Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1872)
- Date
- 1872-10-29
- Page
- Seite 864 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie eS gefährlich wäre. WaS im Herzen des Volkes wurzeln soll, bedarf einer langen Vorbereitung und unermüdlichen Pflege. Im einzelnen Menschen geht oft in kurzer Zeit eine große Wandelung vor sich, und man sieht nicht selten Jünglinge, die in einem und dem anderen Jahre ihre Anschauungen und Sitten völlig verändern. Nicht so ist es mit der Maffe; sie ist zäh, bedächtig, und will sich erst langsam in Das schicken, was ihr neu und ungewohnt ist. Darin liegt aber auch ihr Vorzug, ihre Treue und Anhänglichkeit, ihre Hingebung und Opferwilligkeit. Diese Tugenden können vom Menschen nur für Das bethätigt werden, was mit feinem Herzen verwachsen ist. Um soweit zu gelangen, muß dem Neuen erst Zeit gewährt werden, sich einzusenken und zu befestigen. Dies hat denn auch die Geschichte von jeher erwiesen, und was im Judenthume Jahrhunderte bestanden hatte, das hatte immer der Jahrhunderte bedurft um zu werden, sich zu gestalten, und endlich Das zu sein, als was es nun Dauer gewann. Die Geschichte unsrer Religion und insbesondere unsres Cultus ist jetzt zu bekannt, als daß wir hier Beispiele anzuführen brauchten. Unser Gottesdienst ist das Product eines Jahrtausends, ehe er sich zu der Gestatt entwickelte, in welcher wir ihn überkommen haben. Wie konnte man die Anmaßung haben zu fordern, daß man alsbald mit ihm tabula rasa machen, und an seiner Stelle Etwas ganz Neues aufführen werde? Erst mußte das Bedürfniß in allen Schichten allmälig reifen, um sich ebenso allmälig zur Neugestaltung bewogen zu fühlen. Es bedurfte daher nur der Zeit, und bedarf ihrer, und dies um so mehr, als die Meinungen sich ja auch zuvor klären und das Richtige und Wirksame seststellen mußten, was immer nur durch dauernden Kampf zu erlangen ist. Nicht jede Ansicht, nicht jeder Einfall ist geeignet, verwirklicht zu werden, und das einmal Geänderte nochmals zu ändern ist eine nachtheilige Procedur. Was mit der Religion zusammenhängt, darf nicht als stets beweglicher Natur, als jederzeit der Veränderung unterworfen erscheinen; es muß Etwas Festes und Stetiges in ihr vorhanden sein, weil es sonst nachhaltiger Wirkung entbehrt. ' Dies war unsre Ansicht bezüglich der Reformen des Cultus vom Beginne unsrer Thätigkeit an, sowohl bei der Führung unsres Amtes, als auch in der Redaction dieses Blattes. Wir erwiederten den Heißspornen und Ungeduldigen stets: es bedarf nur der Zeit, um Das zu reifen, was ein wirkliches Bedürsniß ist, und ist dies reif , geworden, so hat es die Macht der Nothwendigkeit. Um einige Beispiele anzuführen - so ging es mit der Orgelfrage. Sie war längst ventilirt und theoretisch entschieden, als sie immer noch den größten Widerstand in den Gemeinden fand. Sehen wir uns jetzt um, so sind es sehr zahlreiche Gemeinden, große und kleine, welche die Orgel oder das Harmonium zu integrirenden Theilen ihrer Gotteshäuser gemacht haben, und zwar Gemeinden, die durchaus nicht im Rufe der Neuerungssucht standen, z. B. Prag und Fürth. Es wird nicht lange dauern, und man wird dieses Instrument in allen Synagogen finden, und die schnelllebende Generation wird kaum noch wissen, daß es früher anders gewesen. Wie viel Staub wirbelte die Piutimfrage auf, ja schon die Jekum- Purkan-Frage, und gegenwärtig wundert man sich, wenn man diese Gebetstücke in einer Gemeinde noch in ihrer alten Gestalt, in ihrem ganzen Umfange findet. Allerdings hat' dieser Zustand, daß jede Gemeinde ihren Gottesdienst nach eigenem Belieben umgestaltet, und sich hierbei gewöhnlich auf die An- und Einsicht Einiger ihrer Mitglieder verläßt, auch mancherlei Unzukömmlichkeiten, die zu drohender Gefahr anwachsen können, in seinem Gefolge. Die Einheit des Gottesdienstes verliert sich immer mehr, und droht mit einer Verschiedenartigkeit, welche schließlich der Confession den Charakter des Zusammenhangs und der Übereinstimmung fast ganz verwischt. Schon jetzt hat fast jede größere Gemeinde ein anders gestaltetes Gebetbuch, so daß man, will man dem Gottesdienste folgen, beim Eintritt in ihre Synagogen jedes Mal ein anderes Gebetbuch haben müßte. Dieser Uebelstand geht in den letzten Jahren riesig voran, und scheint den Boden des Cultus sehr durchlöchern zu wollen. Die besonderen Ursachen, die hierbei wirksam sind, wollen wir unten besprechen. Es ist uns hierbei nicht darum zu thun, dieses Verfahren der Gemeinden zu tadeln oder zu bekämpfen. Wir hielten es nicht einmal für gut, jetzt schon eine völlige Uniformität herzustellen und den Gemeinden aufzunöthigen. Dazu gehören die Bestrebungen der Gegenwart zu sehr noch einer Uebergangsperiode an. Aber, wovor wir warnen wollen, das ist das unnöthige Auseinandergehen in allen Einzelnheiten, und darauf wollen wir dringen, daß die Gemeinsamkeit und Gleichartigkeit nicht ganz aus den Augen gelassen, vielmehr. wieder angebahnt werde. Man wird uns am Schlüsse des Artikels verstehen.