Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1872)
- Date
- 1872-10-08
- Page
- Seite 805 (sequence 3)
- Language
- German
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Umständen. Hinsichtlich deS geselligen Verkehrs ist es schon ein Anderes; dieser hängt von der Gesinnung und Vorurtheilslostgkeit der Einzelnen ab. Wo er ein öffentlicher ist', wird wohl nur noch an wenigen Orten eine Differenz bestehen; der Familienverkehr ist dagegen ein viel geringerer, und besonders ist es das weibliche Geschlecht, welches von christlicher Seite sich dagegen sträubt. Ganz Anderes treffen wir, wenn wir aus dem Individuellen zum Allgemeinen hinüber treten. Einen zu langen Zeitraum hindurch waren die Juden als eine besondere, ausgeschloffene Masse betrachtet worden, als daß man schon jetzt dahin gelangen könnte, sie als einen integrirenden Theil des Volkes, als einen dem Gesammtleben amalgamirten Bruchtheil anzusehen sich zu gewöhnen; sie stehen im Geiste der Menschen immer noch als ein gesonderter Stamm, als ein für sich bestehendes Ganzes da. Es hat dies immerhin auch seinen Grund; denn die Verschiedenheit des religiösen Bekenntniffes, die doch auch äußerlich zur Erscheinung kommt, die Verheirathung nur untereinander, von welcher die Ausnahme selten ist, und manche noch bestehende Züge der Eigenart können die Gränzlinie nicht ganz verwischen lassen. Nun aber hat ebenfalls der Zeitraum allzulange gedauert, in welchem die Juden mit Haß und Vorurtheilen überhäuft worden sind, als daß bei der Mehrzahl der Menschen der Blick, mit welchem sie noch heute angesehen werden, ein ungetrübter sein sollte, der aus dem Gefühle der Billigkeit, aus einem gerechten, unparteiischen Urtheile hervorginge. Hierzu rechne man den Neid und die Mißgunst, deren Quelle wir oben bezeichnet haben, zu denen die Juden selbst öfters als wünschenswerth durch prahlerischen Luxus die Ursache hergeben, die aber überhaupt jedes Stückchen Brod, das ein Jude verzehrt, als eigentlich einem Christen zukommend ansehen; man füge die politischen und confessionellen Leidenschaften hinzu, die in der Gegenwart mit gesteigerter Kraft hin- und herstromen und welche die Juden aus reactionären, ultramontanen und pietistischen Gesichtspuncten als Feinde behandeln. So wird es völlig klär sein, daß noch immer eine, wenn nicht allgemeine, doch sehr verbreitete feindliche Meinung gegen die Juden besteht, die sich in halbrohen Ländern von Zeit zu Zeit durch Thaten, in den civilisirten Staaten durch Worte Luft.macht. Wir begegnen daher nicht selten in der Presse, in der Literatur den heftigsten Ausbrüchen der Gehässigkeit; es sind nicht blos die bestimmten Organe gewisser Parteien, welche uns mit Schmähungen überhäufen; sondern die bittersten Urtheile, die uns als einem besonderen Stamme die schmählichsten Eigenschaften nachsagen, treten nicht selten da auf, wo wir sie nicht vermutheten. So sind es besonders die Radikalen, welche es den Juden nicht verzeihen, daß sie nicht in den allgemeinen Brei sich auflösen lassen wollen, welchen Jene herzustellen gedenken, und die Freigeister, die auf sie losdonnern, weil sie an ihrem Gottglauben festhalten. Nun giebt es eben viele Schriftsteller, welche sich nicht öffentlich und laut zu diesen Ansichten bekennen, die aber im Geheimen ihnen verfallen sind, und nun gelegentlich ihren Zorn auf die Juden loslaffen, was ja für sie ein ungefährliches Vorgehen ist. Wir können hierbei sogar wahrnehmen', daß solche Männer, welche sich einer unparteiischen Beurtheilung des Judenthums befleißigen, die für die Wahrheiten und Verdienste desselben Bewunderung hegen, dennoch, sobald sie auf die Juden zu sprechen kommen, diese mit höchst ungünstigen Blicken betrachten. Die allgemeine Meinung ist daher den Juden durchaus^ noch nicht freundlich gesinnt; die gesammte Culturbestrebung der Juden und selbst der Umstand, daß fast alle Parteien ihr Contingent von ihnen erhalten haben, hat ihnen noch wenig Gunst verschafft, und wir begegnen viel freundlichem Urtheilen aus der Zeit vor der Emancipation, als nach ihr. Wir können selbst sagen, daß in der jüngsten Zeit sich diese feindliche Meinung verschärft hat. Eigenthümlich, aber erklärlich ist es, daß in diesem Augenblicke die heftigsten derartigen Angriffe, die bittersten Anfeindungen gerade in Frankreich an's Licht treten^ Dieses Land, in welchem die Gleichstellung der Juden am Ehesten und Vollständigsten, freilich auch ohne Vorbereitung und Kampf vor sich ging, und wo andererseits die verhältnißmäßig größte Zahl von Juden in 'den verschiedensten Zweigen des politischen, wissenschaftlichen und gewerblichen Lebens sich ausgezeichnet und ange--: meffene Stellungen eingenommen hat, birgt jetzt die gehässigsten Ansichten und läßt sie zum schärfsten Ausdruck kommen. Wir sagten, es sei dies erklärlich. Die französische Nation ist gegenwärtig von den furchtbarsten Leidenschaften durchwühlt, und zwar von solchen, welche den Verstand verblenden und das Herz abstumpfen, welche jedes billige Urtheil, jedes einfache und natürliche Ge-- fühl unmöglich machen. Jede Partei sieht in Allen; die nicht zu ihr gehören, einen Todfeind, und da der Dolch und das Petroleum ihre Rolle nicht spielen können^ speit man die giftigsten Worte gegeneinander aus. So behandelt .jede Partei alle anderen. Was n die Juden 41*