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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-10-22 · Heft 43 (22.10.1872) · p. Seite 847

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 43 (22.10.1872)
Date
1872-10-22
Page
Seite 847 (sequence 5)
Language
German
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der Äuden bilden. Der Pentateuchcommentar des Rabbi SalomonJsaaki- Raschi, hat das Geistesleben der Juden Jahrhunderte lang beherrscht. Dem Volke galten Chumasch und Raschi als ein unzertrennbarer Begriff. Merkwürdiger Weise machte Raschi selbst seinem Enkel Rabbi Samuel Len Meir, Raschbam, das Geständniß, daß , erwenn ihm bei seinem Alter die Zeit noch gegönnt wäre,-- einen andern Commentar über die Schrift, welcher, weniger agadisch, mehr den einfachen Wortsinn Wiedergabe, verfaffen würde; aber dessen ungeachtet blieb Raschi für das Volk der alleinige Erklärer und Ausleger des Gesetzes, , wie man ihn witzig nannte. Seine Zeitgenossen, Schüler und Enkel, haben wohl das von ihrem Lehrer und Meister verabsäumte Werk ausgenommen; aber ihre Schriften fanden wenig Verbreitung und . blieben lange unbekannt. Der durch seine Gründlichkeit und Freisinnigkeit ausgezeichnete Commentar des Raschbam wurde 1715, die Pentateuchtosafoth 1783, das lexikalische Werk, des Rabbi Jakob Tam, ebenfalls eines Enkels von Raschi, ön. '*i rvtf-orT, erst 1855 in London veröffentlicht.; vr. Zunz gebührt der Ruhm, daß er, Geschichte und Literatur 1845, @. 60—107, mit gewohnter Meisterschaft ein meues Literaturgebiet erschlossen, und auf die reichen Schätze hingewiesen hat, die erst noch auszubeuten sind.' Seitdem ist dieses bisher brach gelegene Feld fleißiger bearbeitet worden. Herr'vr. Berliner , der sich einen vortheilhaften Namen durch seine kritische Ausgabe des Pentateuchcommentars von Raschi erworben, hat nun in dem vorliegenden Werke eine kleine Lese jüdischer Schriftauslegung im Mittelalter aus Manuscripten zusammengestellt, die höchst beachtenswerth sind. „Die jüdische Wissenschaft," sagt er in dem Vorworte sehr richtig, „kann, durch das Fördern von handschriftlichem Material aus dem Dunkel der Bibliotheken an das Licht der Betrachtung nur gewinnen. Selbst da / wo wir damit unsere Kenntnisse für gewisse Specialgebiete nicht bereichern, werden wir wenigstens in culturgeschichtlicher Beziehung neue.Daten für den Anbau, wie auch nicht selten für die Vernachlässigung, für den Fortgang wie auch nicht selten für den Rückschritt auf den verschiedenen Gebieten der Wissenschaft, somit einen CulturMesser für. manche Zeiten und Länder, erhalten. Von diesem Gedanken war ich bei der Herausgabe dieser Schrift geleitet. Sie enthält die Resultate, welche sich mir bei einer Durchforschung von 30- Handschriften ergaben. Vieles darin wird selbst beim heutigen Standpunete der Exegese wohlgefällig ausgenommen werden können, Manches sogar überraschend erscheinen." Es ist hier nicht der Ort auf die einzelnen Fragmente einzugehen, und darum können wir nur die vorzüglichen hervorheben, z.B. die Zusammenstellung aller bisher bekannten und aus Manuscripten ausgezogenen Stellen des Pentateuchcommentars von Joseph Kara, die eine besondere Beachtung verdienen. So z. B. meint Joseph Kara, daß die Stelle 1 M. 4, 23 als Warnung gegen die Vielweiberei angeführt sei. Lemech, der zuerst zwei Weiber genommen hatte, die ihn durch ihren ewigen Zank und Streit zu Tode kränkten, stimmte, sein Mißgeschick beklagend, voll Resignation, weil er sich sonst keiner Schuld bewußt war, das Lied an: „Ada und Zilla, höret meine Stimme! Weiber Lemechs, vernehmet meine Worte! Habe ich etwa einen Mann erschlagen zu meiner Wunde? einen Jüngling zu meiner Beule? Wird Kain siebenfach gerächt, so Lemech sieben und siebenzigfach." Auch im Paaneach rasa wird diese Erklärung angeführt, und zwar mit einigen Modifikationen, die Herrn Berliner entgangen zu sein scheinen. Nicht minder interessant sind die mitgetheilten Auslegungen von Rabbi Jizchak, dem Proselyten, der auch nebst Abraham dem Proselyten im alten Nizzachon S. 32, 34 und 53 vorkommt, ->D PNL'' S, nicht aus Ungarn, wie Herr Berliner annehmen will, und von Rabbi Jizchak Kara. Wichtiger aber sind die Erklärungen der vermeintlichen christologischen Schriftverse, die bei Disputationen, vini2'>i, so oft angeführt wurden. Die 22 Proben, die Herr vr. Berliner als „Beitrag zur Geschichte der Religionsgespräche" aus einem Münchener Codex mitgetheilt, sind größtentheils im alten Nizzachon S. 36, 39, 47 bereits enthalten. Auch Herr Vr. Graetz, Geschichte VI. S. 435, hat aus einem unter dem Namen Nizzachon in Hamburg und in Paris befindlichen Manuscripte fast dieselben Proben mitgetheilt, die sich so frei über das Christenthum auslassen, wie man es kaum in unserer Zeit wagen darf. Es ist dies eine eigene polemische Literatur, die noch lange der Auferstehung vergebens entgegensehen dürste. Besonders ist hier wichtig der anonyme Pentateuchcommentar Gau i"a, dessen Polemik gegen das Christenthum, nach den im Paaneach rasa mitgetheilten Proben zu urteilen, ebenso geistreich als treffend ist. Schade ist es, daß Herr Berliner sich nicht' Einsicht in den Hamburger Codex verschafft hat, da die Münchener Handschrift nicht sehr correct ist. Nr. 2 2, ganz unverständlich, findet sich S. 29 im alten Nizzachon bei Wagenseil ganz correct.

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