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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-10-29 · Heft 44 (29.10.1872) · p. Seite 869

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 44 (29.10.1872)
Date
1872-10-29
Page
Seite 869 (sequence 7)
Language
German
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Lebe« nach der Idee seiner Gattung normal' sein ganzes Dasein und Leben abkreisen müßte, so sehen wir vielmehr, daß durch daS Zusammentreffen von Umständen, von Bedingungen und Wirkungen, wohl kaum ein Individuum Dies ganz erfüllt. Um wie viel mehr ist dies in der Menschenwelt der Fall, und um hier richtig zu schauen, darf die Wirklichkeit niemals außer Augen gelaffen werden. Dennoch aber muß die ideale Seite nicht minder unsre volle Aufmerksamkeit besitzen, denn sie erst macht uns das Wesen, die wahrhafte Natur, den Zweck und das Ziel erkennbar, und dahin die Wirklichkeit immer wieder zu führen , diese aus jeder Verirrung zu lösen, die Feffeln zu brechen, welche der Egoismus, die Herrsch- und Habsucht der Menschen ihr anlegt, Dies muß die Aufgabe jeder ächten und treuen Bestrebung sein. — — Lange Zeiten hindurch hat die Religion den Staat überragt und mehr oder weniger sich untergeordnet: in der neueren Zeit überragt der Staat die Religion, und ordnet sie sich unter. Es beruht dies in den Anschauungen der Maffen, die der Veränderung unterworfen sind. Sobald solche Anschauungen conftatirt sind, läßt sich, um sie zu beurtheilen, nicht fragen, welche von ihnen die richtige sei. Sie sind vorhanden, ihre Strömung macht sich erkennbar, und die Erfolge der Zeit sind an sie geknüpft. Wie diese Umwandlung entsteht- In den Maffen wirkt die Aufklärung und Erkenntniß des Rechts und der Wahrheit äußerste langsam. Der eigentliche Factor in ihnen ist der Druck und die Noch. Was sie bedrückt, was sie lange und schwer bedrückt, Das wollen sie los sein. Die Folge ist, daß sich ihre Anschauung in's gerade Gegentheil wirft, ohne die etwaigen Nachtheile und Beschwerden zu erwägen, ja nur zu ahnen, welche mit der'Zeit auch mit diesem Gegentheile verknüpft sein werden. Es findet Dies auf socialem, politischem, wie religiösem Gebiete statt. Die Maffen vergessen aber schnell, was sie früher gedrückt hat, und empfinden nur die Nachtheile, die in der Gegenwart auf ihnen lasten, und wären diese gegen die früheren Bürden noch so leicht. Darum kann die Wandelbarkeit der Massen nicht in Verwunderung setzen. Nicht selten verlangt für -sie, oder doch für einen Theil derselben, Das wieder eine hohe Verehrung, was sie früher wegen des von ihm ausgeübten Druckes verabscheuten. Es kann sich noch einmal wieder geltend machen, und es wird von ihnen geschützt, was sie vorher verfolgt hatten. Dieses Berständniß giebt uns den Schlüssel zu mancher Erscheinung, die uns sonst räthfelhaft dünkte. Die Religion war es, welche im Alterthume den Völkern den Staat gab, d. h. den noch in ungeordnetem Zustande befindlichen Stammesgenossen die staatliche Ordnung. Dabei hatte die Religion aus dem Bedürfniß heraus die Tendenz, sich besondere Träger ihrer Lehre und ihres Cultus zu schaffen. Es kam nun darauf an, ob diese staatliche Ordnung von der Religion selbst in ihrem Werden, oder erst vermittelst dieser ihrer bereits constituirten Träger geschaffen und gegeben wurde. Wir haben hierfür ganz bestimmte Ausdrücke. Dem israelitischen Volke wurde Lehre und Gesetz von einem P r opheten gegeben; in Nachahmung dessen richtete Muhammed seine Lehre und seinen Staat als Prophet auf. Bei den anderen Völkern, bei Aegyptery, Indern, Babyloniern, Persern, sehen wir die Priester in. der Obherrschaft, oder doch derselben nahe, als Inhaber aller gesetzgeberischen und richterlichen Gewalt neben der königlichen Macht, der vorzugsweise das Schwert blieb, und die Jene selbst in der Verwaltung zu verdrängen suchten. Naturgemäß entstand hieraus frühzeitig ein Conflict zwischen der geistlichen und weltlichen Macht, wie wir ihn seit vordenklicher Zeit überall finden. Wo die Macht eines Volksstammes sich nach Außen, d. h. auf die Eroberung anderer Länder und die Unterjochung fremder Völker, warf, mußte die königliche Gewalt, je weiter die Gränzen sich vom Heimathlande entfernt ausdehnten, immer mehr erstarken und die heimische Priesterherrschaft überwinden. Der Mosaismus hingegen hatte den Schwerpunct von vornherein in das^Volk verlegt und dessen Freiheit zur Unterlage der gesellschaftlichen Ordnung gemacht. Das Volk hatte in seinen kleinen und großen Kreisen die Beamten aus seiner Mitte zu wählen, und ebenso sein Staatsoberhaupt, sei es in republicanischer oder monarchischer Verfassung. Es konnte hierbei auch auf die Priester rücksichtigen, ohne irgend hieran gebunden zu sein. Hierdurch war jenem Confliete der Nerv abgeschnitten, und wir sehen ihn, was man auch sagen mag, nur in seltenern Zeitpunkten ausbrechen, oder gar zum Vortheil der Priesterschaft ausfallen. Standen doch auch den Priestern dauernd die Propheten gegenüber. Auch, die Griechen und Römer betrachteten mythologisch und legendenhaft die Religion als die Quelle der staatlichen Ordnung; entweder war die Gesetzgebung oder auch der wirkliche Staat von Göttern und Halbgöttern gegründet. Aber ihre staatliche Entwickelung ging so rasch vor sich

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