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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-10-15 · Heft 42 (15.10.1872) · p. Seite 834

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 42 (15.10.1872)
Date
1872-10-15
Page
Seite 834 (sequence 12)
Language
German
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alle politischen Parteien in Bezug auf die innere Ent- ' Wickelung -Rußlands den Anden heimeffen,- angesehen werden, daß die meisten und maßgebendsten öffentlichen» Blätter aus allen Theilen des-Reiches über^ das Leben - und; Treiben unserer Glaubensgenossen, ■ über, deren . Einfluß auf die allgemeinen Verhältnisse , über deren Theilnahme am städtischen und staatlichen Leben u. s. w.) fast unausgesetzt mehr oder weniger wahrheitsgetreue, .wohl- oder übelwollende Berichte bringen. Lauten nun; auch die Urtheile über sie aus einer und derselben Gegend, ja aus einer und derselben Stadt, je nach demiParteistandpuncte, den. irgend ein Blatt einnimmt,*) oft sehr verschieden, ja sich gegenseitig geradezu wider-' sprechend; werden die Juden, auch in dem Einen wegen ihrer geschäftlichen Ausbeutung des Publicums, wegen -der von ihnen ausgehenden Demoralisation und Cor-' ruption, wegen -ihres antinationalen Wesens und Lebens rc. streng getadelt und maßlos beschimpft, während sie in dem Anderen wegen des geraden Gegen-' theils, wegen ihrer Wohlthätigkeit, Nüchternheit,! Betriebsamkeit , wegen ihrer unberechenbaren und .unbestreitbaren Verdienste um die Hebung von Handel; und Industrie, und somit um den Wohlstand vieler Städte, ganzer Gegenden und somit auch des gesummten Staates, wegen ihres raschen Sicheinlebens in Sprache -und Sitten der Nation mit Lobsprüchen überhäuft werden, — so schöpfen wir doch aus Alledem die beruhigende Hoffnung, daß die Zeiten der Apathie und? -der Abgeschlossenheit für unsere Glaubensgenossen auch in Rußland zu den unwiderruflich abgethanen gehören. -Und unser Vertrauen zu der gesunden Lebenskraft des Judenihums - und des Juden ist ein so unerschütter-; liches, daß wir in die Zukunft derselben mit der freu-; digsten Zuversicht blicken, und Dies um so mehr, wenn! wir gewahren, daß sowohl das unparteiische Publicum,' wie die maßgebenden Organe der Regierungsgewalt, es an einer gerechten Würdigung und an wohlwollendem Berständniß für die äußerst schwierige Lage, in welcher. sich namentlich die Juden Rußlands nach *) Es ist übrigens erstaunlich, wie oft und wie gründlich Manche unserer Organe nach dieser Richtung: hin ihre Farbe wechseln; so ist „Golos", der sich: längere Zeit hindurch vorurteilsfrei und wohlwollend; gegen die Juden gezeigt hat, plötzlich wieder sehr ge-; hässtg und engherzig gegen uns geworden. Wielangel diese Stimmung anhalten wird, ist freilich nicht vor-: äuszusagen, doch sind die Motive für dieselbe nicht unergründlich. . Corresp. mehrhundertjähriger Bedrückung und.. Ausschließung .beim Uebergange von der alten in. die neue Zeit befinden, sowie an kräftigster Unterstützung nicht fehlen hassen. So wird selbst aus, Sibirien, also dem Lande , welches der europäischen Cultur am fernsten steht, und überdieß von den schlechtesten Elementen angefüllt ist, von Anzeichen eines sich dort unter unseren Glaubensgenossen vollziehenden Läuterungsproceffes gemeldet. Denn wie der „Jüdische Wiestnik" nach einer Mittheilung der „Russischen Börsenzeitung" berichtet, ist es in Tomsk mit Hülfe der wohlwollenden Unterstützung des neuen Gouverneurs, Generaladjutanten von Gruschtscho^v, dem neugewählten Vorstände der dortigen jüdischen Gemeinde bereits gelungen, mehr Ordnung in allen Gemeindeangelegenheiten zu schaffen und viele Verbesserungen im Cultus und in der Verwaltung der Wohlthätigkeitsanftalten durchzusetzen. So ist beispielsweise das Gemeindearmenhaus derartig umgebaut worden, daß 30 Arme in demselben ein auf's Beste ausgestattetes Asyl finden; außerdem sind bereits alle Schritte geschehen, um demnächst eine „billige Küche" eröffnen zu können. Was den Gottesdienst in der Hauptsynagoge anbetrifft, so war der Gouverneur bei einem derselben an einem Sabbath zufällig abgestatteten Besuche nicht wenig erstaunt, sowohl eine Predigt und Gesang, sowie das Gebet für den Kaiser in der russischen Nationalsprache zu vernehmen, — Reformen, deren Durchführung allerdings Anfangs manche Aufregung verursacht hätte, die aber nunmehr bereits, wie alles Gute und Vernünftige, allseitige Zustimmung fände. Demnächst soll auch, einem Beschlüsse des Vorstandes gemäß, der Religionsunterricht in der jüdischen Elementarschule in der Nationalsprache ertheilt werden. Alle diese Reformen haben Aussicht auch von den anderen Gemeinden Sibiriens baldigst eingeführt zu werden. Man sieht daraus, daß der Jude überall sowohl den Willen wie die Fähigkeit besitzt, sich dem nationalen Leben auf's Engste anznschließen, wenn er nur nicht gewaltsam daran verhindert wird, und seine besten Kräfte nicht grausam unterdrückt werden. Aus Sibirien, im August. Die erfreuliche Nachricht, welche wir . aus einer jüdischen Gemeinde in , Sibirien gebracht haben, werde. durch folgende Mittheilung ergänzt, die wir dem „Ausland" entnehmen. Ein specifisches Merkmal des Judenthums ist seine

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