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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-10-15 · Heft 42 (15.10.1872) · p. Seite 826

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 42 (15.10.1872)
Date
1872-10-15
Page
Seite 826 (sequence 4)
Language
German
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fließenden Beschuldigungen Hervorrust. Wir könnten nun einwenden, daß, wenn Ihr die Finanz für Eure Herrin erklärt, Ihr Euch für Sklaven des Geldes erklärt! Wir wollen nicht so bitter sein. Wir könnten ferner einwenden, daß die Finanz gar keine Herrin, sondern nur eine Dienerin ist. Die Finanz hat keine Politik, keine Partei, keine Confession. Sie dient der Republik wie dem Cäsarismus, der Demokratie wie der Aristokratie,, dem türkischen wie dem christlichen Staate, sobald ihr nur die .genügende Sicherheit geboten wird. Sie dient überhaupt nur — wie dies alle gewerblichen Zweige thun. — dem Vortheil, und dient dem, der ihn ihr darbietet. Bon einer Herrschaft ist daher gar nicht die Rede, es sei denn, daß diese in dem Luxus gefunden wird, welchen sie treibt. Aber auch in diesem Einwande liegt für uns nicht der Hauptpunct, sondern wir legen diesen darein, daß die Financiers Nichts Weiter als Financiers und keine Juden sind, mögen auch Viele derselben von Geburt und Bekenntniß Juden sein. Sie haben niemals Etwas für ihre Glaubensgenoffen gethan, ausgenommen die Almosen, die sie ihnen zuwenden. «Die ganze Geschichte der Emancipation zeigt nichtein einziges Beispiel auf, wo sich jüdische Financiers für die Verbefferung der Lage der Juden verwendet, ihren Einfluß gellend gemacht, den Credit, den sie gaben, darnach bemessen haben. Alle Fortschritte, die geschahen, sind lediglich durch den in den Völkern wachsenden Geist der Gerechtigkeit und durch den unermüdlichen Kampf jüdischer und christlicher Geistesheroen erwirkt worden. Hat doch erst jüngst die Finanzwelt auf die an sie gestellte Forderung, den Rumänen nicht eher wieder Credit zu geben, als bis sie in ihrem Lande Recht und Gerechtigkeit üben, ablehnend geantwortet. — Lasset also endlich diese Phrase von der Herrschaft der Juden fallen, die Euch erniedrigt und uns nicht erhebt! Wenn unser Autor Horaz, Cicero u. s. w. citirt, so antwortet ihm Herr Levy-Bing in kräftiger Weise: „Wiffen Sie, warum die jüdische Race im Alterthume verachtet und von Schriftstellern verspottet worden ist? Darum, weil sie die Gottesidee verkörperte, die Idee der Gerechtigkeit, der Menschenliebe, der Gleichheit, der Freiheit, der Brüderlichkeit, welche das Alterthum nicht einmal zu faffen vermochte, und die aus dieser Race eine besondere, einen absoluten Gegensatz zur heidnischen Welt machte, die sich selbst, allen Zufällen der Gewalt, überliefert war." Wer die Zustände der antiken Welt, als die Juden in sie eintraten, kennt, wird dies einfach bestätigen. „Diese Race von Sklaven!" nennt uns die Itepublique franpaise. 3a, Besiegte waren wir, besiegt nach den blutigsten Kämpfen; in unsrer Zersplitterung, der Gewalt unterworfen, die in grausamster Weise von Denen an uns geübt wurde, welche im Namen der Religion zu handeln Vorgaben — aber Sklaven waren wir nie. Wir widerstanden in ausdauerndster Weise jedem Machtgebote, unsre Religion und unser Gesetz aufzugeben, nicht den lockendsten Verführungen und nicht dem Schwerte und dem Scheiterhaufen gaben wir nach; gedrückt und unterworfen, lebten wir frei und selbstständig im Schoße unsrer Familien, in. der Ausübung unsrer Religion, in Sitte und Thätigkeit. Wir waren noch lange nicht solche Sklaven wie die christlichen Völker unter ihren Feudalherren; wir mußten Leibzoll bezahlen, waren aber keine Leibeigene, keine glebae adscripti, nicht dem jus primae noctis unterworfen; wir hatten keine allgewaltige Hierarchie, deren Joch Ihr noch heute nicht ganz abgeschüttelt habt! Fürwahr, die Freiheit in ven christlichen Völkern ist noch sehr jung, und sie darf deshalb auf die früheren Zustände Anderer nicht mit Spott und Verachtung herabsehen. „Ein Race von kleinen Kaufleuten!" und mit demselben Athem erklärt dieser Scribent uns für „die gegenwärtigen Herren!" Welche Widersprüche in den allernächsten Zeilen! Wir sollen in den Völkern die unreinen Wollüste geweckt haben, während die Juden von allen Schriftstellern, alten und neuen, wegen ihrer Mäßigkeit, Nüchternheit, ihres keuschen und züchtigen Familienlebens gerühmt und als Muster aufgestellt werden. Doch es sei hieran genug. Wir wollen dem französischen Autor in seine besonderen, ihm eigenen Verirrungen nicht weiter folgen. Lag es uns doch nur daran, diejenige Meinung hinsichtlich der Juden zu charakterisiren, welche sich in der Gegenwart noch allzuverbreitet zeigt, und noch allzuoft zum Ausdruck kommt. Es ist unsre Pflicht zu zeigen, was uns noch zu bekämpfen steht, was uns feindlich entgegenwirkt. Die Augen zu verschließen und die Dinge sich selbst zu überlasten, ist bequem aber gefährlich. Wer heilen will, muß die Wunde untersuchen, und vor Allem sie reinigen. Wir sehen also, daß das Geschick, trotzdem wir am allgemeinen Cultur- und Volksleben den vollen Antheil nehmen und mit ihm verwachsen sind, uns dennoch in mannichfachen Beziehungen eine besondere Stellung noch

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