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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-09-03 · Heft 36 (3.9.1872) · p. Seite 719

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 36 (3.9.1872)
Date
1872-09-03
Page
Seite 719 (sequence 17)
Language
German
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Zeitung des Zudenthums FeMelon-Leilage M llr. 36. Leipzig, den 3. September 1872. Vertrauliche Briefe XV. Ueber die Redekunst.*) Sie schreiben mir, daß Sie eigentlich am neugierigsten auf das-wären, was ich Ihnen über die Sprache sagenwürde. .In der Sprache läge am Ende doch dieeigentliche Beredsamkeit. Wem der Zauber der Sprache nicht auf die Zunge gelegt worden, was hülfe dem Pas.umfangreichste Wissen, die tiefsten Gedanken, die wärmsten Gefühle; und die möglichste Ordnung in diesem allen? Das Räthsel ist, daß sich zur rechten Zeit das rechte Wort, die Fülle des Ausdrucks für das, was gesagt werden soll, einstellt. Dem Einen versagt es, dem Andern strömt es mühelos zu. Ich will mich nicht verleiten lassen , auf diese Ihre Worte speciell einzugehen; denn im Grunde habe ich vieles davon bereits beantwortet. Ein großer Redner kann nicht jeder werden, ein Redner, ja ein guter kann jeder werden, der Wissen, Gedanken und Gefühl besitzt. Er kann sich diese Fähigkeit erwerben, und ich glaube, in meinen bisherigen Briefen schon manchen nutzbaren Wink dazu gegeben zu haben. So ist es ja auch mit dem Stile. Einen originellen, neuen und glänzenden Stil kann sich niemand schaffen, wohl aber einen flüssigen und correcten Stil; zu jenem gehören eigenthümliche Geistesanlagen , zu diesem führen Fleiß und Aufmerksamkeit, gute Muster und Uebung. Sich selber darf sich auch der originellste Stil nicht überlassen, weil er sonst bald mH Geschmacklose Überschläge während die Heran- und Ausbildung durch besonnene Rücksichtnahme auf Regel und Geschmack, auf die edelsten Vorbilder geschieht. Dem gegenüber ist freilich eben so sehr die Nachahmung zu verwerfen , die, je origineller der Meister ist, welcher nachgeahmt werden soll, desto eher zur Entstellung, ja zur Carricatur führt. Äch könnte Ihnen nun einfach als den obersten Grundsatz meiner Ansichtmach hinstellen: die Sprache muß dem Gegenstände entsprechen. Dieser Satz leuch- Nr. 22. 23. 26. 27. 30. tet jedermann ein, um so mehr, wenn wir hier Gegenstand und Zweck identificiren, diesen unter jenem mitverstehen. Ueber einen großen Gegenstand unbedeutende Worte, über einen kleinen hochklingende Phrasen zu machen, einen sentimentalen humoristisch und etwas Lächerliches pathetisch zu behandeln, wird stets den Zweck verfehlen oder die entgegengesetzte Wirkung hervorbringen. Allein ich möchte jenen Satz doch nicht so absolut hinstellen, als ob der Gegenstand nun unbedingt den ihm entsprechenden Ausdruck mit sich führe. Vielfache Beobachtung hat mich belehrt, daß es kaum einen Gegenstand giebt, aus welchem der Meister nicht etwas Bedeutendes, Anmuthendes, Fesselndes zu machen vermöchte. Nicht daß er hineintrage, was an sich nicht darin liegt — das Gemachte, Erkünstelte hält nicht lange Stich — sondern daß die Wünschelruthe seines Geistes und Gemüthes überall den verborgenen Schatz anzuschlagen und zu heben befähigt ist. Denn wie in der Natur auch das kleinste Werk das Gepräge der großen Schöpfungsgedanken an und in sich trägt, so auch im Reiche des Geistes; der Zusammenhang und die Verkettung, in denen das Kleine wie das Große mit der Gesammtheit steht, lassen uns in jeder Erscheinung die Menschheit und die Geschichte, das Walten der großen Gesetze, der Weltwie der Menschennatur erfinden und durch das Wort zum rechten Bewußtsein bringen. Es kommt also alles darauf an, die Sprache dem entsprechend zu machen, nicht was der Gegenstand an sich ist, sondern was wir aus demselben zu schöpfen und wie wir ihn erscheinen zu lassen beabsichtigen. Daraus ergeben sich nun allerlei Vorschriften, die sich zunächst in Gegensätzen bewegen. Die Sprache des Redners sei niemals nüchtern und dürr. Es giebt nur einzelne Momente, in welchen ein nüchterner, nackter, die Sache schroff bezeichnender Ausdruck ganz am Platze ist, wenn wir in die Seele des Hörers tief einschneiden, ihn gewissermaßen überraschen, ihm jede Flucht abschneiden wollen; er soll die Sache in ihrer ganzen Blöße sehen, ohne Vorurtheil, ohne Nebulirung. Sonst aber läßt eine dauernd nüchterne Sprache durchaus kalt, stößt ab und langweilt. Aber im Gegentheil ist eine schwülstige Sprache ebenso verkehrt; sie verdunkelt den Gegenß stand, übersättigt den Hörer, und die Absicht, des Redners,

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