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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-09-17 · Heft 38 (17.9.1872) · p. Seite 746

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 38 (17.9.1872)
Date
1872-09-17
Page
Seite 746 (sequence 4)
Language
German
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und Frömmigkeit, und hier trat oft genug Autorität gegen Autorität in die Schranken. Das Bild, welches wir hier entwerfen, würde unvollständig sein, wenn wir nicht noch einen Zug im jüdischen Stamme betonten, nämlich den der Uniformität. Allerdings haben wiederholt geschichtliche Verhältnisse die Juden genöthigt, sich einer einzigen gewerblichen und geistigen Richtung zu widmen; die Menschen oder die Umstände gestatteten ihnen nur einen einzigen Weg. Auch zeigten sie sich wohl, wenn man ihnen Freiheit gestattete, geneigt und geeignet, in Wissenschaft, Kunst und Gewerbemannichfache Wege zu beschreiten. Aber dies doch immer nur als einzelne. Selbst zur Zeit der Selbstständigkeit, des freien Volkslebens war die Entwickelung im jüdischen Stamme eine uniforme, eine im großen Ganzen bestimmte, einseitige, nach einer Richtung laufende, ohne Mannichfaltigkeit der Bestrebungen, ohne Verschiedenartigkeit der Tendenzen. Diese durch die ganze Geschichte des jüdischen Stammes reichende Erscheinung darf dennoch nicht anders als eine im Volkscharakter liegende Thatsache betrachtet werden. (Fortsetzung folgt). Literarischer Wochenbericht. Vom Rheine, im Aug. „Titanen und Pygmäen; Wanderungen auf wisienschaftlichen, socialen und politischen Gebieten, von Or. Leonhard Freund. Berlin 1871." Ein merkwürdiges Buch: originell, anziehend, gelehrt, viel Wahres und Beherzigenswerthes enthaltend, und doch, wie wir fürchten, ohne bleibende Wirkung! Anknüpfend an die Charakterisirung von des bekannten romantischen Publicisten Franz von Baader Ansichten über Kirche, Staat und Gesellschaft, behandelt der Verfasser die mannichfachsten socialen Probleme der Gegenwart. Hier ist kein bestimmtes Eintheilungsprincip zu bemerken, keiner Sache wird auf den Grund gegangen; bald hier bald dort wird ein Gegenstand aus dem Dunkel hervorgezogen, mit dem scharfen Lichte des Talentes, der Einsicht und vielseitigen Wissens beleuchtet. Aber nicht Flüchtigkeit und Mangel des Zusammenhanges sind es, welche dem in vielen Einzelheiten so trefflichen Buche die tiefere Wirkung rauben werden, sondern vielmehr der Umstand, daß uns des Verfassers eigene positive Ansichten nirgends in irgend greifbarer Gestalt angegeben werden. Seine scharfe und . oft gerechte Kritik reißt an dieser und jener Stelle ein; aber was er dafür aufbauen will, erfahren wir nicht, und so finden wir uns schließlich anstatt in einem trotz vieler bekannter Mängel warmen und heimischen Gebäude in einer Ruine wieder, aus der Behaglichkeit und Sicherheit verbannt sind. Der Verfasser ist gegen unsere socialen, politischen und wissenschaftlichen Zustände mit einer Bitterkeit erfüllt, die er nicht überall zu rechtfertigen vermag. Damit soll, wie wir erwähnten, nicht geläugnet werden, daß er in vielen Dingen Recht hat, z. B. in der Verwerfung von Rudolf Gneists blinder Vorliebe für den aristokratischen Schematismus englischer Selbstverwaltung (der ganze Abschnitt, S. 156 — 194, gehört zu den besten in dem Buche) und in der Bekämpfung von Treitschke's phrasenhafter Erfolgdienerei und Großstaatssucht. Es liegt der Aufgabe dieses Blattes fern, sich eingehender mit den Einzelheiten von Dr. Freunds Buche zu befassen; wir wollen nur die Paragraphen hervorheben, wo er lebhaft gegen die in Deutschland (und auch anderswo) leider unsterblicken consessionellen Vorurtheile und Beschränktheiten eifert. Er kommt auf diesen Gegenstand, weil Joerg in seiner Charakterisirung Lassalle's von demselben als „dem Juden" spricht. Während Joerg sich mit diesem seine Meinung nur andeutenden Epitheton begnügt, spricht Jakob Venedey offen aus: „An den agitatorischen Theorien von Marx und Lassalle trägt ihre jüdische Abstammung ihre Hauptschuld. Mit Recht weist Herr Freund darauf hin, daß unmöglich die ehemalige Religion dieser später abtrünnigen Juden den mindesten Zusammenhang mit ihren socialen Ansichten haben könne. Giebt es nicht etwa auch christliche Socialisten- Gehören nicht die Vorkämpfer für eine neue Organisation der Gesellschaft in Deutschland, Frankreich, Rußland, England den verschiedensten Glaubensgenossenschaften an? Der Verfasser bemerkt ebenso, wie vor kurzem Heinrich von Sybel in einem zu Elberfeld gehaltenen Vortrage, daß gerade die Abstammung von Laffalle und von Marx aus der wohlhabenden jüdischen Bourgeoisie sie den socialen Umsturztendenzen feindlich hätte stimmen müssen. Dann bespricht der Verfasser die bekannten judenfeindlichen Aeußerungen Virchows, Robert von Mohls, Richard Wagners. Es freut uns, daß er in seiner Erwiederung niemals in pöbelhaftes Schimpfen verfällt, rein sachlich bleibt und den sonstigen Verdiensten jener bedeutenden Männer volle Anerkennung zollt. Auch

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