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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-10-22 · Heft 43 (22.10.1872) · p. Seite 855

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 43 (22.10.1872)
Date
1872-10-22
Page
Seite 855 (sequence 13)
Language
German
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„Ich werde schon gebautes Land, Häuser, Pachtungen, kurz Alles, was die Organisation einer Colonie erheischt, liefern. Alles dies wird von mir unentgeldlich gegeben werden, außer der Nahrung und Kleidung, über deren Kosten für jeden Einzelnen ich weiter unten sprechen werde. Die Colonisten werden die Hälfte der Producte erhalten, die hauptsächlich in Getreide und Hanf bestehen. Wenn sie es vorziehen, auf monatliche Bezahlung zu arbeiten, biete ich ihnen, wenn sie sich wenigstens für drei Jahre verpflichten, 50 Franken für den Monat, außer Wohnung, Nahrung, Wasser und ärztlicher Behandlung. „Das Beste würde für sie sein, in New-Orleans ungefähr am 1. Oktober anzukommen; sie würden dann zur rechten Zeit für die Hanfsaat anlangen und so mit Gottes Hülfe schon das nächste Jahr ernten können. Ich mache Ihnen diese Vorschläge in dem Wunsche, moralisch und pecuniär zur Wohlfahrt meiner Glaubensgenossen beizutragen: ich hoffe, daß Sie sich um die Beförderung einer Auswanderung bemühen wer-' den, die ebenso zuträglich für die agricolen Interessen dieses Landes, wie für die physische und moralische Entwickelung des verfolgten Israels ist. „Genehmigen Sie u. s. w. . Salomon Franklin/' (SDie Jewish Times fügen hinzu: „Hier ist mehr als Theorie!" Sie hat Recht. Dennoch giebt es in obigem Schreiben einen Punct, der uns einiges Bedenken macht. Nur diejenigen, welche in seine persönlichen Dienste treten, will Herr Franklin außer 50 Dollars Monatslohn mit Nahrung, Wasser rc. versehen. Alle aber, welche selbstständig Land bebauen wollen, erhalten nur Land und Wohnung. Sie müssen sich Nahrung und Kleidung selbst beschaffen. Sie müffen also für sich und die Ihrigen bis zur nächsten Ernte die Unterhaltungskosten selbst tragen. Und wird die erste Ernte, von der sie doch die Hälfte des Ertrages Herrn Franklin abtragen müssen, gleich so ausfallen, um für ein ganzes Jahr auszureichen? Dies scheint uns noch ein sehr bedenklicher Punct für die armen Auswanderer und ihre Beförderer. Dieselben müßten also fast sämmtlich auf drei Jahre in die persönlichen Dienste des Herrn Franklin treten. Redact. d. A. Z. d. Jud.) U ach t rag. Ostrowo, 13. Oktober. (Privatmitth.) Das gräßliche Unglück, das sich vorgestern den 11. am Vorabend-des Mischen Versöhnungstages in der hiesigen Synagoge zugetragen hat, wird wohl bereits auch dort zum Theil bekannt geworden sein, nicht aber die, näheren Details. Soweit sich dasselbe bis heute Mittag übersehen läßt, ist der Thatbestand etwa folgender: Der Abendgottesdienst begann in der Synagoge gegen 5 Uhr Nachmittags. Durch die Anwesenheit der vielen Menschen und der vielen Gasflammen entstand wie immer eine fürchterliche Hitze, so daß eine ältere Frau ohnmächtig wurde. Eine neben der Frau sitzende Verwandte lief nach Wasser, um dieselbe m’9 Leben zurückzurufen. In demselben Augenblicke erloschen sämmtliche Gasflammen im Tempel, so daß dadurch eine förmliche Finsterniß entstand. Nur einzelne in den Frauenchören und auf dem Altar brennende Kerzen erhellten spärlich den düsteren Raum. Inzwischen mag der Frau schlimmer zu Muthe geworden sein, sie fiel um, und die umstehenden Frauen riefen .nach Wasser. Dieser Ruf mag nun falsch ausgelegt worden sein, von einer andern Seite der Frauenchöre erscholl der Ruf „Feuer", und Alles befand sich in der größten Aufregung und drängte bei der herrschenden Finsterniß nach den Ausgängen. Der Ruf der Männer aus dem Parterrelocal, ruhig zu bleiben, weil nicht das Geringste vorgefallen wäre, das zu dem Schreckensrufe Anlaß gegeben hätte, verhallte bei dem Gekreisch der Frauen. Kurz das Gedränge nahm überhand, was die Folge hatte, daß der Tod nur zu reichliche Ernte hielt. Inzwischen war der Feuerruf nach Außen gedrungen, die Feuerwehr wurde alarmirt, und rückte auch schon nach einigen Minuten an. Zu löschen hatte dieselbe allerdings Nichts, dagegen um so mehr zu retten, und zwar Menschenleben. Dieselbe säuberte in Gemeinschaft mit der inzwischen angerückten Militärfeuerwache den vor der Synagoge befindlichen Garten von den vielen Hunderten schreiender Menschen, und brachten bald todre und verwundete Frauen und Kinder heraus. Bis jetzt sind über 20 Leichen constatirt, wobei aus 5—6 Familien je 2 Personen waren. Das Jammergeschrei der Verwundeten und deren Angehörigen war schrecklich; noch schrecklicher

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