Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1872)
- Date
- 1872-08-27
- Page
- Seite 689 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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genommen, indem dieses an . das. Kreisordnungsgesetz sich lehnen soll, welches man trotz allem durch das Herrenhaus' zu bringen hofft. Es versteht sich , daß dieser Entwurf unsere besondere Aufmerksamkeit wach halten muß. Die Fragen über das jüdische Schulwesen, die Stellung der jüdischen Schulen und Lehrer können dabei nicht umgangen werden, und da die Zeit des Jgnorirens aller jüdischen Angelegenheiten vörüber ist, so drängen sich jene Fragen dem Gesetzgeber von selbst auf. Würde der Confessionalismus aus der preußischen Schule beseitigt, so würde die Angelegenheit unserer Schule für den Staat zu exiftiren aufhören. Dies ist aber nicht zu erwarten, und somit fängt sie für den preußischen Staat erst recht an. Wer das Verfahren des Herrn Ministers vr. Falk bei der bekannten Ministerialconferenz beachtet, aber weiß, daß vr. Falk von Vorurtheilen nicht befangen ist, und wer ferner weiß, daß dieser Mann, sobald ihm eine neue Frage entsteht,- sich vor allem die vorhandenen Materialien ansieht und zurecht legt — der muß schließen, daß der neue Minister von der Existenz einer jüdischen Schulangelegenheit nichts gewußt hat, daß sie ihm erst während der Conferenz als Seminarfrage aufstieß, und daß er dann sofort jüdische Sachverständige deshalb berief, um sich über die Sachlage zu unterrichten. Seminarien setzen aber Volksschulen voraus, und so kann der Minister bei den jüdischen Seminarien nicht stehen bleiben. Materialien liegen übrigens genügend vor; und so werden wir den Entwurf abwarten müssen, um weitere Schritte zu thun. Was festzuhalten ist, wäre, daß die von den jüdischen. Gemeinden errichteten Schulen aus dem Charakter von „Privatschulen" herauskommen und den andern confessionellen Volksschulen gleichgestellt werden. Die Basis hierfür ist nicht schwer zu finden. Sobald an einem Orte confessionelle Communalvolksschulen bestehen und die Zahl der jüdischen Schüler eine vom Gesetze für alle Confessionen zu bestimmende Höhe erreicht hat, ist die Commune verpflichtet, auch eine jüdisch-confes'sionelleVolksschule zu errichten. Selbstverständlich untersteht diese dann ebenso den gesetzlichen Bestimmungen, wie die katholische und die evangelische. Dies. ist . die einfache Bestimmung, die in das Unterrichtsgesetz ausgenommen werden muß, und wodurch die ganze Frage gelöst ist. Jede anders geartete Bestimmung würde das Zwitterwesen nur verewigen. Es ist Zeit, daß diese Ansicht genügend besprochen und verbreitet werde, uw im rechten Augenblicke sich geltend machen zu khvnen. — Ueber die Hochschule sür die Wissenschaft des Judenthums ist nun das erste Halbjahr hinweggegangen, und es wird wohl in nächster Zeit das Verzeichniß der Vorlesungen für das Wintersemester veröffentlicht werden. Die „Spenersche Zeitung" bemerkte jüngst , daß die Zahl der Zuhörer im verflossenen Halbjahr achtzehn betragen hat, und schloß hieraus , daß die Hochschule "bei der studirenden Jugend keinen Anklang gefunden habe. Dieser Schluß ist für jeden, der die Verhältnisse kennt, ein völlig ungerechtfertigter. Im Gegentheil ist für ein so neues Institut, das innerhalb der schroffen und aufgeregten Parteien entstanden ist, die genannte Zahl sehr erheblich und, vorausgesetzt daß sie stetig wächst, bezeugt sie schon jetzt, daß die Hochschule sich Raum und Wirksamkeit weithin gewinnen werde. Es ist hierbei nicht zu übersehen, daß die berliner Universität an Besuchern sehr verloren hat, und durch die Theuerung des Platzes den weniger begüterten Studirenden den Aufenthalt sehr schwierig macht. Jedenfalls haben die Lehrer der neuen Anstalt nach zweifacher Richtung hin erwiesen, daß ihre Wahl eine glückliche war, nämlich durch die Tüchtigkeit ihrer Vorträge und durch die Harmonie, die im Lehrkörper obwaltet, obgleich diese Herren sehr verschiedenen Standpuncten angehören. Es wird darauf ankommen, ob es dem Curatorium gelingt, die noch vorhandenen Lücken angemessen auszufüllen, wozu wiederum eine Vermehrung der Geldmittel unentbehrlich ist, um auf der gewonnenen Grundlage ein dauerndes Gebäude aufzuführen. — Auch hier wie an vielen andern Orten macht sich, bereits der Mangel an tüchtigen jüdischen Lehrern sehr fühlbar. Was Sie vor achtunddreißig Jahren den Gemeinden vorausgesagt haben, ist eingetroffen. Zu dem, erst im letzten Jahrzehnt etwas gemilderten Mangel an Vorbereitungsanstalten kommt aber jetzt die Nothwendigkeit hinzu, die Gehälter sehr zu erhöhen, uw gediegene Kräfte dem Lehrfache zuzuführen und an dasselbe zu fesseln; und hierzu möchten nicht viele Gemeinden die Mittel besitzen. Als drittes Moment ist nicht zu übersehen, daß auch der jüdische Lehrer sich der Abhängigkeit nicht mehr unterziehen will, iy welcher ihn die Gemeinden, die Mittlern und kleinern namentlich, durchaus erhalten wollen. Durchgreifende Veränderungen werden hiex erforderlich : sein. Wir