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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-09-03 · Heft 36 (3.9.1872) · p. Seite 721

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 36 (3.9.1872)
Date
1872-09-03
Page
Seite 721 (sequence 19)
Language
German
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schnell entzieht. Es /mag immerhin ein Redner es für ein glückliches Ereigniß ansehen, wenn ihm hier und da ein durchschlagendes Wort zugefloffen ist, und er mag es dann immerhin so gruppiren, daß es in seinem ganzen Wertheerscheint und seine volle Wirkung macht; aber weiter gehe er nicht. Mit Einem Worte, sein Streben gehe dahin, stets charakteristisch und nachdrücklich, niemals aber auffällig und gesucht zu sprechen. Die Rede sei energisch, männlich, durchaus nicht verschwimmend undweichlich. Offenheit und Freimuth müssen sich in der Sprache des Redners überall kund thun, d. h. von selbst, nicht etwa durch immer wiederholte Bersicherungen, die schließlich den Verdacht des Gegeutheils erwecken. Wehe, wenn der Redner sprechen, aber nichts aussagen, nichts unumwunden darthun, vielmehr umgehen und verschleiern will! Dies sind so, werther Freund, einige Rathschläge, die ich über den Charakter der Sprache, wie ich ihn der Rede gegeben wünsche, einem jungen Redner an's Herz legen würde, und hierzu lasten Sie mich nur noch eine besondere Bemerkung machen. Wenn wir die Dramen Lessings, Goethe's und Schillers mit denen Shakespeare's vergleichen, so fällt es uns auf, wie der letztere Tragik und Humor überall neben einander erscheinen, zum Theil sich geradezu verschmelzen läßt, während unsere deutschen Dichter dauernd in ihrem Pathos bleiben. Sieht man nun auf die englischen und deutschen Redner, so gewahrt man, daß die besten englischen Redner in gleicher Weise mit dem Ernste den Humor zu vereinigen suchen, und mit großem Glücke auf dem Boden des strengsten, ja, wo es der Gegenstand mit sich bringt, eines finstern Ernstes den Humor im Dienste ihres Gedankens und Zweckes spielen lasten. Es versteht sich , daß hier nur von, der profanen Beredsamkeit die Rede ist. Ich selbst habe einmal eine der meisterhaftesten Reden Cobdens übersetzt, welche von hinreichender Wärme getragen, doch einen solchen kaustischen Witz entfaltete, daß die Zuhörer mehrere Male zu einem unermeßlichen Jubel auflachten. Es kann nichts Wirksameres geben, als mitten in den Ernst, der den Menschen fesselt, einen ächten Humor zu bringen, der den Ernst doch nicht unterbricht oder doch aufhebt, sondern mit diesem in der Wirkung übereinstimmt. Dann, verbindet sich mit der Ueberredung eine solche Befriedigung, daß deren Herrschaft eine fast unerschütterliche wird. Ob der Deutsche zu einem gleichen Vorgehen geschickt sei, wage ich weder zu behaupten, noch zu verneinen. Der Versuch ist gefährlich, denn es fragt sich, ob der Redner beide Richtungen in seiner Gewalt hat, und die Brücke von der einen zu der anderen immer wieder zu finden vermag. Es ist leichter vom Pathos zum Humor überzugehen, als umgekehrt, und dann möchte eben die Rückkehr versperrt sein. Ich will daher den geschilderten Weg nicht weiter empfehlen, so großartig es auch wäre, ihn zu beschreiten. Denn, um von hier ab auch noch einiges über die, Sprache von ihrer mehr materiellen Seite zu sagen, die Mannichfaltigkeit ist, wie in allen Dingen, so auch in der Sprache oes Redners ein nothwendigeS Erforderniß. Eintönigkeit, Einförmigkeit schläfert ein. Dies lasse sich der Redner hinsichtlich der Satzbildung gesagt sein. Eben so wenig ist die Aufeinanderfolge von lauter kurzen Sätzen, als von verschlungenen Phrasen rathsam. Beginnt der Redner jeden Satz mit einem „wenn", „insofern", „obgleich" u. s. w. und schachtelt in seinen Hauptsatz eine . Menge Neben- und Relativsätze, so wird er seinen Zuhörer ermüden, und bietet ihm eine schwerverdauliche Speise. Einen Augenblick der Unaufmerksamkeit muß dieser mit der Unverständlichkeit langer Perioden bezahlen. Wie gesagt, eine Abwechselung längerer und kürzerer Sätze, die rechte Placirung einer wohlgebauten Periode neben kürzeren, schneller verständlicheren ist das Richtige. Ueberhaupt muß die Sprache lebhaft sein. Diese Lebhaftigkeit wird aber besonders durch den Wechsel der Satzform hervorgebracht.' Frageweise, Ausrufung und einfache Darlegung muffen mit einander abwechseln. Besonders eindringlich ist am rechten Orte die Frageweise; sie zieht den Hörer mitthätig herein, appellirt gewissermaßen an dessen Antwort, die doch zugleich als sicher vorausgesetzt wird. — Die deutsche Sprache setzt dem Redner mancherlei Schwierigkeiten entgegen. Die-vielen Hülsszeitwörter, der Mangel an Participialconstructionen (die Versuche, sie einzuführen, sind immer gescheitert), der Ersatz für sie durch Relativsätze, die Eigenheit der deutschen Sprache die unbestimmteren Begriffe den bestimmteren voranzustellen, die Trennung des Participiums vom Hülfszeitwort, so daß die Bezeichnung der eigentlichen Handlung erst an das Ende des ganzen Satzes kommt, alles dies macht die deutsche Rede schwerfällig, schleppend und schwer verständlich. Diese Uebelstände möglichst zu vermeiden oder doch zu vermindern , muß der Redner stets bestrebt sein. Wo er kann, vermeide er wenigstens die Anhäufung von Hülfszeitwörtern; er trenne von diesen das Participium oder den Infinitiv ja nicht zu sehr, und vereinfache den Periodenbau, so viel es geht. Eine längere Reihe einsilbiger Wörter muß vermieden werden. Bon künstlicher Wortstellung bin ich kein Freund. Die Vermeidung gleichklingender Wörter kann übertrieben werden, die Verständlichkeit muß hierbei entscheiden. Auch für die Sprache ist zu empfehlen: Kunst, aber keine Künstelei! Hiernach wird sich eine gewisse rhythmische Bewegung sehr empfehlen, welche mit dem Affecte, der zum Ausdrucke kommt, wechselt, also die Hebung und Senkung, die Aufeinanderfolge der Längen und Kürzen zu rascherem oder langsamerem Gange ordnet, und so ist zum Schluffe ein gewisser Abklang der Worte und Silben sehr angemessen. Allein in diesem allen muß eine gewisse Natürlichkeit herrschen und jede Künstelei vermieden werden, die stets nur sehr fraglicher Erfolge sich rühmen kann. Einiges noch hierüber in meinem nächsten Briefe über die Vortragsweise.

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