Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1872)
- Date
- 1872-09-17
- Page
- Seite 745 (sequence 3)
- Language
- German
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-Muß 'hinausgeht. Da dies nicht mehr Erfolg einer flüchtigen Zeitrichtung, sondern fortschreitend eines ganzen Jahrhunderts ist, so ist es ebenfalls als eine geschichtliche Thatsache zu betrachten. Widersprechen sich nun diese Leiden Thatsachen? Wir glauben nicht. Denn noch jetzt will der Jude Jude bleiben, bringt dafür Opfer, und ist bereit, erforderlichen Falles noch mehr zu bringen. Nur daß er das Judesein anders versteht, als früher, daß sich also seine innere Ueberzeugung, fein religiös sittliches Bewußtsein modificirt hat. Diese große geschichtliche Wandlung kann aber in ihren Ursachen und Wirkungen nicht verstanden werden, ohne daß wir in die Vergangenheit zurückschauen. Wer weiß es nicht, daß der jüdische Stamm in seinem Ursprünge ein Hirten- Dvlk war, das, aus Jnnerasien nach der Küste des Mittelmeers wandernd, erst in Aegypten durch den Zwang, dann in Kanaan als feste Ansiedler sich zu einem Ackerbau treibenden Volke umwandelte. Sobald es aus den Gränzen dieses Landes hinaus geschleudert wurde, war es aus diesem seinem bisherigen Wesen hinaus gebannt und wandelte sich zu einem industriellen Volke, das, in seiner großen Mehrheit in Städten wohnend, theils Handwerk und Manufactur, theils Handel trieb. Aber auch hierin konnte es nur einige Jahrhunderte verbleiben. Die Herrschaft des Christenthums und des Islam , die Völkerwanderung und die Kreuzzüge, warfen es auch aus dieser Sphäre hinaus und nvthigten es zu einem lediglich Handel treibenden Volke zu werden, und zwar schließlich vorzugsweise in Geld- und Kleinwaarenhandel. In diesem so bestimmt ausgeprägten Wandel zeigt sich überall, daß der jüdische Stamm die Fähigkeit besaß, sich der materiellen Nothwendigkeit zu fügen, sich dem zu widmen, was das Geschick ihm anwies, und darin Bedeutendes zu leisten. Er ging nicht unter, weil er nicht mehr frei mit seinen Herden umher ziehen konnte, .ging nicht unter, weil er den Boden nicht mehr bearbeiten durfte, der ihm entrissen worden war, und den man ihm anderswo zu erwerben nicht gestattete; ging nicht unter, als ihm die Novellen der römischen Kaiser alle politischen, und die Beschlüße der christlichen Concilien, so wie die spätern Zunftgesetze alle gewerblichen Kreise verschlossen; er ergriff stets das rettende Bret, das ihm bei seinem Sckiffbruche übrig blieb , und wußte es bald wieder zu einem tüchtigen Fahrzeuge zu erweitern und um zu gestalten. Als er als Hirt nach Aegypten kam, lobte man ihn als solchen und suchte ihn zu verwerthen; in Palästina bildete er sich zu einem mustergültigen Ackerbauer aus, und die Erzeugnisse sein'es Fleißes gingen nach dem Markte von Tyrus, und von diesem rn ent!- legene Länder:; r selbst die feindseligen Decreteden christlichen 'Cäsaren fügen Honig -der Anerkennung runden We-rmuth her Ausschließung, den ihnen -die -Pfaffen -für die Juden abrangen. Was diese dem Mittelalter/als Kaufleute, als Vermittler des Ep- und Imports nützten, brauchen wir kaum zu bemerken. Was sie damals leisteten, zeigt sich m der immer erneuten Verfolgung, Plünderung und Bedrückung, die man an ihnen übte , ohne-daß-sie außer Stande gesetzt wurden, den erlittenen Schaden immer wieder, auszugleichen. Die Welt wurde von ihrer Befähigung und .Tauglichkeit so durchdrungen-daß .die Furcht vor -ihrer Concurrenz am meisten -dazu beitrug, die Ertheilung aller bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte an sie zu verhindern, - - Hierzu wollen wir noch eine andere. Betrachtung Hinzufügen, So ungewöhnlich stark die Ausprägung der Nationalität im jüdischen Stamme war, ebenso ungewöhnlich schwach war in ihnen die Tendenz zu irgend einer Centr.alisati.on, K-yy. Ursprung an trennte--sich die kleine Nation in zwölf, eigentlich dreizehn Stämme; nach vielen Jahrhunderten gab sie -dem Drange der Umstände nach und schuf sich in der Monarchie eine Centralgewalt. Schon bei dem Tode des ersten Königs war sie eine Zeit lang gespalten, nach dem Tode des dritten blieb sie dies für immer. Eine Folge wai spülender Verlust von zehn Stämmen, die aus der Geschichte verschwanden. Dem Reste gewährte Cyrus vergebens die Erlaubniß zur Rückkehr; ein großer Theil blieb zerstreut ln den Ostländern. Wir brauchen hier auf die weitere' Geschichte der Zerstreuung nicht wieder einzugehen. ' Sie hat nicht blos eine äußerliche, sondern auch eine "innere Seite, die darin besteht, daß jede Gruppe, groß öder klein, das Verlangen nach Selbstständigkeit empfand und daher darnach strebte, alle ihre geistigen und materiellen Bedürfnisie aus eignen Mitteln zu befriedigen. ' Schott die ägyptischen Juden unter den Ptolemäern errichteten sich einend eignen Tempel, um von Jerusalem unabhängig zu sein; noch blühte die palästinensische Schule, als die babylonische entstand und schließlich jene überragte. Wie schnell suchten die Juden selbst sich der Macht des Resch Glutha zu entziehen und diesen zu stürzen. Jeder Versuch einer Cöncentrirung selbst in einem' beschränkten Raume wurde von den Juden während des Mittelalters zurückgewiesen. Jede Gemeinde bildete einm' selbstständigen Körper. Als Autorität galt nur GelehrsäiMt 38*