Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1872)
- Date
- 1872-10-29
- Page
- Seite 870 (sequence 8)
- Language
- German
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und hatte die Bolksfteiheit sodestimnit zu'ihrer Tendenz, daß der priesterliche Einfluß bei ihnen nur ein geringer, mehr in Specialitäten bestehender verblieb. Anders war es mit dem Christenthume. Es fand überall bereits Staaten vor, und wandte sich an kein bestimmtes Volk-, sondern an Alle, die es annehmen wollten. Von Vvlksfreiheit war Nichts mehr vorhanden- und dabei wollte es allein das Individuum , nicht aber die Gesellschaft im Ganzen einnehmen oder reformiren. Es schied daher die Gesellschaft vom Individuumüberließ JeNe sich selbst Und beachtete nur Dieses. Hierdurch kam es, daß das Christentum von feinem Beginne an den Eonflict zwischen geistlicher und weltlicher Macht nur zudeckte, so zu sagen verkleisterte. Die Sätze: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gottewas Gottes ist",„Seid unttzrthan der Obrigkeit, denn sie ist von Gott", und im Gegensätze: „Ihr müsset Gott mehr gehorchen als dem Menschen", sind so zweideutig und lasten nach jeder Seite eine beliebige Erklärung zu, wie dies auch mit ihnen J&i$ zum heutigen Tatze der Fall war, daß sie den Conflict eher.heraufbeschwören als ausgleichen konnten. Da Nun auch das Christenthum alsbald ein Priesterthum hervorrief- und dieses in verhältNißmäßig sehr kurzer Zeit mit den größten Vorrechtenja Mit der ganzen religiösen Machtsülle versah, unddieses christliche Priesterthum sich ebenso schnell nach römisch - weltlichem Borbilde eine festgegliederte und enggeschloffene Hierarchie schuf,: so konnte die Rivalität der geistlichen und weltlichen Macht nicht ausbleiben, und brachte bereits bei den west- und oströmischen Kaisern die furchtbarsten Kämpfe und Erschütterungen hervor. Alles Dies übertrug sich auf die mittelalterlichen Staaten, die durch ihre Tendenz nach Bildung geschloffener Körperschaften mit ihren Privilegien dem Bestände der Herrschaft der Priesterkaste sehr großen Vorschub leisteten, und durch ihre feudale Verfassung eine Verbindung ehrgeiziger Lehnsleute, mit der Priesterschaft gegen. den Oberlehnsherrn erleichterteN, und hiermit sehr häufig der- Kirche den Sieg verschafften. Alles Dies wurzelte in der Anschauung der Volksmaffen, daß die Religion, jetzt die Kircheden Staat weit , überrage und die Quelle aller Wahrheit, alles Heils, alles Segens sei. Aber diese Anschauung wandelte sich in den Gegensatz. Die Religiondas ist hier die Kirche, wurde als dem Staate, der staatlichen Ordnung untergeordnet angesehen Lange vorbereitet durch - die, Aufklärung -der einsichtsvollen Geister, durch das Wiedererwachen, der Wissenschaft, sowie durch M Auflösung des Feudalstaakes, drang die neue AnschMung äüch in die Volksmaffen. Der Protestantismus war der Ausdruck dafür. Die drückende Herrschäft der Priester wurde abgeworfen, der Landesherr wurde auch der oberste Bischof seines Landes und übertrug seine geistlichen Functionen auf Coüsistorien. Aber auch in den katholischen Völkern ging diese Wandelung, hier früherdort später, vor'sich. Der Absolutismus konnte keine Uebtrmacht dulden. Wo dieser sich vollständig ausbildetemt in Frankreich, erzwang man die gallicanisch'en Freiheiten, und dtr Jansenismus breitete sich, wenn auch vvn den bigotten Regenten verfolgt, aus. Das Volksbewußtsein erwachte, und als es in Revolutionen sich Luft machte, nahm es sogar eine feindselige Haltung gegen die Kirche ein. Dies änderte sich in Etwas, als der absolute Staat mit dem Verlangen nach Volksfreiheit in Streit gerieth. Er suchte gegen dieses eine Stütze in der Kirche, um es vermittelst dieser im Volke zu ersticken^ Die Wirkung blieb nicht aus. Die Kirche gewann wieder Vorrechtedie ihr einen starken Einfluß auf das bürgerliche Leben und den Vvlksgeist gewährten, und in diesem tauchte die alte Anschauung wieder auf, Als der Staat constitutiondll geworden war, glaubte die Kirche die dadurch gewährten Freiheiten zu ihrem Vortheile benutzen zu könnenr -Der ganzen Tendenz der Zeit, der Verbreitung der Wissenschaft und Aufklärung- und dem gestärkten Selbstbewußtsein 'der Individuen gegenüberconcentrirte sie älls ihre Kraft- Und trat mit den höchstgespannten Ansprüchen auf. Dies ist die reale Situation; hieraus müßte der stärkste Ctznflict zwischen Staat und Kirche entspringen. Die protestantische Kirche sieht passiv dem Streite zu; sie ist zü einflußlos im Volkeum eine Streitkraft in's Feld zu stellen. Sicher aber würde sie etwaige Siege der katholischen Kirche sofort auch für sich zu benützen gewillt seiü. v Nach diesen kurzgezeichntten Umrissen hüben wir zuerst vom jüdischen Standpuncte^aus nunmehr jene beiden Anschauungen in ihrem Wsrthe zu untersuchen, und dann auf die Fragen der Gegenwart zurückzukoMcken. Zeitukgsnachrich ten. DeütschjaNV. Berlin, 14. Octbr. Die neue Synagoge in der oranienburger Straße in Berlin war während der letzten jüdischen Festtage überfüllt,kutid Tausende mußten