Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1872)
- Date
- 1872-10-22
- Page
- Seite 851 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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nur etwa halb so stark als die der israelitischen, und der Antheil der Katholiken steht noch weiter zurück. - Düren, 8. Oct. (Privatm.) Ein Beispiel seltenen Edelsinnes verdient durch die Vermittelung Ihres vielgelesenen Blattes in weiteren Kreisen Verbreitung zu finden als Sporn zur Nachahmung. Selten wohl forderte die Nothwendigkeit gebieterischer und unabweisbarer eine Gemeinde zum Baue einer neuen Synagoge auf, selten aber auch hatte eine Gemeinde gegen unüberwindlich scheinende Hindernisse Härter zu ringen, um zum endlichen Ziele zu gelangen, als die unserige. Von den vielen Mißgeschicken sei nur das Unglück erwähnt, welches uns nach Fertigstellung der Umfassungsmauern traf, als der vor einigen Jahren durch einen großen Theil Europa's wü- Lhende Orkan die Front- und eine Seitenmauer in einen Schutthaufen verwandelte, das kurz nachher erfolgende Falliment des Bauunternehmers, welches erst vor Kurzem zum Abschluß gelangte, die Hemmung, welche der letzte Krieg dem endlich der Vollendung nahen Bau entgegenstellte , dazu die beschränkte Leistungsfähigkeit der Gemeinde. Die edelmüthige Gesinnung unserer christlichen Mitbürger, welche theils in Form von Geschenken, theils von Actienzeichnung unsere Sache förderten, sodann eine Verloosung, deren Ertrag durch die Huld Ihrer Majestät unserer Kaiserin, welche zwei Geschenke als Gewinngegenstände übersendete, eine nicht geahnte Höhe , erreichte, trugen im Vereine mit der Opferwilligkeit der Gemeindemitglieder dazu bei, einen in seiner Einfachheit erhabenen, der Stadt zur Zierde gereichenden Tempel zu vollenden, dessen herrliche Fronte und innere Ausstattung wir dem Geschmacke und dem Genie unseres Landsmannes, des bei dem Baue der neuen Kliniken in Bonn thätigen Baumeisters Herrn Roland Brauweiler, verdanken. — Die in diesem Frühjahre von dem würdigen und . beredten Rabbiner Herrn vr. Wolfs so hn aus Aachen vollzogene Einweihung gestaltete sich durch die Mitwirkung des bewährten aachener Shnagogenchors, welcher bei ausgezeichneten Stimmmitteln unter der Leitung seines unermüdlichen Dirigenten, Herrn D. N. Marx, es zu wahrer Meisterschaft künstlerischer Leistung gebracht hat, zu einem nicht nur für die Angehörigen der Gemeinde , sondern auch für die zum Theil durch die Genüsse der kölner GesellschaftSconcerte und der rheinischen Musikfeste verwöhntenGäste zu einer unvergeßlichen Feier: so sehr fühlten sich Alle durch die ergreifende Wirkung der Choräle der Alltäglichkeit entrückt und zur Andacht erhoben. Doch was frommt ein schönes neues Gotteshaus, eine noch so erhebende Einweihungsfeier, wenn, wie Dies leider meist der Fall ist, bei dem ohne Wirkung auf das Gemüth der heutigen Generation ganz und gär in der alten Form celebrirten Gottesdienste der Eindruck jener Feier nur zu bald sich mehr und wehr schwächt und die alte Unordnung Platz greift? Dann ist der Contrast eines schönen Gotteshauses mit dem unschönen - Gottesdienste um so greller. Was nun unsere Gemeinde betrifft, so zeigte sich die, die Gemüther tief rührende Wirkung der bei der Einweihung unter Begleitung des Harmoniums von dem gemischten Chore vorgetragenen hebräischen Gebete und deutschen Psalmen als eine so nachhaltige, daß Verbesserungen des Gottesdienstes von einer Seite herbeigewünscht wurden, von welcher es am Wenigsten zu erwarten war. Eher als man es zu hoffen wagte, erfüllte sich der in einem Trinkspruche ausgesprochene. Wunsch, daß an Stelle der nur für die Einweihungsfeier hergerichteten Chortribüne einst eine definitive erstehen möge. Ein von seltenem Charakteradel beseelter Mann, der schon erwähnte Dirigent des Synagogenchores zu Aachen, Herr D. N. Marx, erbot sich, unserer Gemeinde unter der Bedingung, daß dieselbe die Bildung eines Chores beschließe, ein Harmonium zum Geschenke zu machen, und mit freudigem Danke gingen Vorstand und Repräsentanten diese Bedingung ein. Alsbald bildete sich ein jetzt aus 27 Damen und Herren bestehender Chor und übte fleißig die Gesänge ein, durch welche fernerhin der Gottesdienst eine würdigere Gestalt annehmen sollte. Vor etwa einem Monate langte dann aus der Fabrik zu Stuttgart das wahrhaft fürstliche Geschenk eines neuen Harmoniums von mächtiger Tonfülle an, und nachdem an dem hohen Neujahrsfeste zum ersten Male seine Harmonien sich mit den Gesängen des jungen Chors vereinten, finden wir, mirabile dictu, da wo sich am meisten Abneigung hätte befürchten lassen, Theilnahme, ja Begeisterung. Um die Hochherzigkeit des Gebers recht zu würdigen, muß hervorgehoben werden, daß Herr Marx keineswegs in irgendwelcher Beziehung zur hiesigen Gemeinde oder zu Mitgliedern derselben steht; er kannte vor der Synagogeneinweihung kaum Einen derselben.