uns seitwärts schlagen, welch ein Gewimmel und Gewirre von engen krummen Gäßchen, in denen hügelhoch Unrath aufgehäuft liegt! Welches Elend, welche Armuth, welche gränzenlose Verkommenheit spricht aus diesen niedrigen, armseligen Hütten, durch deren Thüre man nicht eintre- Len kann, ohne sich zu bücken, deren zerbrochene Fenster mit Papier verklebt oder mit Leinwandfetzen verhängt sind! Welches Elend spricht aus diesen trübseligen, dürftig gekleideten Gestalten, die da umherwandeln, aus den verfallenen Zügen der Männer, die uns mit düster forschenden Blicken betrachten, aus den schmuzigen, vernachlässigten Weibern, den bleichen, welk und müde aussehenden Kindern! Treten wir in eines dieser Häuser. Die Hausflur ist so finster, daß sich nur Eingeweihte darin zurechtfinden. Wir öffnen eine Thüre, ein widriger Dunst schlägt uns entgegen aus einem kerkerähnlichen Gemache, deffen schmuzige Wände von Feuchtigkeit triefen; der Fußboden, aus gestampftem Lehm, ist durch Kreidestriche in etliche Quadrate getheilt, deren jedes die Wohnung einer Familie vorstellt; da sitzen und liegen denn in Lumpen gehüllte Weiber und halbnackte Kinder umher , und jedes muß sich hüten, seine Gränze zu überschreiten, da dies den energischen Protest des beeinträchtigten Nachbars zur Folge hätte; an den Wänden stehen einzelne verkümmert aussehende Männer verschiedenen Alters umher, es sind — Zimmerherren, sogenannte Hoffer. In einer Ecke des Zimmers steht der gemeinschaftliche Herd; jede der Familien hat das R Seid ihr neugierig? v seht nicht hinein, es',. Dingen Menschen IcÄ.--. ist eine Kette von Eü'tbehru zehrendes Ringen mit der Epch, blick, der in dieses traurige Äijster Da reinigt der Jude sich und sein H aus von vem Schmuze der Woche; da kleidet er sich in das' einzige erträgliche Gewand, das er sich je erwerben konnte; da wird das einzige gute Gericht auf den Tisch gesetzt, das der Erwerb der Woche gestattet, oder das er vielleicht der Mildthätigkeit seiner reicheren Glaubensgenossen verdankt; da zündet er die Lichter an, die ihm sonst ein entbehrlicher Luxus sein müssen, und mit erhobener Stimme singt er im Kreise der Seinigen das alte Lied von der Braut, die da einziehen werde in Jerusalem, von dem Messias, der ihn zurückführen werde in das gelobte Land — eines menschenwürdigen Daseins. Es ist wahrhaft betrübend, diesen Jammer , dieses Elend zu sehen, und an dessen Folgen, die Lockerung der. Grundsätze, die moralische Versumpfung, das Haschen nach Gewinn um jeden Preis, zu denken, und man dürfte wohl nicht irregehen, wenn man die Hauptursache dieser trostlosen Zustände in der Selbstverwaltung des Kazimierz sucht, unter deren Schutze die craffen veralteten Vorurtheile wuchern, welche die Entwicklung dieses lebensfähigen begabten Volkes in größerem Maße beeinträchtigen, als Dies die feindseligste Unterdrückung vermocht hätte. Der Heranwachsende Knabe tritt aus der Schule ohne jede Kenntniß, die ihm im Leben nützlich sein könnte; etwas Talmud und viel Verschmitztheit ist Alles, was er als Frucht seiner Studien mitbringt. Nun wird er in die Anfänge des Handels eingeweiht, und da nur ein kleiner Procentsatz in fremden Geschäften eine Anstellung findet, ist der junge Mann genöthigt , auf eigene Faust zu arbeiten, und all seinen Witz aufzubieten, um sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Mit 15 oder 16 Jahren heirathet er ein Mädchen, das ihm vielleicht schon seit fünf Jahren verlobt war, das ihn aber vor dem Augenblicke der Trauung nie gesehen hat. Was ihm seine Frau mitbringt, ist nicht der Rede werth. Eine „polnische Mitgift" verpraßt mancher junge Lebemann bei einem fröhlichen Souper. Ehe der junge Ehemann zwanzig Jahre zählt, hat er eine Schaar von Kindern um sich, die nach Brod schreien. Wie da leben? Und leben will er, der Unglückliche, er hängt an dem Leben, das er bisher nur von der düstern Seite kennen gelernt. Er -wird also „Factor", das ist Vermittler für Alles und Jedes, für jeden Kauf und Verkauf, für jeden Wunsch und jedes Gelüste, für jede Niedrigkeit, für jede Gemeinheit, oder er wird „Geschäftsmann", und dann wehe seinem Schuldner, die raffinirte Weise, mit der er ihn um den letzten Kreuzer seiner Forderung betrügt, ist wahrhaft staunenswerth.

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