Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1872)
- Date
- 1872-08-27
- Page
- Seite 701 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Aegyptologisches. Nach einer vor einigen Jahren gemachten Entdeckung pflegten die Aegypter nicht eine trockene Aufzählung ihrer Provinzen zu geben, sondern sie zogen es vor, an dem Erdgeschoß ihrer Tempel, welche unter den Auspicien gewisser Könige gegründet waren, die einzelnen Bezirke des Reiches in Procession als dem Herrscher huldigende Personen, die betreffenden Nomossymbole auf dem Kopfe und die eigenthümlichen Producte in der Hand, austreten zu lassen, während der obere Theil dieser grandiosen Gebäude mit Darstellungen ihrer Mythologie und der Plafond mit astronomischen Bildern ausgeschmückt wurde. Da wo demnach die Tempel erhalten oder vom Schutte befreit sind, ist man sicher, den Namen der Stadt zu erfahren. Solche Gaulisten hat Herr Professor Dümichen (jetzt in Straßburg) publicirt. Besonders anziehend ist Folgendes. Bekanntlich herrschten unter den Auslegern des alten Testaments verschiedene Ansichten über die Lage ^des Ländchens Gosen, indem die einen es nach Oberägypten, andere, wie z. B. der gelehrte Jablonski, nach Mittelagypten (Heptanomis), in das sogenannte Fayum verlegten. Den neu entdeckten Listen zufolge war es im 26. unterägyptischen Gau gelegen, an der Ostseite des Delta, wohin es die richtige Ueberlieferung der 70 Dolmetscher als Feüffi bereits gesetzt hatte. Wie wichtig diese Bestimmung für die Geschichte des Eisodus und des Exodus zu werden verspricht, braucht nicht weitläufig erörtert zu werden. Wir haben Gosen nirgends anders gesucht (s. unfern Bibelcommentar zu 1 Mos. 45, 10). Unsere Leser wissen, daß wir den Fortschritten der ägyptologischen Forschungen aufmerksam folgen, deren Resultate für die heilige Schrift von so wesentlichen Beziehungen find. Die besonnenen Forscher, wie Chabas, Lauth, Brugsch, Ebers, Dümichen rc., finden bei uns freudige Anerkennung. Es kann aber in unserer Zeit nicht ausbleiben, daß sich auch die unruhigen Hypothesenmacher der selbstverständlich noch sehr zerstreuten Ergebnisse bemächtigen und durch ihre unzuverlässigen Combinationen die Verwirrung da wieder hineinbringen, wo eben ein Lichtstrahl aufgegangen war. Können denn diese Herren nicht warten, bis über einen noch dunkeln Punct sich mehr Aufschlüsse gefunden haben? Das nennen diese Leute Wissenschaft, wenn sie aus dem schwächsten Grunde alsbald ein luftiges Bauwerk errichten, das vor dem nächsten neuen Funde wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Ein solches Machwerk liegt in einem so eben erschienenen Vortrage von Dr. August Eisenlohr in Heidelberg (Leipzig 1872. Hinrichs) vor, dem der anlockende Titel gegeben ist: „Der große Papyrus Harris. Ein wichtiger Beitrag zur ägyptischen Geschichte, ein 3660 Jahr altes Zeugniß für die mosaische Religionsstiftung enthaltend." Diese großsprecherische Verheißung wird darin in keiner Weise erfüllt. Der 1869 in Alexandrien verstorbene Aegyptolog A. C. Harris besaß auch neun ägyptische Papyrusrollen, von denen die größte „der große Papyrus Harris" genannt worden ist. Diese Rolle ist nicht weniger als 4 61/2 Meter lang und 421/2 Centimeter breit. Sie ist jetzt aufgerollt und in 79 Blätter abgetheilt. Das ganze Schriftstück besteht aus einer Anrede Ramses III. an sein Volk, und enthält eine ausführliche Schilderung alles dessen, was der König in der langen Zeit seiner Regierung in's besondere für die Götter Aegyptens und deren Tempel gethan hat. Zuletzt geht er auf die Geschichte seiner Thaten über und leitet sie durch die Erzählung der Ereignisse ein , welche seiner Regierung vorangingen. Er sagt hier: „Es war das Land Aegypten in Verfall gerathen (wörtlich: hinausgeworsen), jeder Mann nach seinem Belieben, nicht war ihnen ein Oberhaupt lange Jahre, das die Obergewalt hatte über die übrigen Dinge. Es gehörte das Land Aegypten den Fürsten in den Gauen. Einer tödtete den andern in Eifersucht. Andere Zeiten kamen darnach in Jahren der Noch. Es hatte sich gemacht ein syrischer Häuptling unter ihnen zum Fürsten, er brachte das ganze Land zum Gehorsam unter feiner einzigen Führung. Er versammelte feine Genossen, plünderte die Schätze des Landes. Sie hatten gemacht die- Götter ähnlich den Menschen. Nicht wurden mehr Opfer dargebracht im Innern der Tempel. Es waren die Götterbilder umgestürzt zu ruhen auf der Erde. Sein Wille war mit seinem Pläne in Uebereinstimmung. Da setzten sie (die Götter nämlich) ihren Sohn, hervorgegangen aus ihren Gliedern, zum Fürsten des ganzen Landes auf ihren großen Thron, den Raufer scha fotep en ra meramon, Ra setinecht meramvn. Er war Chepera Sutech in seinem Gewitter, er stellte zurecht das ganze Land, welches in Aufruhr war. Er vernichtete die Frevler, welche waren im Lande Aegypten. Er reinigte den großen Thron von Aegypten. Er war der Fürst beider Länder auf dem Stuhle des Tum.- Er machte die Angesichter aufrecht, die umgekehrt waren , so daß erkannte jedermann seinen Bruder. Was war ringe-, stürzt, das richtete er wieder auf, die Tempel mit ihren Stiftungen, um zu opfern der Neunzahl der Götter gemäß ihren Satzungen. Er setzte mich ein zum Kronprinz auf dem Stuhle des Seb." Ramses HI. schildert also hier eine Periode, wie etwa die der spätern Dodekarchie, wo kein König die Oberherrschaft hatte und die einzelnen Fürsten sich bekämpften, ein syrischer Heerführer dadurch Gelegenheit nahm, in Aegypten einzufallen, zu plündern und zu verwüsten und in's besondere gegen den ägyptischen Göttercultus zu wüthen, bis der Vater des Königs den Feind besiegle, aus Aegypten vertrieb und die Tempel und Götterbilder wieder herstellte. Es ist