Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1872)
- Date
- 1872-10-29
- Page
- Seite 865 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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865 Es liegen uns folgende Gebetbücher vor: 1) mva ar W:-nbön. Israelitisches Gebetbuch für den öffentlichen Gottesdienst im ganzen Jahre. Bearbeitet von vr. Abraham Geiger. Zwei Bände. Zweite Auflage. Berlin 1870. 2) b&mr rvtny. Israelitisches Gebetbuch für den öffentlichen Gottesdienst im ganzen Jahre, geordnet und übersetzt von Benjamin Szold. Zweite Auflage. Baltimore 1871. 3) w s-msn •’Wi»' babr mnaraVi bmrt m^b nbsn. Israelitisches Gebetbuch für die öffentliche Andacht des ganzen Jahres. Auf Anordnung der breslauer Gemeindecvllegien, mit Benutzung des bislang eingeführt gewesenen Rabbiner Dr. Geiger'schen Buches, neu bearbeitet von Dr. M. Jo öl. Zwei Theile. Berlin und Breslau 1572. 4) Gebete für Israeliten zum Gebrauche beim Gottesdienste, im Hause und auf dem Friedhofe von Dr. A. A. Wolfs. Jn's Deutsche übertragen von Sigismund Berendt. Frankfurt a. M. 1872. Unsre Leser mögen nicht erschrecken. Es ist nicht unsre Absicht, sie in alle Einzelnheiten dieser verschiedenen Gebetbücher einzuführen und mit den Details zu erdrücken. Wir wollen Jene nur im Allgemeinen charakterisiren. Die drei ersten Werke sind bestimmt, für den öffentlichen Gottesdienst an die Stelle des bisherigen Siddurs und Machsors zu treten, und dienen hierzu wirklich in den resp. Gemeinden, während das vierte nur ein kleines Gebetbuch für den Privatgebrauch ist. Beschäftigen wir uns daher vorzugsweise mit jenen dreien. Sie haben das Gemeinsame, 1) daß sie den überkommenen Gottesdienst in allen seinen Theilen und Formen, 2) fast ganz in der hebräischen Sprache erhalten, und nur hier und da ein deutsches Gebet einschalten, 3) daß sie den sogenannten Pflichtgebeten treu bleiben, aber 4) eine bedeutende Kürzung durch Beseitigung von einer größeren oder geringeren Zahl später eingeführter Gebete erstreben, 5) die Bitten um die Rückkehr nach dem wiederhergestellten Jerusalem, um den Tempel und die darin wieder abgehaltenen Opferdienste, sowie um die Ankunft des persönlichen Messias gestrichen, und die betreffenden Formeln durch andere ersetzt haben, dagegen 6) die Dogmen von der göttlichen Offenbarung, der Erwählung des israelitischen Volkes und dem allgemeinen Eintritt des Reiches Gottes in Erkenntniß, Recht und Liebe nachdrücklich aussprechen und betonen, auch die Engellehre beibehalten; endlich 7) dem hebräischen Texte unter dem Striche oder auf der Nebenseite eine deutsche, nicht Uebersetzung, sondern freie, meist sehr freie Bearbeitung hinzufügen. Hiermit hört aber auch das Gemeinsame auf. In der Beseitigung und Beibehaltung von Gebeten, in der Veränderung von Formeln und den an die Stelle tretenden Einschiebseln herrscht die größte Verschiedenheit, und in der Einschiebung deutscher Gebete, sowie in der deutschen Bearbeitung der hebräischen Gebete, hat jedes dieser Gebetbücher vollständig Etwas Anderes, und jeder der Herausgeber hat bis auf einige Kleinigkeiten seine eigene Arbeit geliefert. Zwischen dem geiger'schen, szold'- schen einerseits und dem joöl'schen Werke andererseits findet noch die Verschiedenheit statt, daß Joöl neben seinen neuen Formeln die alten mit kleineren Typen in Parenthese oder an der Seite durch einen Strich getrennt giebt, um, wie er meint, dem orthodoxen Beter es möglich zu machen, die alten Formeln zu beten. Auf diese Weise glaubt er eine Brücke zwischen den orthodoxen und reformistischen Betern geschlagen zu haben. Wir halten wenig hiervon, sondern glauben, daß die Zeit es ist, welche die Vermittlung bewerkstelligt. Es versteht sich von selbst, daß, wenn wir die getroffenen Veränderungen im Einzelnen , die neuen Formeln in sprachlicher und geistiger Beziehung und die deutsche Bearbeitung in diesen Gebetbüchern prüfen, wir bald dem einen, bald dem anderen Verfasser zustimmen werden, daß wir einen glücklichen Griff oder einen Mißgriff bald bei dem Einen, bald bei dem Anderen treffen, und daß wir so die Gebetsache durch Keinen Derselben zu einem entscheidenden Wendepuncte, ja nur zu einem Ruhepuncte geführt ansehen können. Am Entschiedensten vorgeschritten erscheint uns das amerikanische Gebetbuch, welches am Schluffe noch eine ziemliche Sammlung von Liedern hinzugefügt, ohne freilich — es liegt dies in der bekannten amerikanischen Art — die Verfasser, sei es auch nur im Inhaltsverzeichnisse, anzugeben. Erwägen wir nun, daß außer den angeführten diesseits und jenseits des Oceans noch eine lange Reihe von Gebetbüchern seit dem des Hamburger Tempels erschienen und in einzelnen Synagogen in Wirksamkeit sind, die sämmtlich in'den Einzelnheiten voneinander verschieden sind, so sieht man ein, wie die frühere vollständige Uniformität in den Synagogen, wenigstens desselben Ritus, in das Gegentheil umgeschlagen ist, und mit jedem Jahre, mit jeder Reformbewegung in einer größeren oder mittleren Gemeinde — denn auch von der letzteren Art haben Mehrere schon ihre eigenen Gebetbücher —mehr zu verschwinden scheint. Worin liegt nun die Ursache dieses für die Däner unerquicklichen Zustandes? Indem 44*