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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-10-29 · Heft 44 (29.10.1872) · p. Seite 879

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 44 (29.10.1872)
Date
1872-10-29
Page
Seite 879 (sequence 17)
Language
German
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Femlteton-Seilage zu Rr. 44. Leipzig, den 29. Octover 1872. Die Jüdin von Toledo. Trauerspiel von Grillparzer. Im Nqchlgsse des verewigten Grillparzer fand sich ein vollendetes Trauerspiel „Die Jüdin von Toledo", von wachem der Dichter niemals zu Irgendjemandem auch nur ein Wort geredet, dessen er nirgend erwähnt hatte, und welches nunmehr zum ersten Male im siebenten Pande seiner sammtljchen Werke der Oeffentlichkeit übergeben worden ist. Warum wohl Grillparzer dieses Kind seiner Muse durch sein Stillschweigen verläugnet hat?'Lauhe sagt: „Wahrscheinlich, weil'Grillparzer diese Tragödie für nicht bühnengerecht gehalten hat." Dies ist zu wenig; es sind mehr Stücke dieses Dichters wenig für di? Bühne geeignet, und er hat sie nicht todtge-? schwiegen. Wir möchten weiter gehen: er hat vielmehr von jener nicht gesprochen, weil er sie als völlig verfehlt erkannte. Seinem Dichterruhme würde Dies keinen Abbruch, seiner Selbstkritik viel Lob erwerben. Denn verfehlt ist diese Dichtung, und wenn ein einsichtsvoller Kritiker in der „N. fr. Pr." sie „grillenhaft" nennt, so ist dies nur ein anderer Ausdruck, penn die Charaktere wie der Gang des Stückes sind unwahr, werth- und haltlos, die Erfindung gehört nicht Grillparzer an, sondern ist yoy Lope de Bega's gleichnamiger Tragödie entlehnt, und durch Grillparzer entstellt. Auch ist es sicher, daß der wiener Dichter dieses Drama, dessen erster Art allein schön und lieblich, und in Trochäen geschrieben ist, während die übrigen Acte aus fünffüßigen Jamben bestehen, die nicht einmal von sechsfüßigen gereinigt worden sind, wie sie dem Dichter wohl ans der Feder fließen, zu verschiedenen Zeiten zusammengeschweißt hat, denn die Nähte und Lücken sind leicht erkennbar. Dennoch, gewissermaßen wider den Willen des Verstorbenen, will man das Stück in Wien in einigen Monates zur Feier des Geburtstages Grillparzers aufführen. Die besseren Kritiker der österreichischen Hauptstadt mißbilligen Dies, weil sie ein Fiyscy für das Stück befürchten. Nun, die guten Wiener werden ihren verehrten Dichter nicht ftuspfeifey; nach befriedigter Neugier werden sie uach Hause gehen und das Mck fortan ruhen lassem Fragt man nun, warum Grillparzer in diesem Stücke so fehlgegrissen, so kgpn man nicht antworten, daß „auch der gute Homer bisweilen schläft", denn Grillparzer war sich Dessen, was er in und mit dieser Dichtung that, sehr wyhl bewußt. Zuerst hatte er ja Lope de Begaus Stück vor sich, und hat es kritisch beleuchtet; er mußte also mit Bewußtsein Das ändern, was ihm an seinem Vorgänger für sein eignes Werk nicht rathsam schien. Dies eröffnet uns die Quelle, aus welcher hier seine Verirrung floß. Doch zeichnen wir erst kurz das Stück. Eip Jude aus Toledy spaziert mit feinen beiden Töchtern, der schönen, übermüthigen und leichtsinnigen Rahel und her besonnenen edlen Esther, im königlichen Garten, trotz ves Verbotes, daß während der Anwesenheit des Königs kein Jude den Garten betreten solle. Rahel will aher den König sehen; er sieht sie und verliebt sich in sie. Obgleich sie keine Liebe für ihn empfindet, schafft sie ihm keine Hindernisse, und erscheint schon im zweiten Acte als Beherrscherin des Königs und seines Lustschlosses. Der König ist ein durchaus schwankender, schwacher Charakter, der seine Liebe selbst für einen Zauber hält, immer in den Krieg wider die Mackren ziehen will, und es doch nicht thut. Die Königin verschwört sich mit ihren Vertrauten, Und läßt die Rahel tödten. Der König ist wuthentbrannt, schwärmt für Rache, will den Leichnam seiner Geliebten sehen , und da diesen die Mörderhaud entstellt hat, ist plötzlich Liebe, Wuth und Rache verschwunden; er versöhnt sich fröhlich mit der Königin, und will nun wirklich gegen die Mauren ziehen. Der Leser sieht aus dieser Skizze schon, daß es der Tragödie an jedem wahrhaft tragischen Helden fehlt; denn der König ist, geradezu gesagt, ein Jammermensch, Rahel eine leere Coquette, und die Königin eine gemeine Meuchelmörderin; ebenso ist die Handlung selbst ohne allen tieferen Inhalt, eine Hofgeschichte, wie sie überall und zu aller Zeit vorgekommen sind, und wozu man der Jüdin nicht bedürft hätte. Ganz anders bei dem alten Spanier, bei welchem man noch dazu die Nationalität und den orthodoxen Katholicismus in Anschlag bringen muß. Grillparzer sagt selbst in seinen „Studien zum spanischen Theater", daß Lope de Bega die Jüdin durchaus in einem edlen Stile" gehalten, so daß sie eine würdige Trägerin des tragischm Geschicks voixstellt. Sie hat den König nicht pxpvocirt,

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