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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-10-29 · Heft 44 (29.10.1872) · p. Seite 880

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 44 (29.10.1872)
Date
1872-10-29
Page
Seite 880 (sequence 18)
Language
German
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sondern er hat sie im Bade überrascht. Den König treibt eine mächtige Leidenschaft- und Lope,?e Bega läßt diese zweimal durch einen erscheinenden Engel rurückweisen, ohne daß der König sie zu bezwingen p-rmag. Dies Alles ist tragisch und poetisch. Wie ist hingegen bei dem deutschen Dichter Alles verfehlt, "npoetisch, kindisch! Woher also dies? Grillparzer verräch es uns selbst. Er sagt: „Merkwürdig ist übrigeüs", daß Lope de Bega sich so ziemlich auf die Seite der Jüdin stellt. Sie ist durchaus edel gehalten, und selbst den Makel des Judenthums nimmt er für den Zuschauer dadurch hinweg, daß sie vor ihrem gewaltsamen Tode begehrt Christin zu werden."— Kann es nach diesen Worten Grillparzers noch zweifelhaft sein, was seinen dichterischen Geist, sein psychologisches Gefühl und seinen ästhetischen Tact völlig irreführte? Es Dar seine gemeine Verachtung des Judenthums und der Juden. Wir sagen „gemeine", denn auch der Spanier war nicht frei davon, aber sie floß bei ihm aus dem innerlichen religiösen Fanatismus seiner Zeit und Nation; nicht den Juden, sondern das Judenthum mißachtete er als den Widerspruch des Christenthums. Es war ihm nur zuwider, daß die ganze tragische Handlung sich um eine edle Jüdin bewege, und er läßt diese edle Jüdin darum zuletzt nach dem Christenthuwe begehren. Dieser Fanatismus, diese Hochhaltung des Christenthums, fehlt dem wiener Dichter; darum ist bei ihm nur ein gemeines Vorurtheil gegen die Juden thätig. Seine Jüdin darf nicht „edel" sein, und es fällt ihm als „merkwürdig" auf, daß Lope de Bega eine „edle" Jüdin darstellt; das Juventhum ist ihm ein „Makels. Darum konnte ihm aber auch der König kein edler, wirklich leidenschaftlicher Charakter sein, sondern nur ein ganz gewöhnlicher Lüstling, dem mit der Lust auch die Liebe zum Gegenstände seiner Sinnlichkeit verschwindet. Während Lope de Bega die Versöhnung des Königspaares durch Zusammentreffen in einer Kirche, nach Ergüssen ihres Herzens im Gebete, vor sich gehen läßt — wie niedrig ist dieser Act der Versöhnung bei Grillparzer ausgefallen, weil er eben seine unedlen Figuren nicht schließlich noch zu einem höhern Aufschwünge bringen konnte. Es war also der Fluch seiner niedrigen Gesinnung, seiner Vorurtheile gegen die Juden, welche Grillparzern an diesem Drama Alles mißlingen ließ. Wer hieran noch zweifelt, braucht nur das Ende des Stückes in Betracht zu ziehen. Schließlich mußte er sich doch sagen, daß am Ende die Christen hier wieder nur schlecht an den Juden gehandelt haben. Dies konnte sein christliches Herz nicht vertragen, und er fügte noch einen gemeinen Zug hinzu, der diese Juden ihr Schicksal verdienend zeigen sollte, so ein Stückchen Shylock, was aber -wieder völlig mißlang. Nachdem das schnellversöhnte Königspaar mit Gefolge abgezogen ist, hält die Schwester der Getödteten, Esther, eine hübsche Rede, daß, wenn der König in der Schlacht in Gefahr und sein Heer im Weichen sein werde, doch wohl das Bild der getödteten Geliebten ihm erscheinen und ihm die - Kraft und den Muth nehmen möchte. Währenddessen war der Vater, Isaak, eingeschlafen. Esther schüttelt ihn an der Schulter und spricht, auf die Seitenthüre zu dem Zimmer zeigendwo die Leiche seiner Tochter liegt: . „Kommt, Vater, kommt! Wir haben dort zu thun!" Isaak. „Doch such' ich erst mein Geld" — worauf Esther die Bemerkung macht,daß, wenn sie in diesem Augenblicke nur an das Geld denken, sie eben solche Sünder wären als die Christen. Hiermit fällt der Vorhang. Ist das nicht sehr poetisch? äußerst geschmackvoll? und mit solchen Leuten hat man sich die ganze Tragödie hindurch abgegeben? Der Dichter hat sich an dem jüdischen Vater, dem die Tochter eben getödtet worden war, schwer versündigt, und schwerlich findet er dafür ein Beispiel in der Wirklichkeit. Aber er hat auch dafür die volle Strafe erfahren, denn plumper und gemeiner konnte selbst die Posse nicht zeichnen, und der Schluß des Drama's ist darum geradezu ekelhaft geworden. Vielleicht hat Grillparzer, wie so viele seiner Zeitgenossen, in seinem später» Leben hinsichtlich der Juden und seines Urtheils über sie eine Wandelung erfahren. Jedenfalls hat er das Stück für verfehlt und schlecht erachtet, und es daher bei Seite liegen lassen. Wir Juden sind an dergleichen Verirrungen auch sonst trefflicher Männer zu sehr gewöhnt, als daß wir unsere Meinung über den ganzen Menschen von derartigen Schwächen bestimmen lassen. Wir ächten daher Grillparzer doch in Dem, worin er achtenswerth ist. Doch auch wir bedauern es, daß man dieses Stück nicht ebenso in den sämmtlichen Werken ruhig stehen läßt,7 wie eS Grillparzer in seinem Pulte ruhig liegen ließ. Ein Bild ans dem Kazimierz in Krakau. (Aus dem „Ausland".) Es ist ein achtes und rechtes Stück Mittelalter, dieses Juden quartier. Gehen wir einmal die Hauptstraße hinab: diese alten grauen Häuser mit den kleinen Fenstern , den Höhlen ähnlichen Gewölben, sie haben auch schon viele Jahrhunderte an sich vorüberziehen gesehen, und die Menschen, die in ihnen wohnten und zwischen ihnen sich bewegten, sind stets Dieselben geblieben. Abgesperrt von allem geselligen Verkehre mit der übrigen Welt, gegen die Unduldsamkeit, die sie von Außen bedrohte, sich durch festes Zusammenhalten und strengen Parteigeist im Innern rüstend, haben sie, Vater auf Sohn, ihre Sitten und Gebräuche, ihre Anschauungen und Ideen, sowie ihre Tracht einander vererbt. Keine neue Errungenschaft'des Menschengeistes, keine der mehr oder minder gewaltsamen Revolutionen , denen unsere heutige Gesellschaft ihr Entstehen verdankt, war stark gpnug, um den eisernen Ring zu durchbrechen, den die Verschiedenheit der Religion und Sitte um diesen Stadt-

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