Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1872)
- Date
- 1872-10-08
- Page
- Seite 808 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226852-3226894--31048-3253953- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umtrieben neue Nahrung, ja einen Schein nationaler Berechtigung gewähren würde. Konnten wir auch die obigen Bedenken nicht unterdrücken , so blieben wir dennoch in unserem Wunsche, Ruhe und Frieden im Nachbarstaate erhallen zu sehen, nicht unthätig. Bereits waren an den östreichisch-ungarischen Agenten und Generalconsul in Bukarest Instructionen ergangen, welche ihn angewiesen hatten, dem jenseitigen Minister des. Auswärtigen das Vertrauen auszusprechen, das wir in die zunächst wohl im Interesse der rumänischen Regierung selbst gelegenen ernstlichen Bemühungen derselben setzten, die öffentliche Ordnung streng aufrecht zu erhalten, und in's Besondere alle Maßnahmen rechtzeitig zu ergreifen, die am besten die Israeliten zu schützen vermöchten. Rücksichtlich der Eventualität eines gemeinschaftlichen Einschreitens der auswärtigen Vertreter in Bukarest wurde auch Freiherr von Schlechta ermächtigt, sich seinen College» anzuschließen. Graf AndrLffy an Baron von Schlechta in Bukarest. Wien, den 15. Juli 1872. In Ihrem Berichte vom 19. v. M. haben wir Euer Hochwohlgeboren den Eindruck geschildert, welcher sowohl in den ministeriellen Kreisen als in den öffentlichen Organen von Bukarest durch die in letzter Zeit vielbesprochenen Nachrichten über ein bevorstehendes diplomatisches Einschreiten in Betreff der rumänischen Jsraelitenfrage hervorgerufen worden ist. Ich habe diesen Eindruck vorausgesehen. Um so wünschenswerter erscheint es, daß eine allmälige Emancipation der Bevölkerung mosaischen Glaubens, nach Maß, als eine solche sich als den Verhältnissen angemessen erweisen wird, durch die eigene Initiative der rumänischen Regierung in der Art vorbereitet werde, daß dieser civilisatorische Fortschritt nicht als das Ergebnis eines Druckes von Außen hin gestellt werden könne. Für eine so eingreifende Neuerung scheint jedoch Rumänien vorerst noch ein wenig empfänglicher Boden, und die betreffenden Maßnahmen werden wohl nur stufenweise und langsam in's Leben gerufen werden können, während es der fürstlichen Regierung selbst darum zu thun sein muß, den so zu sagen periodisch wiederkehrenden Beschwerden der europäischen Mächte-über die Jsraelitenverfolgungen fortan nach Möglichkeit den Anlaß zu entziehen. Hierzu würde es aber am Wirksamsten beitragen, wenn darauf hingearbeitet würde, die bedauerliche Aussicht auf Straflosigkeit zu verringern, die das heutige rumänische Strafverfahren den Urhebern und Mitschuldigen solcher Excesse bietet. Euer Hochwohlgeboren wollen den Gegenstand mit den Ministern des Fürsten Karl vertraulich im Sinne der vorstehenden Bemerkungen besprechen und über die Aufnahme berichten, welche ihre Andeutungen gesunden haben werden. Empfangen u. s. w. Bei diplomatischen Angelegenheiten darf man niemals vergessen, daß die Führung derselben mehr oder weniger' eine persönliche, aus den Ansichten des zeitweisen Leiters der auswärtigen Angelegenheiten fließende ist, und daß ein Nachfolger deffelben vielleicht ganz anders verfährt. Wir können daher die in den gedachten Actenstücken hervortretende Lauheit nicht dem Kaiserstaate, sondern nur dem Minister Andrässy zuschreiben. Zeitungsnachrichten. Deutschland. . Berlin, 27. Septbr. (Privatmitth.) Die Dinge, die jetzt auf kirchlich-staatlichem Gebiete vor sich gehen, dürfen wohl in Ihrem Blatte zu einigen Bemerkungen Veranlassung geben. Das Vorgehen gegen den Bischof von Ermeland, zusammentreffend mit den Maßnahmen des genfer Staatsraths, und die nicht zurückzuweisende Vorstellung, daß, genau genommen, was man dem Einen gethan, auch gegen Andere noch geschehen müßte, welche dieselbe Ursache dazu gegeben haben, zeigt uns die Kluft, welche gegenwärtig zwischen dem Staate und der Kirche vorhanden ist, und die darin sich aus - drückt, daß der Klerus neben der Verbindlichkeit der Staatsgesetze die Verpflichtung, den Kirchengesetzen noch mehr zu gehorchen, aufrecht erhält und unumwunden bekennt. Daß diese Kluft seit langer Zeit besieht, die Machthaber des Staates aber sie nicht sehen wollten, sondern überall der Kirche nachgaben, bis die Consequenzen ihnen zu stark entgegentraten, weiß Jedermann. Die cölner Wirren vor dem Tode König Wilhelm Ul. konnten die Augen öffnen; aber von der Regierung Friedrich Wilhelm IV. cm wurde eben die Kirche