Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1872)
- Date
- 1872-10-15
- Page
- Seite 824 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226895--31065-3253971- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
gehabt und wären viel zu vorsichtig gewesen? Es mag sein, obgleich Dem, der wirklich von Rachegefühlen gepeinigt ist, die Gelegenheit niemals fehlt. Mer Ihr könnt doch nicht eine Beschuldigung ausjprechen, die sich niemals durch Thaten erwiesen hat. Nein! Es ist die eigene Unsauberkeit Eures Gemüthes, die Ihr dem unglücklichen Stamme insinuirt, und weil Ihr selbst nur Leidenschaft und Parteihaß athmet, traut Ihr Euren Nebenmenschen auch keine anderen Gefühle zu! Sicher ist es, daß in den Herzen der Juden, seitdem die Völker von ihrer Verfolgung abgelassen und.ihnen.die Pforten der bürgerlichen Freiheit geöffnet haben, nur Dankbarkeit und Anhänglichkeit wohnen, und sie in ihren Gefühlen für das Vaterland der christlichen Bevölkerung völlig gleichstehen. Das können wir vor Gott und der gesammten Menschheit in unserem Gewissen behaupten! Solche öffentliche Ankläger machen es sich aber sehr leichk Unser Mt-or geht keinen anderen Weg. Zunächst , heben sie -alle einzelnen Juden , die sich jemals -ausgezeichnet und Verdienste erworben haben, alle einzelnen Juden, welche als ehrenhafte, tugendsame, weise Menschen ihnen und Anderen -erschienen sind, aus der Menge heraus. Sie sagen: Bewundert unsre Gerechtigkeit, wir geben zu, daß es sehr geistreiche, verdiente und brave Juden gegeben hat und giebt, aber das hindert uns nicht, das gesammte jüdische Volk für geistlos, verdienstlos und ehrlos zu erklären! Eine schöne Gerechtigkeit — aus was besteht denn ein Volk, wenn nicht aus Einzelnen? Verlangt Ihr, daß alle.Glieder eines Volkes Genies und Engel seien, um das Volk nicht zu verdammen? Wer könnte dann z. B. die Franzosen für .ejn geistreiches und -ehrbares Volk halten, wenn man seine ausgezeichneten Männer als Einzelne ausnähme, wyd die übrige Masse, die in der Geschichte schon so oft die häßlichsten Leidenschaften und z. B. die Unfähigkeit, sich vom unsinnigsten Aberglauben und Wahnwitz . zu befreien, erwiesen hat, aller Tugend und Auszeichnung baar -erklärte? Unser Franzose bedient sich dieses Kunstgriffes im größten Umfange; wir wollen nur Eines anführen. Er spricht den Juden mit vielem Pomp Men philosophischen Geist ab. Zwar hätte es aus ihrer Mitte einen „Hillel, Philo und Spinoza" gegeben, aber dies wären ja nur Einzelne. Freilich hat er keine Ahnung, daß noch einige-andere philofophische Köpfe unter den Juden gewesen, ein Verfasser des Hiob und deS Predigers Salomonis ■ int Alterthume, die doch: nur Aus- ■ Msse bedeutsamer philosophischer Richtungen sein konnten, einen ^Saadja, Juda Halevi, Gabirol, Maimönides und so viele Andere bis auf Mendelssohn und Salomon Maimou — aber er würde Alle Diese auch nur für Einzelne erklären, und abwarten, bis jeder Dorfjude ein Philosoph geworden wäre, um dem jüd. Volke den philosophischen Geist zwar nicht zu, doch wenigstens nicht abzusprechen. Auch den wissenschaftlichen Geist spricht der Mann den Juden ab, und es ist nur zu verwundern, wie vor Kurzem sein Landsmann, Herr Du Mesnil- Marigny, das gerade Gegentheil behauptete, daß alle bedeutenden Lehrstühle jetzt mit Juden besetzt seien, auf den Bühnen die Stücke der Juden aufgesührt und beklatscht würden u. s. w., und daß die Juden ihren Kindern eine ausgezeichnete Erziehung geben. Wer von Beiden hat nun Recht? Ein anderer Kunstgriff ist, aus der dreitausendjährigen Geschichte der Juden Alles, was sich bemängeln läßt, -herauszuheben, alles Uebrige zu verdrehen , Hypothesen aufzustellen, und aus diesen heraus alle Thatsachen ,unter einander zu werfen, und dann triumphir-end aMzurufen: .Sehet, dies Volk war immer schlecht, und ist es noch heute. Die jüdische Geschichte so zu behandeln, ist ein gar leichtes Ding; -die Umrisse derselben sind Jedem bekannt, und eine gründliche Kenntniß kann man doch von einem Manne, wie unser Autor, der mehr zu thun hat, nicht .verlangen. Wir wollen Ms nicht darauf berufen, daß französische Schriftsteller aus der Geschichte anderer Völker in jüngster Zeit noch Schlimmeres gemacht, und in ihrem Hasse gegen Diese Ungeheuerliches zu Tage gefördert haben — denn ähnliche Sünden haben hundert deutsche und andere Schriftsteller an der Geschichte der Juden auch verübt. Solche Leute brauchen dann nur Das, wozu hie christliche Ausschließung und Bedrückung die Juden gemacht und mit Gewalt gezwungen hat, als von den Juden freiwillig ergriffen und aus ihrer Natur heraus betrieben darzustellen, zu übergehen, daß ihnen gar Nichts Anderes gestattet wurde, um ihnen das Schlimmste nachzusagen. Solches Verfahren nennen diese Leute Gerechtigkeit und Kritik, gewissenhafte Prüfung und freisinnige Beurtheilung. Wie gesagt, dies sind die Elemente, Ms welchen sich der Parteigänger des Herrn Gambetta, der moderne radicale Republicaner, seine Kritik der Juden zusammensetzt. Seine Motive findet er in feiner Partei, welcher eben nicht alle Juden cmgehören und ihre Mittel zu Gebote stellen, von denen er vielmehr keine geringe Zahl in anderen Parteien gewahrt. Seinen geistigen Standpunct