Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1872)
- Date
- 1872-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Heraus gegeben vo.n Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Leipzig, den 29. October 1872. Diese.Zeitung erscheint wöchentlich einmal.Dienstags, in 2 bis 21/* Bogen. Preis deS.Jahrgangs 4 Thlr. Inserats werden mit 2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen,. Postämter und (uu. HU HimW/i fltft Kitfl -* ^-*“‘A -!i ° 0,1 langen an; der Haupt-Expedition f ig.2 Thlr. i Biertelsahrig 1 Lhli-. . iiifl8is@tbSbitio)tsn nehmen Spftd* bÄde Letztere hat sich das KSnigt. SSchs^ Haupt^ZeitungS-Burecm unterzogm. Inhalt. Leitende Artikel r Einige neue Gebetbücher. — Das Institut zur Förderung der. israelitischen Literatur. — Religion und Staat. 1. Zeitungsnachrichten r Deutschland: Berlin, Landsderg an der Warthe, Htawicz, Ostrowo, Stuttgart. — Oestierreichisch-üngarischeMonarchie: Wien- Pest, Lemberg, Aus Ungarn. — Frankreich: Paris. — Belgien: Brüssel. — Serbien: Belgrad. — Donaufürstenthümer: Bonn, Bukarest. — Rußland: St. Petersburg. Feüiüeion- Beilage: Die Jüdin von Toledo. — Ein Bild aus dem Kazimierz.—Historische Notiz. — Vermischtes. Leitende Artikel. Einige neite Gebetbücher. Bonn, 19. October. Die Geistesarbeit auch auf dem Gebiete des Judenthuins geht ununterbrochen weiter. Langsam, aber ebenso ununterbrochen, tritt sie in die äußere Erscheinung, macht sie sich auch äußerlich in sichtbaren Erfolgen erkennbar. Ja, gerade in der religiösen Sphäre ist diese nur allmälige Entwickelung ebenso erklärbar wie zweckgemäß. Der Fortschritt auf dem politischen Gebiete wir!) durch die materiellen Erfordernisse, durch große und kleine Ereignisse, durch den Kampf der Parteien und ihre Siege heröorgerufen, hat daher manchmal lange Zeiten des Stillstandes, ja des Rückschrittes zu bestehen, und tritt dann mit Einem Male in einer Menge von Schöpfungen zu Tage. Hinsichtlich der Religion und ihrer Erscheinung im Cultus ist Dies ein Anderes. Die Gewohnheit, die Eindrücke aus der Jugendzeit, der Nimbus des Altherkömmlichen, wirken hier vereint mit der Höhe der Erkenntniß und der Innigkeit, des Glaubens , um den Fortschritt zu schaffen und zu bedingen. Wir sprechen hier allerdings nur von solchen Confessionen, die von jeder äußeren Macht, sei diese weltlich oder geistlich, unabhängig, unbeeinflußt sind, wo also die Entwickelung der Masse den einzigen thatsäcklichen Maßstab für den Fortschritt abgiebt. Was da die einzelnen Geister Hervorbringen und wollen, ist in seiner Einwirkung auf den Geist der Maffe von großer Bedeutung; aber für die wirkliche Gestaltung, also speciell für die Gestaltung des Cultus, ist es erst maßgebend, wenn es in das Bedürfnis und darum auch allmälig in den Willen der Maffe übergegangen ist. Von diesem Willen der Maffe hängt dann jede cultuelle Umgestaltung ab. Dies ist nun ganz besonders im Judenthume der Fall, wo jede Gemeinde autonom ist, also es von jeder Gemeinde abhängt, was und wie viel sie von Neuerungen annehmen wolle. Alle Erscheinungen der neueren Zeit lassen sich hieraus einfach erklären: der lange Zeitraum, deffen es bedarf, um mit irgend einer Neuerung durchzudringen, die langsame schrittweise Annahme, die Jnconsequenz in dem, was angenommen öder zurückgewiesen wird, die große Verschiedenheit, die sich, allmalig einstellt. ( v Äer nicht minder zweckentsprechend ist dieses langsame Vorgehen. Was im Herzen des Volkes wurrelt, l es mit Einem Male heraüszureißen, ist ebenso unmöglich,