Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1872)
- Date
- 1872-09-24
- Page
- Seite 773 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Söhne mit den Franzosen zusammen auf den Schlachtfeldern geblutet , mit den maßgebenden französischen Staatsmännern Politik getrieben, in französischen Schulen und Pensionaten ihre Ausbildung, genossen, in den aristokratischen französischen Salons ihre gesellschaftliche .Tournüre sich angeeignet? Oder seit welchem rechtsgültigen polnischen Staatsacte sind die Juden Polens dem Staatsganzen so verschmolzen worden, daß sie sich wie die Israeliten anderer Länder berechtigt fühlen dürfen, die Vergangenheit ihres Landes mit ihrer eigenen zu identificiren? Oder endlich haben sie selbst von der von Frankreich ausgegangenen Emancipation der Juden so viel profitirt, daß sie etwa über der unbegränzten freudigen Dankbarkeit gegen dasselbe für das auf diesem Gebiete Errungene unfähig geworden sind, ohne leidenschaftliche Voreingenommenheit Thatsachen, Zustände und Charaktere zu prüfen und mit unparteiischem Blick zu würdigen? Betrachten wir nun in aller Kürze die Beziehungen unserer polnischen Glaubensgenossen zu Deutschland. Wir wollen hier ganz davon absehen, wie alljährlich Hunderte von Judenkindern, die als Ueberläufer oder nicht als solche nach Deutschland kommen, dort die förderlichste materielle und geistige Unterstützung finden, in den renommirtesten Werkstätten und Handlungshäusern, durch den Besuch der niederen und höheren Unterrichts- und Bildungsanstalten oft zu den tüchtigsten Menschen, zu Gelehrten, Künstlern rc. herangebildet werden und dadurch sich und ihren Angehörigen zum Glücke , zur Freude und zur Ehre gereichen; wollen davon absehen, daß die deutsche Bildung und Cultur den Juden Polens von jeher weit zugänglicher gewesen ist und weit größere Dienste geleistet hat und noch gegenwärtig leistet*) als die französische; wollen auch nicht von den engen und verwandtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen sprechen, in denen unsere hiesigen Glaubensgenossen vorzugsweise mit den deutschen stehen, — obgleich wir meinen, daß jedes einzelne dieser Momente auch schon hinreichen sollte, das *) Als ganz kleines Beispiel wollen wir hier nur das anführen, daß der hiesige „Israelit" seine Leser vorzugsweise aus Werken deutscher Autoren, wie Kompert, Graetz, Philippson rc. belehrt und unterhält, während wir Belehrung- und Unterhaltungsstoff, französischen Schriftstellern entlehnt, seither nur wenig oder gar nicht in ihm gefunden haben. Diese Thatsache allein, so unbedeutend sie scheint , spricht laut genüg. Corresp. Gerechtigkeit- und Dankbarkeitsgefühl gegen Deutschland in den Herzen der Israeliten Polens etwas mehr zu wecken und zu stärken. Was uns aber bedeutend beachtenswerther scheint, ist dies: Bon Deutschland ist jener großartige Procdß der sittlichen und religiösen Wiedergeburt, der geistigen Auferstehung und Neugestaltung des Judenthums ausgegangen; dort wird von Mendelssohns Zeit an bis auf die Gegenwart durch eine große glänzende Reihe der ausgezeichnetsten Männer an der Hebung und Belebung desselben durch Pflege der Wissenschaft, der jüdischen insbesondere, durch Verbesserung des Cultus, des Religionsunterrichts, der Gemeindeorganisationen, durch Gründung von wissenschaftlichen Instituten, die speciell jüdischen Zwecken gewidmet sind, mit außerordentlichem Erfolge gearbeitet und dadurch dem Judenthume eine schönere Zukunft bereitet. Die Juden aller Länder genießen mittelbar und unmittelbar die Früchte dieses mühseligen Strebens und Schaffens, — wo bleibt der Dank dafür? Wo bleibt der Dank gegen Deutschland, in und von welchem allein die geistige Emancipation der Juden und des Judenthums ausging, von welchem einzig und allein, wegen des dort vorherrschenden tritischcn Geistes in der Wissenschaft, dieselbe nur ausgehen konnte? Man sollte meinen, daß wir Juden, die wir von jeher so viel unter dem blinden Vorurtheil, dem verstockten Hasse, der Verkennungs- und Entstellungsnmth unserer offenen und versteckten Gegner gelitten haben und noch leiden, doppelt Ursache hätten) gegen Freund und Feind streng gerecht und unparteiisch zu sein; man sollte meinen, daß ein Organ, welches specifisch jüdischen Interessen gewidmet ist, vor allem die strengste Wahrheit und Gerechtigkeit in besagter Richtung fick zum heiligsten Grundsätze machen müsse, und dies um so mehr, als die Interessen der Juden aller Länder doch mehr oder weniger solidarisch sind. Wie aber verfährt Herr Pelthn, der Redacteur des hier erscheinenden „Israelit"? Nun, genau so wie seine Collegen von der politischen Presse! Wo nur irgend ein schmuziges deutsches Winkelblättchen, irgend ein schäbiger deutscher Spießbürger, irgend ein untergeordneter deutscher BeamteviPch eine Spur von Rischus gegen unseren Glauben öder gegen unsere Glaubensgenossen erlaubt — dem Scharfblick des „Israelit" wird solches nicht entgehen; während er umgekehrt gegenüber den gravirendsten Momenten und den schreiendsten Acten