Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-09-24 · Heft 39 (24.9.1872) · p. Seite 781

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 39 (24.9.1872)
Date
1872-09-24
Page
Seite 781 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226852-3226892--31019-3253922
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

zum Tode verurteilt , haben am 3.0. Juli in Marseille die Todesstrafe erlittene So ereignete sich das Unerhörte gewiß zum erstenmale in dieser Stadt — daß der israelitische Eultus in der Person seiner amtlichen Vertreter eingeladen wurde, Elenden in ihren letzten Augenblicken beizustehen, ihresterblichen -Reste zu beerdigen. Seit dem Tode des Grvßrabbiners Dr. Cahen werden dessen Verrichtungen interimistisch von Herrn Israel Vidal, dem ersten VorbeLer und Confistorialsecretär, versehen. Dieses Interim, welches schon Jahre lang dauert, wurde durch seltsame und schreckliche Zwischenfälle durchkreuzt. Im vorigen Jahre mußte Herr Vidal dem unglücklichen Crsmieux, der wegen politischer Ursachen erschossen wurde, beistehen, und vor einigen Wochen waren es zwei Verbrecher, noch von jugendlichem Alter, an die er seine Tröstungen und Ermahnungen zu richten hatte. Er hat diese fromme Pflicht würdig erfüllt, trotz der unbeschreiblichen und doch so natürlichen Aufregung, deren ein israelitischer Geistlicher, welcher an solche Amtshandlungen so wenig gewöhnt ist, sich nicht erwehren kann. „Gegen vier und ein halb Uhr, erzählt der „Petit Marseillais", kamen Toledano und Sitbon an dem Orte der Hinrichtung an. '' Sie ahnten seit Sonnabend, daß sie nichts mehr zu hoffen hätten. An diesem Tage hatten sie den Besuch des Herrn Rabbiners (Borbeters) Lion erhalten, und hatten aus seiner Traurigkeit, seiner bekümmerten Miene geschloffen, daß die Stunde der Strafe bald für sie schlagen würde.... Ehe sie das Gefängniß in Äix verließen und nachdem sie von ihren Fesseln befreit worden, frugen die beiden Verurtheilten, ob Herr Vidal, der Rabbiner von Marseille, angelangt sei. Man bejahte ihnen dies und führte Herrn Vidal ein, der ihnen entgegenging. Bei seinem Anblicke brachen sie in Thränen aus und ergriffen seine Hand. Dann schienen sie wieder etwas Festigkeit zu erlangen. Ihr Abschied von den anwesenden Wärtern war sehr rührend. Der Zug setzte sich um ein Uhr Morgens in Bewegung. Mehr als fünfzehnhundert Menschen warteten. Die Neugierigen von Aix begleiteten den Wagen, in welchem die Verurtheilteu waren, bis auf die Chauffee. Die Fahrt ging ziemlich schnell vor sich. Herr Rabbiner Vidal saß neben den Verurtheilteu, während Herr Vorbeter Lion in einem besondern Wagen folgte. Während der sehr mühseligen Reise in einem Wagen, wo sich vier Gendarmen, die Verurtheilten und der israelitische Priester befanden, hörte der letztere nicht auf, einen bewundernswerthen Eifer zu zeigen. Er ermahnte Sitbon und Toledano zur Ergebung auf eine Weise, welche die beste Wirkung auf sie übte. Die Unglücklichen stellten Fragen aller Art über die Weise ihres Begräbnisses und den Ort ihrer Hinrichtung. - Sie theilten ihre letzten Bestimmungen Herrn Vidal mit, der ihnen die getreue Befolgung ihres Willens zusagte. Bisweilen unterhielten die Verurtheilten sich arabisch. Sie schienen in bestem Einklänge unter sich und richteten keinerlei Borwurf an einander. Bevor man ihnen die Arme band, ließ man sie einen Augenblick ihrem Wunsche entsprechend schreiben. Sitbon faß auf einem Stuhle und füllte eine Taschenbuchsseite aus, während Herr Rabbiner Vidal ein Licht hielt, um ihm zu leuchten. Man bemerkte dabei, daß der Arm des würdigen Mannes durch lebhaftes Zittern bewegt war. Toledano schrieb gleichfalls an einem Tische mit arabischen Buchstaben. Sitbon und er blieben dann jeder einen Augenblick im Zwiegespräch mit Herrn Vidal, dem sie ihre besondern Aufträge erneuerten ... Das Journal „Egalits" fügt hierzu die folgenden Einzelheiten: „Der Gefängnißwagen langte etwa zwanzig Minuten vor fünf Uhr auf dem St. Lazarusplatze an. Sitbon stieg zuerst herunter. Er ging festen Schrittes vor, küßte Herrn Vidal, und auf dessen Aufforderung auch den Toledano. Ein tiefes Schweigen verbreitete sich. Man hörte das Messer fallen, dann fast sogleich roth von Sitbon's Blut sich wieder erheben. Tausend Entsetzensrufe antworteten dem Geräusche, welches das schneidende Instrument bei seinem Falle auf einen menschlichen Kopf hervorbrachte. In weniger Zeit als nöthig ist, um es .zu schreiben, wurde Toledano auf das Bret gelegt, und das Messer fiel zum zweiten Male. Sofort machte man einigen Personen, die in mehreren Wagen warteten, ein Zeichen. Es waren die Mitglieder des israelitischen Wohlthätigkeitscomits's. Die Körper wurden ihnen überliefert und in einen Wagenkasten gesetzt, der im Galop nach dem Friedhofe abfuhr, escortirt von der Gendarmerie und der Reiterei. Auf dem Friedhofe wurden die Leichen Sitbons und Toledano's auf einem von allen andern Gräbern völlig gesonderten Theile beerdigt. Herr Vidal, seine Aufregung bemusternd, hat bis zum letzten Augenblicke seine schmerzliche Pflicht, erfüllt, und hat die beiden Leichen, die einige Augenblicke früher der Scharfrichter ihm überliefert hatte, zu ihrer letzten Wohnung geleitet. Sitbon und Toledano haben in dem verhängnißvollen Augenblicke kein Wort gesprochen...." Wenn irgend etwas das Schreckliche solcher Schilderungen und den der Ehre Israels zugefügten Flecken mindern kann, so ist es der Umstand, daß - die beiden Verbrecher gestorben sind, ohne wie so viele andere der ' Gesellschaft eine letzte Herausforderung zuzuwerfen, ohne aus der höchsten Strafe ein höchstes Aergerniß zu machen. Das Trauerspiel in Marseille, welches in den Zeitbüchern unseres Glaubens kein Präcedens hatte, wird ohne Nachahmer bleiben, und der Abscheu vor Blutvergießen wird

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.