Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1872)
- Date
- 1872-10-29
- Page
- Seite 868 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir richten daher abermals an das verehrliche Publicum die Aufforderung, sich auf ras achtzehnte Jahr zu abonniren, mit der Bemerkung, daß das Abonnement jedes Jahr erneuert werden tnuß, und für dasselbe, wie von Beginne an, der Preis jährlich 2 Thaler ist. Wir ersuchen zugleich unsre Herren Agenten, jenen Eifer auch fernerhin zu bethätigen, dem das Institut so Vieles zu danken hat. Wir bitten zugleich alle Diejenigen, welche der guten Sache ihre Dienste als Agenten widmen möchten, sich mit uns deshalb in Verbindung zu setzen. So überlaffen wir uns der angenehmen Erwartung, daß auch für die Zukunft alle Diejenigen, welche ein warmes Herz für das Äudenthum, dessen Erhaltung und Entwickelung, dessen Schöpfungen und Wirksamkeit haben, unsrem Institute ihre Theilnahme zuwenden werden, auf daß dieses im Stande sei, Werth und Umfang seiner Leistungen immerfort zu erhalten und zu erhöhen. Religion und Staat. i. In dem großen Conflicte, welcher zwischen Staat und Kirche ausgebrochen ist, der im deutschen Reiche und in Italien zum schroffsten Gegensätze, zu überschwänglichen Ansprüchen auf der einen, zu energischer Abwehr von der anderen Seite geführt hat, der aber auch in allen anderen Staaten offener oder geheimer, immer jedoch vorhanden ist, und auch da über kurz oder lang zum Ausbruch kommen wird, in diesem Conflicte ist wohl das Judenthum am Ehesten berufen ein unparteiisches Urtheil zu sprechen und über die Art der Ausgleichung eine Meinung zu äußern. Denn in den großen und wesentlichen Umrissen ist das Judenthum bei diesem Kampfe nicht betheiligt. Da es selbst keine Ansprüche an den Staat stellt, sondern, wenn es die freie Ausübung seines Cultus und die bürgerliche Gleichstellung seiner Bekenner hat, sich den Gesetzen und Einrichtungen des Staates unterzieht , andererseits aber Religion, nichts als Religion ist, und gerade um deffentwillen den Bestand und die Blüthe der religiösen Idee in der Menschenwelt nach Kräften fördern und erhalten muß, so kann es die Vorgänge ganz objectiv betrachten und ihren Werth nach ihrem innersten Wesen beurtheilen. Freilich in anderen Momenten bleibt es durchaus nicht unberührt. Das Judenthum hat von der Obherrschaft der'Kirche zu viel gelitten, und erst im modernen Staate Würdigung und Zugeständniß seines Rechts erhalten, um den Wiedereintritt Jener nicht fürchten, die Kräftigung des Letzteren nicht wünschen zu sollen. Jndeß zu einer solchen Furcht hätten wir kaum Veranlassung, da eine nachhaltige Niederlage des modernen Staates in keinerlei Aussicht steht. Und dieser Furcht könnte auch eine andere gegenübergestellt werden, nämlich die vor einer abermaligen Omnipotenz des Staates, zu welcher sich der constitutionelle Staat verleiten ließe, so daß er die Machtfülle des Absolutismus als ganzer Erbe desselben beanspruche. Sind doch die Fäden, die dahin führen könnten, wohl zu erkennen. Aber das Zusammentreffen dieser secundären Momente macht wiederum das Judenthum unparteiisch in dem obschwebenden Streite. Jndeß nicht Dies allein drängt un's, diese weltbewegende Frage besonnen und gründlich zu besprechen. Seit langer Zeit halten wir es für die Pflicht dieser Zeitung, vor unsren Lesern die, alle Kreise beherrschenden, Ereignisse und Ideen, wie sie in der Zeit auftreten, vom jüdisch-religiösen Standpuncte aus zu behandeln. Es versteht sich, daß wir uns niemals anmaßen, das letzte und entscheidende Wort in solchen schwierigen Streitfragen, welche Jahrhunderte, ja Jahrtausende alt sind, zu sprechen. Glauben wir doch nicht einmal, daß unsre Zeit berufen ist, jene vollständig zu lösen. Dazu wurzeln sie zu tief in der ganzen Vergangenheit der Menschenwelt. Auch die Gegenwart ist nur eine Entwickelungsstufe, welche die Aufgaben der menschlichen Gesellschaft ein gutes Stück aufwärts zu heben hat, nicht aber schon zum Ziele zu bringen vermag. Allein in dem Treiben und Gewühle der Parteien ist es immerhin gut, sich einmal aus ihm zurückzuziehen und sich auf einen Standpunct zu versetzen, der ebenso eine dreitausendjährige Geschichte zu seinem Boden, wie den freien Ausblick der von Dogmen und Interessen unbeschränkten vernünftigen Forschung zu seinem Führer hat. Wir haben hierfür bei unsren Lesern stets, eine Empfänglichkeit gefunden, deren wir auch diesmal uns zu erfreuen haben mögen. Daher nur noch eine Vorbemerkung. Wir suchen den gewaltigen Gegenstand unsrer Erwägung sowohl von idealer als realer Seite zu betrachten. Beide Seiten fallen in der Natur wie in der Menschenwelt nirgends ganz zusammen. Selbst in der Natur nicht; denn, wenn in dieser daS Ideal ist, daß jedes Dasein, jedes