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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1872-09-03 · Heft 36 (3.9.1872) · p. Seite 713

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
36 (1872)
Issue
Heft 36 (3.9.1872)
Date
1872-09-03
Page
Seite 713 (sequence 11)
Language
German
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Gymnasium! sowohl die goldene'als die silberne Medaille israelitischen Zöglingen zu Theil. — 15 Studenten mosaischer Konfession haben in diesem Jahre jhre akademischen Studien an hiesiger Universität rite beendet und zwar in der medicinischen Facultät 4, wovon 1 mit dem Prädicat „Ausgezeichnet", in der juristischen Facultät 8; in der philosophischen 1. — Das Comits für den Synagogenbau sieht sich in dieser alle unsere Kreise aufs lebhafteste interessirenden Angelegenheit so weit gefördert, daß es bereits einen Aufruf, an Bantechniker zur Einreichung von Zeichnungen erlassen konnte; für die erstbeste Zeichnung ist ein Preis von 750 Rubeln, für die zweitbeste ein solcher von 300 Rubeln festgesetzt. — Herr Schnitzer, Mitglied des hiesigen Synagogenchors, beabsichtigt hier eine Vorbeterschule in's Leben zu rufen. Wir können dem Unternehmen nur den besten Erfolg wünschen, da von ihm eine Verbesserung des leider noch sehr im argen liegenden Synagogengesangs namentlich der Provincialgemeinden, deren Vorbeter zumeist noch mit den profansten Liedern und widerlich verschnörkelten Melodien selbst an den höchsten Feiertagen die Andacht zu erwecken suchen, zu erwarten steht. — Ein aus Warschau gebürtiger jüdischer junger Mann, welcher sich zu der Zeit, als der deutsch-französische Krieg ausbrach, Studien halber in Berlin aufhielt,' ließ sich, von der allgemeinen Begeisterung hingerissen, in ein deutsches Regiment einreihen und machte die blutigsten Schlachten gegen die Franzosen mit. Nach Friedensfchluß hierher zurückgekehrt und ruhig, ohne etwas Arges, zu ahnen, seinem Gerufe obliegend, wurde er eines Tages von der Polizeibehörde Wirt und sah seiner Bestrafung wegen unerlaubter Theilnahme an einem.auswärtigen Kriege entgegen. Wahrscheinlich in Folge höherer Verwendung erhielt er aber seine Freiheit alsbald wieder. Der tapfere junge Mann ist auch durch Verleihung der deutschen militärischen Ehrenzeichen ausgezeichnet worden. Der zu Warschau erscheinende „Äsraelit", dem wir diese Mittheilung entnehmen, bemerkt sehr richtig dazu, daß, wenn dies überhaupt noch irgend eines Beweises bedürfte, dieser junge Mann, den keine äußere Pflicht zur Theilnahme am Kriege gezwungen habe, aufs schlagendste den den Juden so häufig gemachten Vorwurf .der Feigheit entkräfte.-—Im Schoße unseres rührigen Gemeindevorstandes, dem wir bereits eine vollständige Umgestaltung unserer Gemeindeorganisation verdanken, wird, gegenwärtig das Projett berathen, die Waisen oder sonst wie schutzlosem-Kinder -jüdischer Religion bei jüdischen Landwirthen behufs .Erlernung der Landwirthschaft unterzubringen. Auch soll die Absicht vorliegen, für sämmtliche Gemeindebeamte eine Pensionscasse zu gründen. — Vor kurzem hat sich hier unter Bekennern aller Confessionen ein Verein zur Besserung jugendlicher Verbrecher und Vagabunden durch Gründung von Handwerkercolonien auf dem Lande gebildet; für Kinder jüdischen Glaubens sollen besondere Abtheilungen eingerichtet werden, in welchen sich eine koschere Küche, Synagoge, Religionsschule befinden; der Leitung und Beaufsichtigung der betreffenden Anstalten, sowie der Erziehung der Zöglinge sollen nur solche Personen vorgesetzt werden, welche der hiesige Gemeindevorstand als geeignet empfiehlt. Wir haben bisher unterlassen, über einen Mortarafall, der sich hier jüngst zugetragen und in allen Blättern pro mtb contra leidenschaftlich besprochen wurde, zuberichten, weil uns noch immer nähere Details über seinen Ausgang fehlen. Wir holen das Versäumte heute nach: Der Sohn eines armen Schneiders David Scherman pflegte in der Wohnung eines seiner Schulkameraden seine Schulaufgaben anzufertigen. Hier lernte ihn der Agent einer deutschen Missionsgesellschaft, ein gewisser Herr I., ein Neophyt, kennen, und es wurde ihm nicht schwer, den Schneidersohn dem Glauben seiner Väter abwendig zu machen. Bei der ersten Gelegenheit nun, als dieser von seinem Vater wegen Faulheit bestraft wurde, entlief er demselben und flüchtete zu Herrn I., welcher ihn wiederum seinem Vorgesetzten, einem Herrn D., übergab, der als „Waisenvater" in dem Waisenhause zu Plochocin, einem Dorfe*) hinter Warschau, angestellt ist. Als der verzweifelte Vater nach langem Forschen endlich den Aufenthaltsort seines Sohnes erfuhr, begab er sich nach Plochocin, wo man aber allem seinem Weinen und , Flehen um Heraus- .gabe seines Kindes ein erbarmungsloses nein! entgegensetzte. Doch die Polizeibehörde, an die er sichmun-- mehr wandte, lieferte den unmündigen Flüchtling nach Warschau, wo er einige Tage unter polizeilichem *) Dieses Dorf nebst Waisenhaus gehört einem erst vor wenigen Jahren getauften Juden, Herrn Adolph Janasch, der zugleich der Schutzpatron dieses Missionskreises und auf die Bekehrung seiner ehemaligen Glaubensgenossen, namentlich aber unmündiger Judenkinder sehr erpicht ist. Corresp. .

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