Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1872)
- Date
- 1872-09-03
- Page
- Seite 720 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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vor dem Hörer durch vollklingenve Phrasen zu glänzen, wirb diesem viel zu klar, um nicht bald Ueberdruß daran zu empfinden. Bei dem schwülstigen Redner weiß der Zuhörer bald nicht mehr, was jener eigentlich will, und wird dadurch um so eher müde. Dagegen muß dem Redner ein gewisser Schwung einwohnen, seine Sprache muß schwungvoll sein. Der Adel und die Correctheit des Redners prägen sich zunächst in dem edlen und correcten Schwung seiner Sprache aus. Was diesen Schwung ausmacht, ist vor allem die gehobene Auffassung, die dem Gemeinen und Gewöhnlichen abgewandte, welche sich in der gehobenen und ungewöhnlichen Ausdrucksweise dem Hörer mittheilt. Es ist eben wahr, daß jeder Redner eine Absicht hat, die Absicht, die Hörer für seinen Gegenstand einzunehmen und zu begeistern, sie an demselben zu erfreuen und zu erheben. Diese Absicht bringt ihn auch dazu, in der Gestaltung seiner Rede, in der Zusammenfügung seiner Worte dieselbe Absicht zu verfolgen. Falsch ist es demnach, daß die Worte nicht absichtlich gewählt, Die. Sätze absichtlich gebildet, die ganze Rede absichtlich gestaltet werden solle. Der Redner muß daher die Absicht haben , seine Worte aus dem Gewöhnlichen, aus dem Einfachen und Nüchternen heraus und zu einer Höhe zu erheben, zu welcher er auch seine Hörer auf den Schwingen seiner Rede hinauftragen will. Er bedarf hierzu auch der mit Bildern geschmückten Sprache, mit Bildern , welche den Verstand durch Veranschaulichung befriedigen, die Einbildungskraft reizen und beschäftigen, und durch Nebenvorstellungen wärmere Töne im Herzen anschlagen. Feilicb trifft man hier leicht wieder auf eine Klippe, an welcher man scheitern kann. Denn nichts ist verführerischer als durch die Menge und Mannichfaltigkeit der Bilder dem Hörer die Fülle der dem Redner zu Gebote stehenden Worte glänzend zu zeigen. Hierdurch aber wird nichts weiter erreicht als ihn zu überbürden, zu betäuben, ihm abermals statt des wohlthätigen Lichtes eine Dunstatmosphäre um das Haupt zu breiten. Diese Warnung wird denjenigen Redner, der sich nicht bereits in eine Manier verloren hat, dazu bewegen, die überwuchernden Ranken an dem Rebstocke seiner Rede abzuschneiden, d. h. die übermäßigen Bilder zu entfernen; allein die Hauptsache liegt doch vielmehr in der Wahl der rechten, dem Geiste zutreffend erscheinenden Bilder, und dazu gehören besonders leicht faßliche llind übersehbare Bilder, die keiner zu weitläufigen Malerei bedürfen, nicht allzu gebräuchlich, aber auch nicht zu weit hergeholt, dem H^er wohl ganz fremd und unverständlich sind. Das bündige, zutreffende Wort ist Sache der Wissenschaft, des wissenschaftlichen Lehrbuchs und des Unterrichts:, die Rede will mehr. Da sie überzeugen, überreden will, so muß sie bei dem einen Gedanken etwas länger verweilen, ihn von allen Seiten beleuchten, seinen Eindruck verlängern, und dann erst zu einem anderen .übergehen, den sie vielleicht flüchtiger behandeln kann. In ihrem Streben, alle Kräfte des Geistes für den Gegenstand zu interessiren und in Bewegung zu setzen, darf sie mit dem Worte nicht kargen, und muß bisweilen wie im Parallelismus der Hebräer denselben Gedanken mit,verschiedenen Worten zweimal ausdrücken. Also karg 'und sparsam darf der Redner mit dem Worte nicht umgehen. Aber dies kann gar leicht wiederum zu dem entgegengesetzten Fehler verleiten, zu einem Wortschwall, der um so unerträglicher wird, je reichlicher er fließt. Obschon also die Rede einer gewissen Fülle des Wortes sich erfreuen soll, so darf doch kein Wort überflüssig sein. Diese Regel beachte der Redner wohl. Es muß in seiner Rede kein Wort vorhanden sein, das nicht seinen bestimmten Zweck habe, einen Zweck, dessen im Nothfalle der Redner sich auch bewußtmachen kann. Es versteht sich, daß die Zweckmäßigkeit der einzelnen Ausdrücke mehr im Gefühle des Redners liegt, als daß sie sich ihm begriffsmäßig und klar vorstelle. Allein da der Hörer eben so für jedes Wort, das er vernimmt, ein Gefühl oder einen Begriff der Zweckmäßigkeit in sich geweckt fühlt, so muß der Reder dafür sorgen, daß dies nicht in überflüssiger Weise geschieht oder der Hörer zum Bewußtsein der Unnöthigkeit der gebrauchten Worte komme. Die Geschichte der Beredsamkeit zeigt uns, daß die klassische Eloquenz stets in den Rednern gefunden wird, welche eben so mächtig wie mäßig im Strome ihrer Rede waren, und ihre Worte weder in Kargheit noch in Ueberfluß, sondern stets mit Zweck und Nachdruck verwandten. Die karge Rede ist nur dem rohen, die Ueppigkeit derselben dem verweichlichten Zeitalter eigen. Das bloße Spielen mit dem Worte, das Prunken und Schimmern mit demselben ist eben so wenig wahre Beredsamkeit, als die natürliche oder erzwungene Kürze und Knappheit. Das führt mich zu dem Capitel der sogenannten Kraftausdrücke. Es ist natürlich, daß die Zuhörer von einem besonders zutreffenden Schlagworte, von einem stark bezeichnenden, charakterisierenden Ausdrucke überrascht, betroffen, und wenn seine Wahrhell ihnen einleuchtet, davon eingenommen werden. In einer Zeit, wo so außerordentlich viel geschrieben und gesprochen wird, da bedürfen die Zuhörer eines Reizmittels, welches am ehesten in solchen drastischen Kraftausdrücken gesunden werden kann. Leicht wird sich das Publicum davon fesseln lassen und dem Redner dafür zujauchzen. Dies verleitet dann, nach solchen Kraftausdrücken zu suchen, zu jagen, und schließlich seine ganze Rede aus dergleichen zusammen zu schweißen. Nicht blos hervortretende einzelne Ausdrücke, sondern die ganze Redewelse soll sich in solchen markanten Bezeichnungen und in frappierender Form zusammensetzen. Man geräth hier dann in eine Manier, die eben so geschmacklos ist, wie sie auch das Publicum nicht lange an sich zieht. So wenig wie ein und dasselbe Gewürz alle Speisen schmackhaft macht, und schließlich, in starker Portion angewendet, anwidert, so auch solche stark gewürzte Kraftspeisen der Rede; die incorrecten, selbstfabricirten und sonderbar gefügten W.orte_fallen zuletzt wie Hammerschläge auf den Hörer, der sich ihnen