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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-10-08 · Heft 41 (8.10.1872) · p. Seite 804

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 41 (8.10.1872)
Date
1872-10-08
Page
Seite 804 (sequence 2)
Language
German
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—-diesbeweist die alexandrinisch-rörnische und die arabischspanische Periode — und daß es nicht den Juden, sondern der übrigen Welt an den Bedingungen gefehlt hat, unter welchen allein diese Wandelung vor sich gehen konnte; denn es kam vorzugsweise daraus an, ob die übrige Welt die Grundsätze der Gewiffensfreiheit und der Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Berücksichtigung der Confession fassen und verwirklichen konnte — wir sagen, es ist unnöthig nachzuweisen, wie die Juden in dieser Wandelung dieselben Eigenschaften bethätigten, die wir an ihnen aus der Geschichte erkannt haben. Sie wollen mitten in dieser Culturbewegung Juden bleiben, d. h. Bekenner des einzigen Gottes auf dem Boden des Mosaismus und der geschichtlichen jüdischen Entwickelung; sie widersetzen sich aber jener Nivellirung nicht, welche sich in Sprache, Sitte, äußerer Erscheinung und Geistesrichtung als ein Grundzug der Culturbewegung erwiesen hat; sie zeigen dieselbe Bereitwilligkeit in die veränderten Weltverhältnisse einzugehen, bte. sich vor ihnen aufgethan, die frühere Bahn zu verlassen und die neuen zu beschreiten, wie bei dem früheren Wechsel der Epochen; sie erwiesen dieselbe Befähigung, die Dinge zu erfassen und zu betreiben, die ihnen bis dahin so fern gelegen, und Bedeutendes auf Feldern, zu leisten, die ihnen so lange Perioden hindurch vermauert und verbarricadirt waren. Bei Allem dem läßt sich bis jetzt doch auch eine gewisse Uniformität nicht verkennen. Die tief eingewurzelte Gewöhnung an das commercielle Leben.,- gu welchem man die Juden gezwungen hatte, und das in Masse mit anderen Lebensberufen zu vertauschen so schwierig ist, in Verbindung mit dem großen Aufschwünge des Handels und der Industrie, die zu niegeahnter Höhe und Ausdehnung gelangten und die größten materiellen Vortheile darbieten, diese Factoren bewirken, daß die Juden, obschon sie ihr Contingent auf allen Lebensbahnen und für alle Arbeitszweige gestellt haben, doch noch in ihrer Mehrheit den commereiellen Gewerben angehören. Aber welche Entwickelung verfolgten sie auch hier! Aus dem kleinlichen Geldhandel, zu welchem man sie verdammt hatte, entfaltete sich das großartige Finanzwesen, welches den Staaten und der Industrie unerschöpfliche Quellen geöffnet, und die Mittel zu Riesenwerken dargeboten hat, wie sie alle vergangenen Zeitalter weit hinter sich zürücklassen. Von der Stufe des Kleinhandels, des Trödels und Hausirens erhoben sie sich zu Mitgliedern der die ganze Erde umspannenden Kaufmannschaft, welche die Products aller Länder nach allen Orten hin schafft,7,und dem^kleinsten wie dem größten Bedürfniß die nöthige Befriedigung bereitet, zu Mitgliedern des Fabrikwesens, das in immer neuen und ausgedehnteren Unternehmungen für alle Classen des Volkes das beschafft, was früher zu den Vorrechten des Reichen gehörte. Wenn so die Juden, wie sie an allen Arbeiten und Interessen des Culturlebens theilnehmen, vorzüglich in den verschiedenen Kreisen' des Finanzwesens, des Handels und der Industrie thätig sind, und die Vortheile dieser gewerblichen Gebiete mitgenießen, so wollen wir hier einen besonderen Zug nicht unerwähnt lassen, der von nicht geringer Wirkung ist. Viele Jahrhunderte im Dunkel und der Abgeschlossenheit der Ghetti lebend, der Verachtung und dem Hohne preisgegeben und Trotz bietend, ist in sehr erklärlicher Weise mit dem Wandel ihrer Verhältnisse und Stellungen ein starkes und empfindliches Ehrgefühl in die Seelen der Juden eingezogen. Nicht als ob sie in besonderem Ehrgeiz nach Ansehen und Macht strebten — dies kann ja nur bei einzelnen, hochgestellten Personen überhaupt der Fall sein —- vielmehr ergriff fast die gesammte Masse derselben das Streben, je in ihrem bürgerlichen Stande achtungswerth oder geachtet zu erscheinen und Etwas mehr zu gelten, als sie in der That seien. Sie geben daher viel auf ihre äußere Erscheinung, an ihrer Person wie an ihren Wohnungen, und suchen sich in ihrer Sphäre wenn nicht aus-, doch abzuzeichnen. Ebenso lieben sie es, den Schein der Bildung zu besitzen, selbst wo sie sich diese nur oberflächlich angeeignet haben. Die Wirkung hiervon ist, daß die Juden im Ganzen für viel begüterter gehalten werden, als sie in Wirklichkeit sind, und dies erweckt Neid und Mißgunst, und die Meinung eines Einflusses, ja einer Macht, wie sie dieselbe gar nicht besitzen. Hierzu kommt, daß jede Staffel, die ein Jude ersteigt, dem Auge des allgemeinen Publicums sichtbar wird, und so gering auch die Zahl derer im Ganzen ist, welche eine Etwas ausgezeichnete Stellung erlangten, wird sie doch hoch angeschlagen und weit überschätzt. Dies sind Elemente, welche bei der Beurtheilung der Stellung der Juden in der Gegenwart nicht übersehen werden dürfen. Welche ist diese Stellüng? Für die Individuen findet da, wo das Interesse und ein gesetzlicher Anspruch im Spiele ist, kein Unterschied mehr statt; Niemand zieht sich von einem Juden zurück, sobald er einen Vortheil von ihm hat, und das Maß des Rechtes ist in civilifirten Staaten kein verschiedenes nach Personen und

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